Schrumpfkurs: Was der Alpiq-Ausverkauf für die Steuerzahler heisst
Aktualisiert

SchrumpfkursWas der Alpiq-Ausverkauf für die Steuerzahler heisst

Der angeschlagene Konzern will sich mit dem Verkauf einer Sparte retten. 20 Minuten beantwortet die wichtigsten Fragen.

von
Dominic Benz
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Der Energiekonzern Alpiq verkauft die deutsche Kraftanlagen Gruppe, wie er am 26. März 2018 mitteilte.

Der Energiekonzern Alpiq verkauft die deutsche Kraftanlagen Gruppe, wie er am 26. März 2018 mitteilte.

Kraftanlagen Gruppe
Auch die Gebäudetechnik-Tochter Alpiq Intec stösst der Konzern ab.

Auch die Gebäudetechnik-Tochter Alpiq Intec stösst der Konzern ab.

Keystone/Urs Flüeler
Die beiden Geschäftsbereiche gehen an den französischen Bauriesen Bouygues.

Die beiden Geschäftsbereiche gehen an den französischen Bauriesen Bouygues.

AP Photo/Christophe Ena

Der Schweizer Energiekonzern Alpiq trennt sich von seinem Industriegeschäft und verkauft die Gebäudetechnik-Tochter Alpiq Intec und die deutsche Kraftanlagen Gruppe für 850 Millionen Franken. Abnehmer ist der französische Baukonzern Bouygues. 20 Minuten hat die wichtigsten Fragen rund um den Deal zusammengestellt.

• Warum verkauft Alpiq das Geschäft?

Laut eigenen Angaben gibt es dafür zwei Gründe: Zum einen fehlen dem Konzern die finanziellen Mittel, um das Geschäft weiterzuentwickeln. Zum anderen will der Konzern mit dem Schritt das Kerngeschäft mit der Stromproduktion in der Schweiz sowie die internationalen Aktivitäten mit Kraftwerken, erneuerbaren Energien und Energiehandel stärken.

• Wer ist der Käufer?

Die Geschäftsteile von Alpiq übernimmt der französische Baukonzern Bouygues. Er setzte im letzten Jahr umgerechnet rund 40 Milliarden Franken um und beschäftigt etwa 115'000 Mitarbeiter. 1280 Angestellte arbeiten bei Bouygues Energies & Services in der Schweiz. Mit dem Zukauf wird Bouygues hierzulande mit einem Schlag zur Nummer eins in der Gebäudetechnik.

• Ist der Verkauf die Rettung von Alpiq?

Der Konzern war stark verschuldet und stand zuletzt mit 700 Millionen Franken in der Kreide. Das ändert sich jetzt. «Der Konzern hat dringend Geld gebraucht und steht nun finanziell deutlich besser da», sagt ZKB-Energieexperte Sven Bucher auf Anfrage. Alpiq hatte jüngst vergeblich versucht, sein Wasserkraftportfolio zu verkaufen. Daher stand der Konzern unter Zugzwang. «Alpiq musste etwa verkaufen, um die Schulden zu reduzieren», so Bucher. Auch an der Börse kam der Schritt gut an. Die Aktien von Alpiq notierten am Montag teilweise rund acht Prozent im Plus.

Das sagt die Alpiq-Chefin

Das sagt die Alpiq-Chefin

• Was sagen die Kritiker?

«Der Verkauf ist eine logische Folge der Fehler aus der Vergangenheit», sagt Felix Nipkow von der Schweizerischen Energie-Stiftung SES. Alpiq habe zu lange an der Atomenergie festgehalten. «Man hat den Ausbau von erneuerbaren Energien verschlafen», so Nipkow. Nun kriege Alpiq die teuren AKW und die Wasserkraftwerke nicht mehr los. «Das hat zusammen mit der Verschuldung nach Geld gerufen.» Wie «Handelszeitung»-Stromexperte Sven Millischer in einem Kommentar schreibt, ist der Verkauf «das letzte Kapitel dieses wirtschaftlichen Trauerspiels». Vom einstigen Stromriesen mit Umsätzen und Gewinnen in Milliardenhöhe sei nur noch ein «kümmerlicher Rest» übrig.

• Was passiert mit den Angestellten?

Vom Verkauf sind 7650 Mitarbeitende betroffen. Bei Alpiq selber verbleiben noch rund 1300. Sven Bucher von der ZKB rechnet nicht mit einem grossen Stellenabbau. «Für die Angestellten ist der Verkauf wahrscheinlich besser», sagt er. Sie seien nun einem neuen Gebilde angeschlossen, das sich weiterentwickeln könne. Zudem sei die Unsicherheit weg. Alpiq sagt auf Anfrage: «Langfristig muss die Frage von der neuen Eigentümerin beantwortet werden.»

• Wohin fliesst jetzt der Erlös?

Das Neugeld soll laut Alpiq für den Abbau der Schulden gebraucht werden. «Wenn wir die Mittel erhalten haben, entscheiden wir je nach Kapitalmarktsituation über eine allfällige Refinanzierung oder Tilgung von Verbindlichkeiten», teilte der Konzern mit.

• Was bedeutet das für den Steuerzahler?

Alpig gehört zum grössten Teil dem französische Staatskonzern EDF, dem Finanzinvestor Martin Ebner und Schweizer Kantonen. Zu den Aktionären gehören etwa Solothurn, Freiburg, Waadt, Zug, Bern, Wallis und diverse Gemeinden. Sie könnten beispielsweise von einer Dividende profitieren, was auch dem Steuerzahler zugute käme. Eine Dividende soll es aber auch in diesem Jahr nicht geben. «Es wäre sicher der falsche Moment, jetzt Geld auszuschütten», sagt Nipkow von der SES. Mit der Tilgung der Schulden könnte immerhin eine Dividende wieder in die Nähe rücken.

• Was bedeutet das für die Zukunft von Alpiq?

Alpiq ist mit dem Verkauf jetzt praktisch ein reiner Stromkonzern. Doch der Verkauf von Strom ist wegen der tiefen Preise ein Verlustgeschäft (siehe Box). «Alpiq ist jetzt abhängiger von der Entwicklung der Strompreise. Diese sind jüngst aber auf tiefem Niveau deutlich angestiegen», sagt Sven Bucher. Der Konzern bleibt hohen Risiken ausgesetzt. Erst wenn die Preise weiter steigen, kann Alpiq auch wieder Geld mit Strom verdienen. Kommt dazu, dass der Konzern weiter auf den AKW sitzt. Deren Unterhalt ist teuer. Zudem wird Geld benötigt, um den Rückbau dieser Kraftwerke voranzutreiben.

Darum ist der Schweizer Strommarkt verzerrt

Der Schweizer Strommarkt wurde 2009 teilliberalisiert. Das führte zu einer Verzerrung auf dem Markt. Kleinere Anbieter wie etwa die Berner BKW haben gebundene Kunden wie private Haushalte und verkaufen diesen den Strom zu hohen Monopolpreisen. Grosse Versorger wie Alpiq oder Axpo dürfen diese Endkunden nicht beliefern und müssen ihren Strom auf dem freien Markt anbieten. Dort drückt der Wettbewerb auf die Preise. Alpiq fordert daher «eine konsequente Entflechtung der Schweizer Strombranche und eine fundamentale Korrektur der Marktasymmetrie», wie der Konzern auf Anfrage mitteilt. Nur ein neues Marktmodell könne «einen diskriminierungsfreien Wettbewerb für alle Marktteilnehmer» schaffen.

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