Aktualisiert 15.12.2010 15:52

TabuthemaWas Doping im Fussball verloren hat

Denken Sportfans an Doping, sehen sie Radsportler, Leichtathleten, vielleicht auch Kunstturner vor sich. Aber Fussballer? Kaum. Ein Trugschluss.

von
Reto Fehr
Roberto Baggio wurde 2003 zu den Doping-Vorfällen bei Juventus in den Jahren 1994 bis 1998 befragt. Ihm konnte nichts nachgewiesen werden.

Roberto Baggio wurde 2003 zu den Doping-Vorfällen bei Juventus in den Jahren 1994 bis 1998 befragt. Ihm konnte nichts nachgewiesen werden.

Doping im Fussball nützt nichts, so die landläufige Meinung. Talent, Technik und Teamgeist seien viel wichtiger. Otto Rehhagel sagte einmal: «Wer mit links nicht schiessen kann, trifft den Ball auch nicht, wenn er 100 Tabletten schluckt.» Da hat er recht. Aber: Wer müde ist oder zu langsam, um an den Ball zu kommen, kann auch seine Technik nicht mehr einsetzen. Zudem entscheiden sich die meisten Partien in den letzten Minuten. Dort ist nicht nur der Siegeswille entscheidend, sondern auch die körperliche Leistungsfähigkeit. Der Fussball hat sich in den letzten Jahren entwickelt. Ausdauer, Kraft und Schnelligkeit spielen eine immer wichtigere Rolle. Es gibt Spieler, die legen in 90 Minuten über zehn Kilometer zurück und Messi wäre ohne seine Schnelligkeit kein überragender Kicker. Bei bis zu 60 Spielen pro Saison sind auch kurze Erholungspausen entscheidend.

Dann wollen wir doch mal schauen, wie man da mit Doping nachhelfen könnte. Mittlerweile weiss jedes Kind, dass Epo zu mehr Ausdauer verhilft, Anabolika verkürzen die Regeneration und Steroide helfen verletzten Spielern zu schnellerer Genesung. Die Ermüdungsgrenze wird mit Kokain herausgezögert und wer Cannabis konsumiert, geht mit weniger Angst in ein Spiel. Das ist eine nicht vollständige, aber doch schon beachtliche Liste möglicher Mittel.

Viele Gerüchte, wenig Beweise

Trotzdem wird auch während der «Operación Galpo» das Thema Doping und Fussball fast totgeschwiegen. Den angeblichen Vorwurf von Eufemiano Fuentes, dass Spanien ohne Doping nicht Welt- und Europameister wäre, haben Xavi und Trainer Vicente del Bosque ins Reich der Märchen verabschiedet. Mittlerweile liess Fuentes über seinen Anwalt Julián Pérez Templado ausrichten, er habe nie so etwas gesagt. Möglich, dass Fuentes sich aktuell tatsächlich nicht zum Fussball geäussert hat. Doch schon zu Beginn der «Operacion Puerto» 2005 ging er ähnlich vor. Erst sagte er, dass er auch mit Fussballklubs wie beispielsweise Barcelona oder Real Madrid arbeite, wenig später zog er diese Aussage zurück. Gegen den Fussball könne man nicht gewinnen, weil der zu mächtig sei, er sei auch mit dem Tode bedroht worden.

Da wären wir bei den vielen Gerüchten und wenigen Beweisen, welche es im Fussball gibt. Dopingkontrollen werden unzählige durchgeführt. Zum einen geschieht dies auf Liga-Ebene, zum anderen habe die Uefa in der Saison 2009/2010 rund 1700 Kontrollen ausgeführt, die Fifa sei bei mehr als 25 000 Tests pro Saison. Die positiven Befunde lassen sich jeweils an einer Hand abzählen. Fussball ist sauber, so das Bild in der Öffentlichkeit.

Der letzte grosse Dopingskandal war Diego Maradona an der WM 1994, als er positiv auf Kokain getestet und suspendiert wurde. In diesem Jahr traf es erneut den Rumänen Adrian Mutu, welcher schon 2004 wegen Dopings gesperrt wurde. Im gleichen Jahr ereignete sich der Fall mit Juventus Turin. Ein Gericht verurteilte den damaligen Vereinsarzt zu einer Haftstrafe, weil er das halbe Team in den 90er-Jahren mit EPO, Psychopharmaka und massenhaft Schmerzmitteln zu Bestform und Höchstleistungen spritzte. Den damaligen Stars wie Zidane, Del Piero, Davids oder Baggio wurde jedoch nichts nachgewiesen. Trotzdem: Zu glauben, nur Juve habe sich unerlaubter Mittel bedient, wäre naiv.

Vom WM- bis zum Champions-League-Final

Selbst ehemalige Fussballer berichten von Doping-Praktiken. Toni Schumacher schreibt in seinem Buch «Anpfiff» (1987) von Doping. Und gemäss der «Zeit» berichteten schon Paul Breitner, Jens Lehmann, Peter Neururer, Jürgen Röber oder Benno Möhlmann und weitere vom Amphetamin-Derivat Fenetyllin, welches unter dem Namen Captagon bei Fussballern sehr beliebt war. «Viele Spieler waren verrückt danach. Das war überall bekannt und wurde praktiziert. Bis zu 50 Prozent haben das konsumiert. Nicht nur in der zweiten Liga», erzählte beispielsweise Neururer. Und auch Arsène Wenger äusserte schon einmal seinen Verdacht, dass in europäischen Spitzenklubs systematisch mit Erythropoetin manipuliert werde.

Selbst vor dem Champions-League-Final 1993 zwischen Marseille und Milan sei Doping verabreicht worden. So berichtet der damalige OM-Spieler Jean-Jacques Eydelie in seinem Buch: «Die Order war ausgegeben, man wurde gar nicht gefragt, wir sollten uns aufstellen, und Rudi ist ausgeflippt, hat 'Skandal' geschrien, sich geweigert, die Spritze anzunehmen, ich kann mich noch genau an Rudi Völlers Reaktion erinnern.» Ja, auch in der Schweiz habe dieser Eydelie Erfahrungen mit Doping gemacht: «In Sion war ich drei Jahre, und vor dem ersten Spiel, vor meinem ersten Spiel, kam ich in die Kabine, und die zwei jüngsten Spieler lagen da und bekamen Infusionen mit Rinderblut. Rinderblut, das war unfassbar.» Zum Abschluss noch ein letztes hartnäckiges Gerücht: Der Platzwart bei der WM 1954 hat nach eigenen Angaben nach dem Endspiel zwischen Deutschland und Ungarn in der deutschen Kabine leere Ampullen gefunden. Dies wurde von mehreren deutschen Spielern bestätigt. Sie hätten allerdings nicht gewusst, was ihnen gespritzt wurde. Vermutlich hatte der damalige Teamarzt seinen Spielern Vitamin C injiziert.

Trotz all den Gerüchten gilt der Fussball als sauber. Experten gehen allerdings davon aus, dass leistungssteigernde Mittel auch vor dem Fussball nicht halt machen. So erklärte Mario Thevis, Dopinganalytiker an der Kölner Sporthochschule, kurz vor der WM 2010 gegenüber dem «Focus»: «Man kann nicht ausschliessen, dass verbotene Substanzen oder Methoden eingesetzt werden.» Dass Doping im Fussball nichts nützt, stimmt wie erwähnt nicht. Es wäre allerdings nicht seriös zu sagen, dass die Kicker dopen. Unzählige Tests widerlegen dies. Unseriös wäre jedoch, sich nicht Gedanken über mögliche Betrügereien zu machen.

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