Antrainiert: Was es mit dem Hundeblick auf sich hat
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AntrainiertWas es mit dem Hundeblick auf sich hat

Ein Hund kann noch so grossen Mist bauen, sobald er seinen treudoofen Blick aufsetzt, ist ihm keiner mehr böse. Dabei zeigt Fido keineswegs Reue. Er tut nur, was er gelernt hat.

von
Sue Manning
AP
Hunde wissen, wenn sie so dreinschauen, wird ihnen alles verziehen. (Bild: 20 Minuten)

Hunde wissen, wenn sie so dreinschauen, wird ihnen alles verziehen. (Bild: 20 Minuten)

Die meisten Hunde haben es perfekt drauf: Wenn sie ertappt werden, ducken sie den Kopf, klappen die Ohren nach hinten, runzeln die Stirn und dann kommt dieser Blick. So herzerweichend, dass man die zerkauten Lieblingsfinken oder die umgeworfenen Blumentöpfe augenblicklich vergessen hat. Fast jeder wohlerzogene Hund legt dieses scheinbar demütige Verhalten an den Tag.

Aber: Echte Reue empfinden Hunde dabei nicht, wie US-Wissenschaftler sagen. Sie tun nur so, als täte es ihnen Leid, weil der Mensch sie darauf trainiert hat und er genau dieses Verhalten sehen will. Bonnie Beaver, Professorin für Veterinärmedizin am A&M Texas University College empfiehlt: «Unterliegen Sie nicht der Versuchung, ihrem Hund zu glauben».

Im Internet kursiert eine Fülle von Videos und Fotos, die das Gegenteil zu belegen versuchen. Auf dogshaming.com oder unter dem Youtube-Stichwort «crackrockcandy» findet sich haufenweise Bildmaterial von reuig dreinblickenden Hunden, teilweise mit handgeschriebenen Zetteln, auf denen etwa steht: «Ich liebe es, Klopapier abzurollen» oder «Ich habe Äpfel vom Baum geschüttelt, obwohl ich gar keine Äpfel mag».

Hunde schämen sich nicht

Die Dogshaming-Website wurde von Pascale Lemire vor anderthalb Jahren online gestellt und hat seitdem mehr als 58 Millionen Besucher gehabt. 65'000 Einsender haben der Website Fotos von ihren Hunden in Demutspose geschickt. Lemire, die im kanadischen Vancouver lebt, hat inzwischen ein Buch über Schuldgefühle bei Hunden geschrieben. «Ich glaube nicht, dass sich Hunde wirklich für ihre Missetaten schämen», sagt sie. «Ich schätze, sie wissen ganz genau, was wir sehen wollen: Den Welpenblick, der uns suggeriert, dass sie wissen, was sie getan haben. Ich glaube, sie denken: ‹Oh, mein Halter ist echt sauer auf mich. Ich weiss zwar nicht warum, aber ich mache mal diesen Blick, dann beruhigt er sich.›»

Richtig Karriere im Internet macht der Beagle Maymo. Der Rassenkollege des Comichundes Snoopy wurde von seinem Halter Jeremy Lakaszcyck gefilmt: Beim Klauen eines Salatkopfs, beim Schnüffeln in Turnschuhen. Niedliche Tiervideos mit reichlich Hundeblick. Sogar in populäre Talkshows im US-Fernsehen wurde Maymo schon eingeladen. Auch sein Halter erkennt die Ambivalenz des Hundeblicks: «Maymo kann ziemlich lange so devot dasitzen und auf sein Leckerli warten. Dabei wedelt er die ganze Zeit mit dem Schwanz. Es ist so, als ob das eine Ende des Hundes sich freut und die andere Seite Traurigkeit vorschützt», sagt Lakaszcyck.

Hundeblick ohne vorherige Missetat

Seit 2009 wird der «schuldbewusste Hundeblick» in der Verhaltensforschung untersucht. Die Psychologiedozentin Alexandra Horowitz vom Banard College in New York äusserte Zweifel an der menschlichen Sichtweise des Hundeblicks. Sie schrieb das Standardwerk «Innenleben der Hunde: Was sie sehen, riechen und wissen». Ihr Experiment: 14 Hundehalter wurden gebeten, ihr Haustier in einem Raum mit einem Leckerli zurückzulassen. Die Halter sollten ihrem Hund einschärfen, das Leckerli nicht anzurühren und kurz danach wieder zurückkommen.

Manche Hunde langten bei dem Experiment kräftig zu, andere nicht. Das Ergebnis: «Der Hundeblick kam fast immer, wenn die Halter ihren Hund ausgeschimpft haben, egal, ob der Hund das Leckerli gefressen hat oder irgendwas getan hat, wofür er Schuldgefühle hätte entwickeln können», sagt Horowitz. «Ich will damit nicht sagen, dass Hunde keine Schuldgefühle kennen, aber der Hundeblick ist jedenfalls kein Indiz dafür. Der Blick sei eine Bedienung dessen, was die Halter erwarten.»

Die Tierärztin Beaver empfiehlt Hundehaltern, ihre Belohnung oder Bestrafung für gutes oder schlechtes Verhalten ihres Hundes möglichst zeitnah zu vollziehen. Dann könne eine authentische Wirkung erzielt werden. Wenn aber mehrere Stunden zwischen dem Fehlverhalten und der Strafpredigt lägen, würden die Tiere den «Hundeblick-Trick» anwenden, um uns zu beruhigen, aber nichts lernen.

«Menschen haben den grossen Wunsch zu erfahren, was die Tiere denken. Aber wir sind auf ihre Körpersprache angewiesen, um das auszuwerten, und da sind einfach Grenzen gesetzt», sagt Beaver. «Es ist leider so: Wir werden es nie wirklich erfahren, weil wir sie ganz einfach nicht fragen können».

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