Hautfarbe, Alter, Herkunft - Was bringt die DNA-Analyse bei schweren Gewaltdelikten?
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Hautfarbe, Alter, Herkunft Was bringt die DNA-Analyse bei schweren Gewaltdelikten?


Bei Straftaten sollen künftig mittels DNA-Spuren die Täterinnen und Täter ausfindig gemacht werden. Das führe zu Diskriminierung und Genetic Racial Profiling, fürchten Kritikerinnen und Kritiker.

von
Leo Hurni
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Mittels DNA-Analysen sollen Forensikerinnen und Forensiker Merkmale wie Alter, Augen-, Haar- und Hautfarbe sowie «biogeografische Herkunft» der Straftäterinnen und -täter ausfindig machen. 

Mittels DNA-Analysen sollen Forensikerinnen und Forensiker Merkmale wie Alter, Augen-, Haar- und Hautfarbe sowie «biogeografische Herkunft» der Straftäterinnen und -täter ausfindig machen.

Adrian Moser
Das fordert eine Vorlage, über die am Dienstag im Nationalrat entschieden wird. 

Das fordert eine Vorlage, über die am Dienstag im Nationalrat entschieden wird.

Police cantonale valaisanne
Mitte-Nationalrätin Ida Glanzmann-Hunkeler setzt sich für eine Annahme ein. Sie ist überzeugt: Mit dem DNA-Gesetz könnten in Zukunft Verbrechen einfacher aufgeklärt werden. 

Mitte-Nationalrätin Ida Glanzmann-Hunkeler setzt sich für eine Annahme ein. Sie ist überzeugt: Mit dem DNA-Gesetz könnten in Zukunft Verbrechen einfacher aufgeklärt werden.

PARLAMENTSDIENSTE

Darum gehts

  • Mittels DNA-Analysen sollen künftig bei schwereren Straftaten Täterinnen und Täter identifiziert werden.

  • Über ein entsprechendes Gesetz wird am Dienstag im Nationalrat entschieden.

  • Gegner warnen: DNA-Analysen führten zu Diskriminierung.

Der Fall sorgte schweizweit für viel Aufsehen: Im Sommer 2015 wurde in Emmen eine Frau von ihrem Velo gerissen und vergewaltigt. Die Frau wurde durch die Tat querschnittsgelähmt. 371 Männer wurden innerhalb von 15 Tagen zum DNA-Test vorgeladen, doch vom Täter fehlt seither jede Spur. Mittels ausgeweiteten DNA-Analysen sollen solche Straftaten künftig besser aufgeklärt werden, fordert das Parlament. Die Ermittlung von Alter, Augen-, Haar- und Hautfarbe sowie der «biogeografischen Herkunft» (der Region, aus der die Vorfahren ei­ner Person stammen) soll die Ermittlungsarbeiten «rascher und fokussierter» gestalten. Über diesen Vorschlag entscheidet der Nationalrat am Dienstag.

Polizei will Arbeit wieder aufnehmen

Die Vorteile des DNA-Gesetzes sind für Mitte-Nationalrätin Ida Glanzmann-Hunkeler, Präsidentin der sicherheitspolitischen Kommission des Nationalrates, offensichtlich. Denn mit dem DNA-Gesetz können in Zukunft Verbrechen einfacher aufgeklärt werden. «Wichtig ist zu sehen, dass mit dem DNA-Gesetz die Behörden nicht mehr Beweis-, sondern nur Ermittlungsmöglichkeiten haben. Doch diese können in der Aufklärung von Straftaten sicher helfen», so Glanzmann-Hunkeler.

Kritikerinnen und Kritiker der Vorlage warnen allerdings vor einer Annahme: Die auf die Abstammung abzielende Erfassung von Erbinformationen im Rahmen der Strafverfolgung berge «die Gefahr von Stereotypisierung, Diskriminierung und Genetic Racial Profiling», schreibt etwa die Menschenrechtsorganisation humanrights.ch. Ob das Gesetz in der Praxis wirklich zu mehr Ermittlungserfolgen führt, ist umstritten (siehe Box). Die Staatsanwaltschaft des Kantons Luzern hatte aber bereits angegeben, dass sie den Fall nach Inkrafttreten des DNA-Profilgesetzes wieder aufnehmen will.

In Holland bereits angewendet

«Denn die Aussage ‹Hautfarbe: weiss; Herkunft: Europa› bietet in einer europäisch-weissen Mehrheitsgesellschaft keinen Ansatz für eine Fahndung. Bei Minderheitenangehörigen besteht hingegen eine höhere Wahrscheinlichkeit für die Identifikation und sie rücken damit in den Fokus von Ermittlungen. Die Polizeiarbeit konzentriert sich folglich auf Menschen, die als ‹fremd› wahrgenommen werden», heisst es bei humanrights.ch weiter.

Diesen Vorwurf kontert Glanzmann: Der Vorteil bestehe eben auch darin, dass man gewisse Personen ausschliessen könne. Das zeige auch das Beispiel aus Holland: 1999 wurde eine 16-Jährige vergewaltigt und ermordet. In Verdacht gerieten daraufhin drei Asylsuchende, doch der Fall wurde nie aufgeklärt. 2012 unternahm ein Wissenschaftler jedoch auf eigene Faust eine DNA-Analyse und konnte zeigen, dass die Täter-DNA einem Mittel- oder Nordeuropäer zuzurechnen war. «Den verdächtigen Asylsuchenden kam die DNA-Analyse entgegen, denn sie konnten so ausgeschlossen werden. Das zeigt, dass der Vorwurf von Diskriminierung oder Racial Profiling schlicht falsch ist», so Glanzmann-Hunkeler.

Das sagt die Expertin zum DNA-Gesetz

Joëlle Vuille, Professorin für Strafrecht und Kriminologie 

Joëlle Vuille, Professorin für Strafrecht und Kriminologie

Universität Freiburg

Joëlle Vuille ist Professorin für Strafrecht und Kriminologie an der Universität Freiburg.

Frau Vuille, können mit dem neuen DNA-Gesetz mehr Verbrechen aufgeklärt werden?

Vuille: «Theoretisch ja. Es wird neue Möglichkeiten zur Analyse von DNA und zur Verwendung der DNA-Datenbank geben. Aber wir werden sehen müssen, ob dies in der Praxis wirklich etwas bringt.»

Mit der Phänotypisierung von DNA-Tatortspuren wird die institutionelle Diskriminierung von Minderheiten verstärkt, kritisieren die Gegner. Finden Sie diese Kritik berechtigt?

Vuille: «Das neue Gesetz hebt ein historisches Verbot der Analyse sogenannter codierender Sequenzen in der DNA auf, also derjenigen, die die sensibelsten Informationen über die Person enthalten. Dies ist eine signifikante Änderung in der Art und Weise, wie wir über DNA-Analysen denken. Es ist nicht ausgeschlossen, dass dies zu Exzessen führen kann. Trotzdem scheint mir die Rechnung in diesem Punkt ausgewogen zu sein, bestimmte Dinge zuzulassen, aber auch strenge Grenzen zu setzen.»

Wo sehen Sie weitere Probleme mit dem neuen Gesetz?

Vuille: «Meiner Meinung nach besteht das grösste Problem darin, dass wir uns vorstellen, dass diese neuen Instrumente bei der Lösung von Straftaten Wunder wirken werden. Dies wird nicht der Fall sein.»

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