Sprachenstreit: Was bringt denn eigentlich das Frühfranzösisch?

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SprachenstreitWas bringt denn eigentlich das Frühfranzösisch?

In der Schweiz ist ein Streit über den Sinn von Fremdsprachen in der Primarschule entbrannt. Expertin Ursula Bader ist überzeugt: Frühenglisch und -französisch nützen Kindern viel.

von
jbu
Ursula Bader ist Professorin für Englischdidaktik und Expertin für erste Fremdsprachen an der Fachhochschule Nordwestschweiz.

Ursula Bader ist Professorin für Englischdidaktik und Expertin für erste Fremdsprachen an der Fachhochschule Nordwestschweiz.

Frau Bader, ist die Befürchtung, dass Kinder mit zwei Fremdsprachen in der Primarschule überfordert sein könnten, berechtigt?

Nein, aus meiner Sicht nicht. Die aktuellen Lehrpläne für die Primarstufe sehen vor, dass vor allem das Hör- und Leseverstehen gefördert werden. Dies kann auch schwächeren Schülern Freude bereiten. Natürlich gibt es Kinder, die Schwierigkeiten damit haben. Aber das gibt es auch im Deutsch und in der Mathematik - und diese Fächer streicht niemand aus dem Lehrplan. Es wäre falsch, aus Rücksicht auf diese Kinder allen anderen Schülern den Zugang zu Fremdsprachen zu verwehren.

Aber ist es für einen schwachen Schüler nicht umso schwieriger, richtig Deutsch zu lernen, wenn er daneben noch Englisch und Französisch büffeln muss?

Grundsätzlich sollen die Kinder eine Fremdsprache nicht büffeln müssen. Wenn ein Kind Mühe mit der deutschen Sprache hat, haben die Lehrpersonen die Möglichkeit, seine Lernziele auch in den Fremdsprachen anzupassen. Ein Legastheniker muss Französischwörtchen sicher nicht korrekt schreiben können - es reicht, wenn er sich einige merken kann oder richtig abschreiben kann. Er kann aber zeigen, wie viel er versteht - und wie gut er zum Beispiel im Rollenspiel ist.

Gemäss Kritikern ist auch das Können durchschnittlich begabter Primarschüler nach zwei Jahren eher bescheiden.

Das kommt darauf an, woran man es misst. Grundsätzlich sind bei Primarschülern nicht korrekte Grammatik und Orthografie ausschlaggebend - damit wären tatsächlich viele noch überfordert. Misst man aber das Hör- und Leseverstehen und wie gut sie sich bereits verständigen können, sind Eltern wie Lehrpersonen beeindruckt und die Kinder zu Recht auf sich stolz.

Sind die Primarlehrer denn der Herausforderung gewachsen, Fremdsprachen altersgerecht zu vermitteln?

Jene, die eine Ausbildung im Bereich absolviert haben, auf jeden Fall! Im Kanton Aargau haben 450 der Primarlehrpersonen ein interkantonal anerkanntes Ergänzungsstudium für den Englischunterricht an der Primarstufe absolviert. Seit sechs Jahren erhalten die Regelstudierenden eine fachdidaktische Ausbildung. Grundsätzlich bin ich der Meinung, Schulleitungen sollten nur Lehrpersonen anstellen, die dieses Kriterium erfüllen.

Lohnt sich der Aufwand dann überhaupt? Oder sind Schüler, die nur in der Oberstufe Französisch haben, am Ende genauso gut wie jene, die schon in der Primarschule beginnen?

Es gibt noch keine wissenschaftliche Untersuchung dazu und wir können nur Vermutungen anstellen. Auf jeden Fall werden wir mehr Kinder haben, die freier und unverkrampfter mit anderen Sprachgruppen kommunizieren. Gerade in der Schweiz ist diese Fähigkeit für den gesellschaftlichen Zusammenhalt wichtig.

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