Aktualisiert 23.09.2014 06:19

Tausende Flüchtlinge

Warum zögert die Türkei im Kampf gegen den IS?

Die Türkei wird zurzeit von syrischen Flüchtlingen regelrecht überrannt. Trotzdem kämpft sie nicht aktiv gegen den «Islamischen Staat». Ein Experte erklärt, warum.

von
A. Bättig

Herr Karadag, warum hält sich die Türkei im Kampf gegen die Terroristen des «Islamischen Staates» so zurück?

Roy Karadag: Man hat Angst vor Terroranschlägen innerhalb der Türkei. Anders als andere europäische Staaten grenzt die Türkei direkt an Syrien und den Irak. Diese Grenzen sind zum Teil porös und für IS-Terroristen leicht zu überwinden. Was die Türkei zurzeit am wenigsten brauchen kann, sind Anschläge von Leuten, bei denen sie in den Augen der Bevölkerung bis jetzt ein Auge zugedrückt hat. Sollten die Türken militärisch gegen den IS vorgehen, muss mit solchen Anschlägen gerechnet werden.

Muss die Türkei früher oder später mit einem Angriff des IS rechnen?

Darüber kann man nur spekulieren. Ich wüsste aber nicht, warum die IS die Türkei zurzeit direkt angreifen sollte. Man wartet jetzt mal ab und schaut, wie sich die Türkei im Konflikt verhält.

Welche Rolle spielt die Türkei für den IS?

Bis jetzt brauchte der IS die Türkei als Transitland. Sowohl für ihre Kämpfer als auch für das Öl. In den Grenzgebieten gibt es genügend Menschen, die vom Ölschmuggel profitieren können. Hingegen ist der IS sicher nicht mehr so abhängig von der Türkei, wie es dschihadistische Gruppen noch vor ein, zwei Jahren waren.

Wie gross ist der Druck westlicher Staaten auf die Türkei, gegen den IS vorzugehen?

Die Türkei befindet sich zurzeit in einem Dilemma. Sie möchte sich diplomatisch autonom, aber auch gegenüber den westlichen Staaten als verlässlicher Partner zeigen. Der Westen weiss, dass er die Türkei für ein Kriegs- beziehungsweise Postkriegs-Szenario braucht. Die Türkei hat hier die Verhandlungsmacht. Sie spürt die Auswirkungen des Kriegseinsatzes direkt.

Diese Woche kamen 49 türkische Geiseln aus IS-Haft frei. Gab es dafür Gegenleistungen und wenn ja, welche?

Es muss davon ausgegangen werden, dass es Gegenleistungen gab. Ob finanzielle oder politische, das lässt sich nicht sagen. Man muss aber sehen, dass der IS nicht so rabiat gegen türkische Geiseln vorgeht wie zum Beispiel gegen amerikanische oder britische.

Nun hat die kurdische Arbeiterpartei PKK Kurden zum Kampf gegen den IS aufgerufen. Was bedeutet das für die Türkei?

Das ist sehr heikel. Die Türkei will verhindern, dass die Zustimmung für die PKK innerhalb und ausserhalb des Landes steigt. Sie ist momentan um eine Aussöhnung mit der PKK bemüht. Momentan ist jedoch noch nicht klar, wie diese aussieht. Die türkische Regierung will aber auf jeden Fall verhindern, dass sich die PKK als einzig wahrnehmbare Retterin in Nordsyrien aufspielt und so populärer wird.

In den letzten Tagen gelangten über 100'000 syrische Kurden an die Grenze zur Türkei und wurden dort mit Wasserwerfen und Tränengas empfangen. Warum?

Wie chaotisch die Situation vor Ort war und warum genau Wasserwerfer und Tränengas eingesetzt wurden, kann ich nicht beurteilen. Bis jetzt kamen aber vor allem sunnitisch-arabische Syrer als Flüchtlinge in die Türkei. Gegen die wäre man sicher zurückhaltender vorgegangen. Die Kooperation mit den kurdischen Flüchtlingen aus Nordsyrien gestaltet sich schwieriger, weil sie unter dem Einfluss der Volksverteidigungseinheiten YPG stehen. Und die stehen der PKK nahe. Bis jetzt hat die Türkei zudem über eine Million Flüchtlinge aufgenommen. Das Bild des armen Syrers auf den Strassen der Türkei ist prägnanter geworden und damit der Diskurs, wie mit den Flüchtlingen umzugehen ist, härter.

Zur Person

Roy Karadag ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Interkulturelle und Internationale Studien (InIIS) der Universität Bremen.

Türkei bei Touristen beliebt

Trotz des Kriegs in den Nachbarländern Syrien und Irak ist die Türkei bei Schweizer Touristen als Ferienziel gefragt: «In diesem Herbst ist die Türkei eines unserer Top-3-Reiseländer», sagt Roland Schmid, Sprecher von Tui Suisse. Einen Einbruch der Buchungen spüre man nicht, im Gegenteil: «Wir liegen über dem Vorjahresniveau.»

Auch bei Kuoni spürt man keinerlei Auswirkungen des IS-Terrors auf die Beliebtheit der Türkei: «Unsere Kunden sind gut informiert und wissen, dass die betroffenen türkischen Grenzgebiete sich fernab der Tourismusorte befindet», sagt Sprecher Peter Brun. Anfragen von besorgten Kunden, die eine bereits gebuchte Reise in die Türkei annullieren möchten, habe man nicht registriert.

«Leute fühlen sich wohl»

Auch Tui-Sprecher Schmid sagt: «Wir spüren bei den Kunden keine Beunruhigung. Und die 100 Reiseleiter, die wir vor Ort haben, berichten uns, dass sich die Leute an ihren Ferienorten wohl fühlen.» Wer vor der Abreise in die Türkei verunsichert sei, solle sich an sein Reisebüro wenden. «Mit Personen, die ihre Reise absagen oder verschieben möchten, würden wir eine individuelle Lösung suchen.»

Generell kann eine Ferienreise nicht kostenfrei annulliert werden, solange das Aussendepartement EDA keine Reisewarnung für ein Ziel herausgibt. Dies ist nicht der Fall: Das EDA schreibt in seinen Reisehinweisen für die Türkei lediglich, ein erhöhtes Risiko bestehe in der Grenzregion zu Syrien und Irak. Von Reisen in das Grenzgebiet zu Syrien rät das EDA ab. (lüs)

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