Kanada - 215 Leichen von Indigenen-Kindern in Kamloops-Internat gefunden
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KanadaWas geschah mit den 215 toten Indigenen-Kindern?

In Kanada wurden auf dem Gelände eines ehemaligen Internats die Überreste von 215 indigenen Kindern gefunden. Ehemalige Schülerinnen und Schüler des Internats erinnern sich an das Grauen.

von
Reto Heimann
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Auf dem Geländer des Kamloops-Internats wurden die Überreste von 215 Kindern gefunden.

Auf dem Geländer des Kamloops-Internats wurden die Überreste von 215 Kindern gefunden.

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Das Internat war ausschliesslich dafür gedacht, indigene Kinder zu «assimilieren».

Das Internat war ausschliesslich dafür gedacht, indigene Kinder zu «assimilieren».

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Dazu trennte man die Kinder von ihrer Familie, verbot ihnen ihre Muttersprache und ihre Bräuche.

Dazu trennte man die Kinder von ihrer Familie, verbot ihnen ihre Muttersprache und ihre Bräuche.

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Darum gehts

  • «Das hier ist der Ort des Grauens», sagt eine ehemalige Schülerin, die das Kamloops-Internat in Kanada besuchte.

  • Auf dem Gelände der Schule wurden die Überreste von 215 Indigenen-Kindern gefunden.

  • Im Internat wurden Kinder über Jahre hinweg körperlich und seelisch vernachlässigt.

Der Fund führte in Kanada zu kollektiver Bestürzung. Auf dem Gelände einer ehemaligen Internatsschule in der kanadischen Provinz British Columbia fanden Forscherinnen und Forscher die sterblichen Überreste von 215 indigenen Kindern. Die Kinder gehörten grossmehrheitlich dem indigenen Stamm der Tk’emlups te Secwépemc an.

Die Kinder wurden den indigenen Eltern weggenommen, um sie an die westliche Gesellschaft zu assimilieren. Es wurde ihnen verboten, ihre Muttersprache zu sprechen und ihre kulturellen Bräuche, Rituale und Praktiken zu leben. Die Anführerin der Tk’emlups te Secwépemc , Rosanne Casimir, sagt: «Unseres Wissens handelt es sich bei den verschwundenen Kindern allesamt um undokumentierte Todesfälle.»

Kirche möchte Dokumente nicht herausrücken

Unter den toten Kindern, die mittels Bodenradar aufgespürt wurden, hat es solche darunter, die keine drei Jahre alt wurden. Woran sie starben, ist noch unklar. Die katholische Kirche, die das Internat Kamloops Residential School bis 1978 führte, gibt entsprechende Dokumente nicht heraus – oder beruft sich darauf, dass diese nicht mehr existieren, wie «CTV News» berichtet.

Wahrscheinlich aber ist, dass viele der Kinder an Infektionskrankheiten wie Tuberkulose, Masern oder Grippe starben. 285 Schülerinnen und Schüler mussten sich fünf Schlafsäle teilen. Rosie Miller besuchte das Kamloops-Internat ab 1948. Vor Ort erinnert sie sich: «Ich weiss noch, wie die Schwester die Ärmel hochkrempelte und uns mit dem Riemen bis zu zehn Mal auf den Rücken schlug», sagt sie. Sie seien als Indigene ausgebeutet und erniedrigt worden: «Wir mussten permanent alles putzen. Zur Strafe mussten wir die Treppen mit einer Zahnbürste schrubben.»

Rosie Miller besuchte auch die Kapelle, die neben dem Internat steht. «Hier läuft es mir bis heute noch kalt den Rücken runter. Das ist der Ort des Grauens», sagt sie.

«Unter jedem Apfelbaum liegt ein Kind begraben»

Neben der sanitären und medizinischen Vernachlässigung kam die seelische hinzu: «Niemand sagte mir Gute Nacht, niemand sagte mir, dass er oder sie mich gerne hat und niemand umarmte mich auch nur ein einziges Mal – in elf Jahren nicht», sagt Geronimo Henry, der ein anderes solches Internat von 1942 bis 1953 besuchte. An diesem habe man sich Schauergeschichten erzählt: «Unter jedem Apfelbaum liegt ein Kind begraben», erzählten sie uns. Eine Schauergeschichte, die keine war, wie man heute weiss.

Wie funktioniert der Bodenradar, mit deren Hilfe die toten Kinder überhaupt erst aufgespürt werden konnten? «Diese Instrumente sind fähig aufzuzeigen, wo der Boden aufgelockert oder zerstört wurde», sagt Professorin Kisha Supernant gegenüber «Canada Press». Supernant arbeitet an der Universität Alberta als Anthropologin. Diese Technik helfe dabei, unmarkierte Gräber und Massengräber ausfindig zu machen, erklärt sie: «Wenn man ein Grab aushebt, verändert sich der Boden – die Zusammensetzung, die Dichte und vieles mehr. Der Bodenradar kann diese Veränderungen aufspüren.»

Kanadas Premier bestürzt

Kanadas Premierminister Justin Trudeau hat sich nach dem Fund erschüttert gezeigt und «konkrete Schritte» zur Unterstützung der indigenen Bevölkerung angekündigt. Als Vater könne er sich nicht vorstellen, «wie es sich anfühlt, wenn mir die Kinder weggenommen werden», sagte Trudeau am Montag vor Journalisten. «Und als Premierminister bin ich erschüttert von der beschämenden Politik, die den indigenen Gemeinschaften ihre Kinder gestohlen hat.»

Trudeau kündigte an, mit dem Kabinett über die nächsten Schritte zu beraten, die zur Unterstützung überlebender Internatsbewohner und der Ureinwohner eingeleitet werden müssten. Das Abtragen von weiteren Schulfriedenhöfen in Kanada, wie es von vielen gefordert wurde, sei «ein wichtiger Schritt, um die Wahrheit zu erkunden», sagte Trudeau und sicherte den indigenen Gemeinschaften Unterstützung zu, «während wir das Ausmass dieses Traumas aufdecken».

139 Internate in Kanada

«Das tragische Erbe der Internate ist noch heute präsent», sagte Trudeau, der die Versöhnung mit den kanadischen Ureinwohnern bei seinem Amtsantritt 2015 zu einem Schwerpunkt seiner Politik erklärt hatte. «Es bleibt noch viel zu tun».

Das ehemalige Internat, das von der katholischen Kirche im Auftrag der kanadischen Regierung betrieben wurde, war eines von 139 solcher Einrichtungen, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Kanada errichtet wurden. Es wurde 1890 eröffnet und hatte in den 50er Jahren bis zu 500 Schüler. Erst 1969 wurde das Internat geschlossen. Rund 150’000 Kinder wurden in solchen Schulen von ihren Familien getrennt. Mindestens 3200 Kinder starben, die von Kanada eingesetzte Untersuchungskommission spricht von einem «kulturellen Genozid».

Hast du oder hat jemand, den du kennst, ein Kind verloren?

Hier findest du Hilfe:

Fachstelle Kindsverlust, Beratung während Schwangerschaft, Geburt und erster Lebenszeit

Himmelskind.ch, für Akuthilfe und Trauerbegleitung

SIDS, nach plötzlichem Kindstod

Verein Regenbogen Schweiz, Hilfe für trauernde Familien

Mein-Sternenkind.ch, für betroffene Väter, Familien, Angehörige

Lifewith.ch, für betroffene Geschwister

Appella, Telefon- und Onlineberatung bei früher Fehlgeburt

Pro Pallium, Trauergespräche und Trauertreffen

Seelsorge.net, Angebot der reformierten und katholischen Kirchen

Muslimische Seelsorge, Tel. 043 205 21 29

Hast du oder hat jemand, den du kennst, ein Trauma erlitten?

Hier findest du Hilfe:

Pro Mente Sana, Tel. 0848 800 858

Angehörige.ch, Beratung und Anlaufstellen

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

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(AFP)

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