Fussball-WM: Was bringt Sex-Verzicht im Sport?
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Fussball-WMWas bringt Sex-Verzicht im Sport?

Mexikos Nationaltrainer Miguel Herrera ruft seine Spieler zum Sex-Verzicht auf und stösst damit eine eigentlich überflüssige Debatte an.

von
J.Goodman
AP

Steigert Enthaltsamkeit die sportliche Leistung auf dem Platz? Diese Frage teilt die Fussballwelt seit Jahrzehnten in zwei Lager. Trainer stellen Regeln auf, Spieler bemühen sich zu Hause um Verständnis, Fans debattieren leidenschaftlich. Neu entfacht hat die Diskussion der mexikanische Nationalcoach Miguel Herrera, der laut einem Interview an seine Spieler appellierte, während der Weltmeisterschaft in Brasilien auf Sex zu verzichten.

Mit seiner Bemerkung löste Herrera eine hitzige Debatte in den Medien aus. Schliesslich sah sich der Trainer gezwungen, die Aufforderung an seine Spieler klarzustellen: Er verbiete ihnen keinen Sex, er erwarte nur von ihnen, dass sie besonnen handelten. Dem stimmte auch sein brasilianischer Kollege Luis Felipe Scolari zu, der seine Spieler vor jeglicher «Schlafzimmerakrobatik» warnte.

Keuschheit soll Kolumbianern geschadet haben

Dieser Einstellung widersprach dagegen der kolumbianische Fussballstar Carlos «El Pibe» Valderrama. Er erklärte, die Nationalmannschaft, die er in den 90er-Jahren als Kapitän anführte, wäre in den Weltmeisterschaftsspielen erfolgreicher gewesen, wenn die Spieler nicht hätten keusch sein müssen.

Theorien, die eine Verbindung ziehen zwischen Sex und sportlichem Erfolg, reichen zurück bis zu den alten Griechen. Sie glaubten, das Sperma sorge für mehr Aggressivität, um in der Arena aufzutrumpfen. Es gibt jedoch keinen wissenschaftlichen Beweis, dass Abstinenz die körperliche Leistungsfähigkeit verbessert.

Sex entspricht 20 Minuten Gartenarbeit

Eine Studie, die 1995 in der Fachzeitschrift «Journal of Sports Medicine and Physical Fitness» erschien, zeigte, dass das Durchhaltevermögen der Testpersonen auf einem Laufband gleich blieb, egal ob sie zwölf Stunden vor dem Test Geschlechtsverkehr hatten oder nicht. An der Universität von Montreal wurde 2012 ermittelt, dass Männer beim Sex durchschnittlich rund 100 Kalorien verbrennen - etwa so viel wie bei 20 Minuten Gartenarbeit. Tatsächlich schwören manche Sportler auf Leidenschaft am Abend vor einem Spiel. Für sie bedeutet der Körperkontakt eine Stressreduktion und erholsamen Schlaf.

Mehr als der sexuelle Kontakt beunruhigen die Trainer wohl nächtliche Partys, zu denen sich die meist noch jungen Spieler hinreissen lassen könnten. Berichte über solche Zechgelage gibt es genug. So traf es während des Confederations Cups im vergangenen Jahr in Brasilien einige spanische Nationalspieler, die mit Prostituierten gefeiert haben sollen. «Letztlich läuft es darauf hinaus, dass die Trainer den kleinen Teufeln nicht trauen», erklärt Pamela Peeke, Ärztin und Sprecherin des American College for Sports Medicine.

Viele europäische Spieler, darunter die deutschen und spanischen, müssen vor den Spielen auf Sex verzichten. Besuche von Ehefrauen und Freundinnen in den Hotels sind nur an den freien Tagen erlaubt.

Rächt sich Vela für die Sperre nach einer Party 2010?

Die Tatsache, dass immer noch über Sex debattiert werde, sei ein Zeichen für den weiter bestehenden Sexismus im Sport und die Unreife der Spieler, erklärt Peeke. Auch Frauen produzierten Testosteron, wenn auch in deutlich geringerem Ausmass als Männer. Niemand diskutiere jedoch darüber, ob Athletinnen vor grossen Sportereignissen enthaltsam sein müssten. «Es herrscht die allgemeine Überzeugung, dass Männer sich einfach nicht zügeln können.»

Herrera mag gut Gründe haben, seine Spieler an der kurzen Leine zu halten. Im September 2010 wurden zwei mexikanische Nationalspieler wegen einer Party in Monterrey suspendiert, darunter Carlos Vela, der als bester Stürmer des Landes gilt. Mehrere weitere Spieler wurden zu Strafzahlungen verdonnert. Die örtlichen Medien berichteten, auch hier seien Prostituierte beteiligt gewesen. Beobachter spekulieren, Vela habe es wegen seiner damaligen Sperre von sechs Monaten abgelehnt, bei der diesjährigen Weltmeisterschaft für sein Land anzutreten.

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