50 Tote in Orlando: Was denkt ein schwuler Imam nach dem Attentat?
Aktualisiert

50 Tote in OrlandoWas denkt ein schwuler Imam nach dem Attentat?

Ein Muslim erschiesst in einem Gay-Club in Florida Dutzende Menschen. Stachelte ihn seine Religion dazu an? 20 Minuten fragte einen schwulen Imam.

von
Ann Guenter
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Die gemeinsame Trauer und die Solidarität sind gross: Mitglieder der LGBT-Gemeinde trauern in Orlando, Florida. Und mit ihnen

Die gemeinsame Trauer und die Solidarität sind gross: Mitglieder der LGBT-Gemeinde trauern in Orlando, Florida. Und mit ihnen

Keystone/Jim Lo Scalzo
geben auf den sozialen Medien auch diverse Prominente ihrer Trauer freien Lauf. Sänger Justin Timberlake ruft zum Beten auf.

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Screenshot/Twitter
US-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton zeigt sich solidarisch mit der LGBT-Gemeinschaft: «Ihr sollt wissen, dass ihr Millionen von Verbündeten quer durch unser Land habt. Ich bin eine davon.»

US-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton zeigt sich solidarisch mit der LGBT-Gemeinschaft: «Ihr sollt wissen, dass ihr Millionen von Verbündeten quer durch unser Land habt. Ich bin eine davon.»

Screenshot/Twitter

Ludovic-Mohamed Zahed (39) ist Franzose mit algerischen Wurzeln. Der Soziologe ist der erste bekennende schwule Imam Frankreichs. In seiner Moschee in Paris beten homosexuelle Muslime und Frauen ohne Kopftuch neben Männern. 20 Minuten hat ihn nach dem Attentat im amerikanischen Gay-Club mit mindestens 49 Toten kontaktiert.

Imam Zahed, wie fühlten Sie sich, als Sie vom Attentat in Orlando hörten?

Es war ein grosser Schock. Ich bin sehr traurig, aber auch sehr wütend. Denn Leute wie dieser IS-Terrorist geben nur vor, Muslime zu sein. Sie sind keine spirituellen, keine praktizierenden Muslime. Die Gewalt, die sie im Alltag erfahren, übertragen sie auf das, was sie Islamismus nennen. Es ist dasselbe, was in den Anschlägen von Paris oder in Brüssel passiert ist.

Der muslimische Angreifer hatte Homosexuelle im Visier. Wie homophob ist der Islam?

Es ist wie anderswo leider auch: Je ungebildeter Muslime sind, desto schwulenfeindlicher sind sie. Besonders dann, wenn sie aus einer sehr traditionellen Kultur kommen. Der Islamismus, auf den sich der IS und andere Extremisten berufen, ist nichts anderes als ein als Islam getarnter Faschismus. Und in jeder faschistischen Gesellschaft wurden und werden Minderheiten diskriminiert und verfolgt. Früher wurden Homosexuelle in Europa deportiert oder ihnen Teile des Gehirns entnommen, um sie zu «heilen». Egal, in welcher Kultur: Erstarkt der Faschismus, geraten Minderheiten, seien es Homosexuelle, Frauen oder Juden, ins Visier. Mit der Religion per se hat das nicht viel zu tun.

Was steht denn im Koran zur Homosexualität?

Der Koran verurteilt Homosexualität nicht. Er spricht in diesem Zusammenhang immer über Sodom und Gomorrha, doch dabei geht es um rituelle Vergewaltigungen, wie bei Herodot beschrieben. In der Hadith, den Aussprüchen des Propheten, steht zudem geschrieben, dass der Prophet einen «femininen Mann» verteidigte, den andere Männer töten wollten. Ich weiss natürlich nicht, ob das stimmt, aber es steht so geschrieben. Der IS lehnt derlei Passagen ab, verdreht sie und macht daraus etwas Homophobes – denn so kann er sein faschistisches Regime und sein Patriarchat rechtfertigen. Wir leben in einer Zeit, in der wir uns als Muslime entscheiden müssen: Zwischen Faschismus, der sich den Mantel des Islams umgelegt hat, und einem spirituellen, humanistischen, friedlichen Islam. Doch es gibt Hoffnung.

Inwiefern?

Demokratie und Freiheit müssen und mussten immer erkämpft werden. Das sehen wir jetzt etwa in Tunesien. Es gibt immer mehr Meinungsfreiheit und soeben wurde die erste LGBT-Organisation im Land gegründet.

Ihre Moschee in Paris heisst Homosexuelle willkommen, hier beten Frauen ohne Kopftuch neben Männern. Wie ist die Stimmung in dieser Gemeinschaft nach dem Attentat?

Viele befürchten jetzt mehr homophobe, islamophobe und rassistische Attacken. Gleichzeitig besteht auch die Hoffnung, dass nach dem abscheulichen Attentat von Orlando auch die Akzeptanz und Solidarität gegenüber Homosexuellen wächst. Gerade auch muslimische Homosexuelle hoffen, jetzt mehr gehört zu werden. Wir haben Hoffnung. Immerhin gibt es Moscheen wie die unsere mittlerweile auch in England, Deutschland oder Dänemark.

Ludovic Lotfi Mohamed Zahed wurde 1977 in Algerien geboren und kam als Einjähriger mit seinen Eltern nach Frankreich. Der ausgebildete Imam und Soziologe hat in der Nähe von Paris eine liberale Moschee eröffnet. «Der Islamismus, auf den sich der IS und andere Extremisten berufen, ist nichts mehr als ein als Islam getarnter Faschismus», sagt er.

(Bild: Screenshot Youtube)

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