Aktualisiert 01.01.2010 13:05

«Underreported Stories»Was die Medien vernachlässigt haben

Die Nachrichtenflut lässt sich kaum noch überschauen. Häufig gehen darin Ereignisse unter, die eigentlich der Beachtung wert wären. Das US-Magazin «Time» hat die wichtigsten von 2009 aufgelistet.

von
Peter Blunschi

Die Liste der «Top 10 Underreported Stories» ist etwas USA-lastig, was nicht verwundern kann. Deshalb gehören dazu die «Rassentrennung» an den Schulen, die schlimmer ist als zu Zeiten von Martin Luther King, oder die versehentliche Veröffentlichung eines geheimen Berichts über amerikanische Atomanlagen. Doch internationale Themen werden nicht ausgespart. Folgende wurden laut «Time» zu wenig beachtet:

Blutiges Öl in Nigeria: Das bevölkerungsreichste Land Afrikas ist einer der weltgrössten Ölproduzenten, doch die Bevölkerung im Niger-Delta, wo das schwarze Gold gefördert wird, lebt in bitterer Armut. Seit Jahren kämpfen Rebellen deshalb für einen grösseren Anteil an den Öleinnahmen. Sie haben die Förderung in letzter Zeit massiv beeinträchtigt. Mitte Jahr lancierte Nigerias Präsident Umaru Yar'Adua die bislang ehrgeizigste Friedensoffensive, worauf zahlreiche Warlords und Kämpfer ihre Waffen niederlegten. Ausserdem versprach die Regierung ein umfassendes Bildungs- und Jobprogramm für ehemalige Aufständische. Doch in letzter Zeit kam der Prozess zum Stillstand, weil Präsident Yar'Adua schwer erkrankt ist. Kurz vor Weihnachten griffen Rebellen aus Protest erneut eine Ölpipeline an. Die Hoffnung bleibt, doch der Frieden steht auf wackeligen Füssen.

Maoisten-Aufstand in Indien: Der islamistische Terror in Indien machte weltweit Schlagzeilen. Doch als Premierminister Manmohan Singh im September von der «schwersten Bedrohung für die innere Sicherheit» sprach, meinte er aufständische Maoisten, die so genannten Naxaliten. Sie führen seit den 60er Jahren einen Guerillakrieg gegen die Regierung und haben in letzter Zeit an Einfluss gewonnen. Nach einer Gewalteskalation im Oktober mit der Enthauptung eines Polizeiinformanten wurden Forderungen nach einem Armeeeinsatz laut. Singh jedoch lehnte ab und meinte, man müsse die marginalisierten Naxaliten in die Gesellschaft eingliedern: «Wir müssen den Kampf um ihre Herzen gewinnen.»

Ethnische Unruhen im Iran: Die ganze Welt spricht über die Proteste der Regimegegner. Sie überdecken laut «Time» die ethnischen Spannungen in einem Vielvölkerstaat. Nur etwas mehr als 50 Prozent der iranischen Bevölkerung sind Perser, der Rest verteilt sich auf verschiedene ethnische Gruppen. Laut Verfassung sind sie gleichberechtigt, dennoch kam es in den letzten Jahren immer wieder zu Ausschreitungen von Kurden, Aseris oder Belutschen. Die Regierung reagierte mit Massenverhaftungen und Dutzenden Todesurteilen, doch im Oktober kam es zum bislang tödlichsten Anschlag, als ein Selbstmordattentäter der sunnitischen Gruppe Dschundallah im Grenzgebiet zu Pakistan Dutzende Menschen in den Tod riss, darunter mindestens fünf Kommandanten der Revolutionsgarden.

Vögel sind schlimmer als Schweine: Die Schweinegrippe dominierte die Schlagzeilen, verlief aber in den meisten Fällen harmlos. Unbeachtet davon meldete sich die weit tödlichere Vogelgrippe zurück. Bis November registrierte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) 49 neue Ansteckungen bei Menschen. Im gesamten 2008 waren es 44. Zwar springt das Virus H5N1 nur selten von Vögeln auf Menschen über, doch dann sterben rund die Hälfte der Infizierten. Experten fürchten eine genetische Mutation oder noch schlimmer eine Verschmelzung von Schweine- und Vogelgrippe, die ein neues tödliches Supervirus erzeugen könnte.

Wem gehört der Mekong?: Der Mekong ist die eigentliche Lebensader von Südostasien, doch der mächtige Strom ist akut bedroht. Im Mai warnte ein Bericht des UNO-Umweltprogramms, China plane den Bau von nicht weniger als acht Staudämmen zur Stromerzeugung. Diese seien eine «erhebliche Bedrohung» für den Fluss und rund 60 Millionen Menschen in Vietnam, Kambodscha, Thailand und Laos, die vom Mekong abhängig sind. Doch kritische Stimmen haben es schwer, wegen Chinas Aufstieg auf der Weltbühne und weil Laos, Kambodscha und Thailand selber Staudämme planen.

Experimente mit Kindern: Im Februar beschuldigten Wissenschaftler aus aller Welt die Tufts University, eine private Hochschule in Boston, sie habe gegen den Nürnberger Kodex verstossen. Dieser wurden nach dem Zweiten Weltkrieg erlassen und stellt strikte Regeln auf für medizinische Versuche an Menschen. Im konkreten Fall geht es um den Goldenen Reis, eine an der ETH Zürich entwickelte, gentechnisch mit Beta-Carotin angereicherte Reissorte. Sie soll als Mittel gegen den Vitamin-A-Mangel eingesetzt werden, der vor allem in Asien jährlich zu rund einer halben Million Fällen von Erblindung führt. Der Goldene Reis ist bei Gentech-Gegnern umstritten und für den menschlichen Konsum noch nicht zugelassen, doch die Tufts University soll ihn in China an Menschen verabreicht haben, darunter sechsjährigen Kindern. Dies sei «unethisch und potenziell gefährlich», monierten die Kritiker. Die Universität erwiderte, die Studie sei von den zuständigen Aufsichtsstellen genehmigt worden.

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