Aktualisiert 25.03.2016 10:23

WandermärchenWarum wir uns ständig neue Lügen auftischen

Haben Sie von den Senioren gehört, die wegen Flüchtlingen ihre Wohnungen verloren? Oder von den Gift-Betrügern? Falls ja: Vorsicht, alles nur Märchen!

von
Gabriel Brönnimann

Der Mensch hat das Geschichtenerzählen im digitalen Zeitalter nicht verlernt. Im Gegenteil: Wohl kaum je zuvor ist so viel kommuniziert worden wie heute – per Telefon, E-Mail, SMS, Facebook, Whatsapp, Twitter, Skype, Instagram, Snapchat oder wie auch immer die Technologie der Stunde gerade heisst. Viele Erzählformen erleben deshalb eine wahre Blütezeit.

Eine ist die der modernen Märchen – bekannt als «Urban Legends», «Wandersagen», «Hoaxes» oder «Wandermärchen». Das Internet ist ein Turbo für diese modernen Mythen, braucht es auf Facebook doch nur noch den Klick auf die «Teilen»-Taste, und schon sind sie an hunderte «Freunde» weitererzählt. Fast täglich trifft man auf sozialen Netzwerken auf neue Geschichten, auf Empörendes, ja Unerhörtes. Vieles hält keiner Überprüfung stand. Und trotzdem wandern diese Märchen munter weiter.

Das Märchen von den GPS-Gangstern

Viele sind harmlos genug und werden kaum mehr ernst genommen. Ein Beispiel: Jemand erzählt, eine Bekannte habe eine riesige Giftspinne in der neu gekauften Yucca-Palme gefunden. Deren Schwester sei am Spinnenbiss fast gestorben! Selbst wenn es hin und wieder vorkommen sollte, dass weitgereiste Spinnen es bis in Schweizer Wohnungen schaffen: Die Geschichte mit der Palme wird europaweit seit Jahrzehnten so oft erzählt, dass die Yucca-Palme wegen der Invasion der Killer-Spinnen längst verboten wäre.

Andere Geschichten sind weniger harmlos – und beschäftigen auch die Polizei. Etwa die Geschichte mit den GPS-Gangstern. Die geht so: Es wird vor einer neuen Gauner-Masche gewarnt. Besonders an Tankstellen soll man auf der Hut sein: Dort verteilen verdächtige junge Männer – sie wirken ganz freundlich – Gratis-Schlüsselanhänger. Die dürfe man aber auf keinen Fall mitnehmen: Sie hätten einen GPS-Chip eingebaut. So finden die Gangster heraus, wo die Beschenkten wohnen und bekommen per GPS auch mit, wenn die Luft dort wieder rein ist. Dann räumen sie die Wohnung ihrer Opfer aus.

Die Polizei kann Geschichten über solche Geschichten erzählen

Die GPS-Geschichte erzählt man sich in Amerika, in Afrika und auch in Europa. Tatsache ist aber: Es gibt auf der ganzen Welt keinen einzigen belegten Fall von präparierten Schlüsselanhängern – das Ganze ist frei erfunden. Mehrere Schweizer Polizeisprecher bestätigen, dass ihnen diese oder ähnliche Geschichten bekannt sind – und dass Polizisten gelegentlich mit ihnen konfrontiert werden.

Sie nennen weitere Beispiele (siehe auch Bildstrecke). Es gibt unzählige: Organhändler suchen gerade in der Region nach jungem Frischfleisch. Sie benutzen einen gelben Lieferwagen. Oder die Gift-Gangster: Fremde Verkäufer geben einem vor dem Lädeli eine Visitenkarte – doch diese ist mit Gift präpariert, so dass man kurz danach einschläft und – im besten Fall – «nur» ausgeraubt wird. Oder Variante zwei: In schönen Damen-Lederhandschuhen von Marktverkäufern stecken kleine Gift-Nadeln (mit den Opfern passiert dasselbe wie bei den Visitenkarten).

Darum glauben und erzählen Menschen diese Märchen

Gift, Raub, Entführung, Mord und Totschlag: Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt, die erwähnten Methoden abenteuerlich. Wer nachdenkt – oder noch besser: nachfragt, den Ursprung der Nachricht sucht oder sich bei anderen, verlässlichen Quellen informiert, der sollte meist schnell zur Einsicht gelangen, dass diese Meldungen alle erfunden sind. Aber sie werden geglaubt und geteilt, also weitererzählt. Immer wieder aufs Neue. Doch warum?

«Es war schon immer so: Wer eine tolle, fantastische Geschichte erzählen kann, eine spannende, eine witzige – der hat die Aufmerksamkeit auf sicher», sagt Daniel Süss, Professor für Medienpsychologie an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Was früher am Lagerfeuer, am Stammtisch, auf dem Markt stattgefunden habe, das gelte auch für moderne Kommunikationsmittel: «Dieses Motiv ist bis heute gleich geblieben: Der Geschichtenerzähler erhält als Lohn Aufmerksamkeit.»

«Ängste und Aggressionen»

Doch der Experte sieht bei den Geschichten über verbrecherische Ausländer noch andere Mechanismen am Werk:«Psychologisch ist das eine Konstante. Was man nicht kennt, das kann spannend und interessant sein – oder es bietet eine Projektionsfläche für Ängste und Aggressionen.» Mit anderen Worten: «Ein Aspekt, den man nicht vergessen darf, wenn es um Ausländer, um Fremdes geht in erfundenen Geschichten: Da gibt es einen propagandistischen Aspekt.»

«Der Mensch ist ein soziales Wesen, er kommuniziert gern mit seinesgleichen, ist ein Geschichtenerzähler. Das ist offenbar ein Urbedürfnis», sagt Frank Ziemann von der Technischen Universität Berlin. Ziemann beschäftigt sich auf dem Hoax-Info-Service der TU seit Jahren mit Wandermärchen – es gibt kaum eine grössere Sammlung im Internet. Das Urbedürfnis des Erzählens, so Ziemann, erkläre nicht nur den Erfolg der so genannten sozialen Netzwerke, sondern auch der Wandersagen: «Der Begriff ‹Sage› kommt von ‹sagen›, also einer mündlichen Überlieferung. Und die Kommunikation in den sozialen Netzwerken wird nicht als verbindliche Schriftform, sondern als eher unverbindliche mündliche Übermittlung praktiziert und wahrgenommen.»

Propaganda: Glauben, was man kennt

Ziemann hält ebenfalls fest, dass es grosse Unterschiede gibt bei viralen Hoaxes. Die Spanne geht von eher harmlosen Kettenbrief-Scherzen bis zu Propaganda 2.0. «Die fremdenfeindlichen Geschichten sind rechte Propaganda, die gezielt gestreut wird», so Ziemann. Der Experte erklärt: «Oft werden bestehende Geschichten in einen Zusammenhang mit Fremden gebracht, der ursprünglich nicht bestand. Die Geschichte mit dem Schlüsselanhänger ist ein Beispiel dafür». Tatsächlich: In der Urversion der Geschichte ging es nicht um Ausländer oder Verbrechen.

Aber warum funktioniert diese Propaganda so gut, wo man doch mit wenig Aufwand zeigen kann, dass all diese Meldungen völliger Quatsch sind? Das habe viel mit dem Märchen-Zuhörer zu tun: «Geschichten wirken glaubwürdiger, wenn man vorher schon Ähnliches gehört hat», erklärt Medienpsychologe Süss. «Deshalb wirkt auch plumpe politische Propaganda: Die Behauptungen können noch so grosser Unsinn sein – werden sie oft genug wiederholt, denkt man sich irgendwann, es sei etwas dran. Ein irrationaler Effekt, der leider funktioniert.»

Märchen misstrauen

Gibt es ein Gegenmittel gegen all das Propaganda-Gift der Wandermärchen? «Wichtig sind Dementi zu falschen Aussagen von möglichst vertrauenswürdiger Quelle – und falls möglich wiederholte Dementi. Das ist das effektivste Mittel, um Falschaussagen und Gerüchte und Propaganda zu kontern», sagt Süss. Man sollte zudem aufzeigen, wie und wo diese Geschichten entstehen, sagt der Medienpsychologe – «und wohin man sich wenden kann, wenn man sie antrifft.»

Die Hoax-Sammlung der TU Berlin finden Sie unter Hoax-Info Service. Ebenfalls empfehlenswert ist das Portal Mimikama, das über Hoaxes und Betrüger im Internet informiert.

Haben Sie auch schon ein Schweizer Wandermärchen angetroffen? Schreiben Sie uns ein Mail mit dem Betreff «Wandermärchen» an feedback@20minuten.ch – wenn möglich mit genauer Beschreibung und, falls vorhanden, mit Link/Bildmaterial.

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