Ständige Beschäftigung ist ungesund: Warum wir uns öfter langweilen sollten
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Ständige Beschäftigung ist ungesundWarum wir uns öfter langweilen sollten

Sich langweilen ist gesund. Doch laut Experten passiert das heutzutage viel zu wenig. Warum wir das Nichtstun wieder lernen müssen.

von
Jennifer Furer

«Bei Langeweile kriegt man doch harte Depressionen»: Das sagen Passanten zum Thema Nichtstun. (Video: jen/duf)

Beim Warten auf den Bus das Handy zücken, nach einem harten Arbeitstag den TV einschalten oder vor dem Einschlafen noch Social-Media checken: In kaum einer Situation schaffen wir es, unbeschäftigt zu sein. Dabei ist es laut Experten äusserst wichtig, sich einfach mal zu langweilen und nichts zu tun.

Professor Claas-Hinrich Lammers von der Asklepios-Klinik Ochsenzoll in Hamburg sagt zum Fernsehsender RTL: «Wenn wir unsere Gedanken schweifen lassen, werden in unserem Gehirn vier Areale aktiviert, die weit auseinanderliegen und sonst nur selten zusammenarbeiten.» Durch bewusste Auszeiten würden die besten Bedingungen für Kreativität geschafft. Zudem diene es dem inneren Kompass: Wer nichts tue, sei unterfordert und orientiere sich neu. Langeweile sei auch wichtig für die Erholungsphase im Gehirn. Geschehe das nicht, riskiere man ein Burn-out.

«Langeweile ist in unserer Kultur nicht mehr verankert»

Jakob Scherrer, Psychologe und Psychotherapeut aus Winterthur, stimmt dem zu: «Es ist erstrebenswert, dass wir wieder lernen, nichts zu machen.» In der heutigen Zeit gehe das insbesondere durch Smartphones zunehmend verloren. «Die Geräte sind so verführerisch, immer exklusiver und unverzichtbarer», so Scherrer. Schaue man sich beispielsweise im Zug um, sehe man mehrheitlich Leute, die am Handy hängen. Für die Erholung sei es aber unerlässlich, dieses auch einmal wegzulegen.

Nicht nur das Handy sei schuld, dass wir uns nicht mehr langweilen. «In unserer Kultur ist es schlicht nicht mehr verankert», sagt Scherrer. Er würde es begrüssen, wenn die Gesellschaft dieses Talent wieder gewinnen würde.

Anfangen sollte man bei der Sprache. «Der Begriff ‹Langeweile› ist negativ konnotiert. Besser wir würden das Nichtstun als relaxen, ruhig oder locker sein bezeichnen», sagt Scherrer. Seinem Hirn eine Auszeit von Gedanken zu gönnen, sei schwierig. Aber der Psychologe meint, dass es mit ein wenig Training einfach erlernbar sei. Was beachtet werden muss, um sich richtig zu langweilen, lesen Sie in der Box.

Gibt es noch Situationen, in denen Sie sich langweilen? Welche sind das? Und was machen Sie, um die Langeweile zu vertreiben?

Wie langweile ich mich richtig?

Psychologe und Psychotherapeut Jakob Scherrer empfiehlt, Ablenkungen zu vermeiden. Das heisst: Handy oder sonstige elektronische Geräte weit weglegen. «Man sollte die Hände ruhig halten, den Körper relaxen und die Wärme in den Händen und Füssen spüren.» Der Atem verlangsame sich und der Kopf werde angenehm leer. «Falls Gedanken aufkommen, sollte man versuchen, diese auszuschalten», sagt Scherrer. Mit ein wenig Übung gelinge das jedes weitere Mal besser. Wichtig sei, dass man dabei nicht müde ist. «Sonst schläft man ein. Das ist nicht das Ziel», sagt Scherrer.

Auch bei der Arbeit oder unterwegs sei es möglich, sich zu langweilen und die Gedanken auszuschalten. «Während der Arbeit sollte man sich fünf Minuten nehmen und probieren, diesen Zustand herbeizuführen.» Danach sei man wieder bereit für die Arbeit. Auch der Zug sei ein geeigneter Ort, um sich zu langweilen. Scherrer: «Ich rate jedem, einfach mal ins Leere zu schauen und die Gedanken abzuschalten, statt aufs Handy zu schauen oder ein Buch zu lesen.»

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