Debatte in Israel: «Was haben diese Flüchtlingskinder getan?»
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Debatte in Israel«Was haben diese Flüchtlingskinder getan?»

Der ultrarechte Verteidigungsminister Israels verbietet Soldaten, in ihrer Freizeit afrikanische Flüchtlingskinder zu betreuen. Jetzt streitet das ganze Land darüber.

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Der israelische Verteidigungsminister Avigdor Lieberman gilt als Hardliner. Jetzt hat er Soldaten verboten, sich um afrikanische Flüchtlingskinder zu kümmern.

Der israelische Verteidigungsminister Avigdor Lieberman gilt als Hardliner. Jetzt hat er Soldaten verboten, sich um afrikanische Flüchtlingskinder zu kümmern.

Keystone/AP/Ariel Schalit

Israels ultranationalistischer Verteidigungsminister Avigdor Lieberman hat am Sonntag Soldaten verboten, bei freiwilligen Hilfsaktionen für Kinder afrikanischer Flüchtlinge teilzunehmen. Nun ist im Land ein heftiger Streit darüber entbrannt.

Menschenrechtsgruppen, Opposition und ein Teil der Presse bezichtigten Lieberman des Rassismus. Beifall erhielt er aus dem rechten Regierungslager: Soldaten sollten in ihrer Freizeit lieber bedürftigen Israelis helfen und nicht illegal Eingewanderten, hiess es.

Solidarität beginnt «zu Hause»

Im Raum Tel Aviv stationierte Einheiten der israelischen Streitkräfte hatten in den vergangenen Jahren immer wieder Initiativen von Soldaten gefördert, die sich mit Freizeitangeboten und Bildungsmassnahmen an dienstfreien Tagen um Kinder von Flüchtlingen kümmerten. Laut Presseberichten forderte Lieberman Generalstabschef Gadi Eisenkot auf, diese Aktivitäten zu unterbinden.

Sein Ministerium erklärte dazu auf Anfrage, Lieberman sei der Ansicht, Armeeangehörige sollten sich auf Aktivitäten beschränken, welche allgemeinen Konsens finden. Wohltätigkeit beginne «zu Hause», und Soldaten sollten sich in ihrer Freizeit deshalb lieber um Holocaust-Überlebende oder verarmte Landsleute kümmern.

Die Parlamentsabgeordnete Nava Boker aus der Likud-Fraktion von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu pflichtete bei: «Die Aufgabe von Soldaten ist der Dienst für die Landesbewohner.» Den Kindern von illegal Eingewanderten zu helfen, sei deshalb «absurd», erklärte sie.

Haaretz kritisiert Rassismusrekord

Ron Huldai, Bürgermeister von Tel Aviv und Mitglied der Arbeitspartei, hielt dagegen: «Wir können das Los von Kindern, die unter uns leben, doch nicht einfach ignorieren.» Und sein Parteifreund Amir Peretz, ein früherer Verteidigungsminister riet seinem Nachfolger, «er solle nachlesen, was die jüdische Tradition uns für den Umgang mit den Fremden aufträgt».

Die linksliberale Tageszeitung Haaretz kommentierte, Lieberman habe «einen neuen persönlichen Rekord an Rassismus, moralischer Abscheulichkeit und Grausamkeit aufgestellt».

Und selbst die Soldaten sind von Liebermans Entscheidung schwer enttäuscht: «Unsere Verbindung zu den Kindern war sehr stark», sagt ein Feldwebel der israelischen Armee zu «Ynet». Ihnen jetzt diese Arbeit zu verbieten, sei «rassistisch», kritisiert der Soldat und fragt sich gleichzeitig: «Was haben diese Kinder denn getan?»

In Israel leben rund 50'000 Asylbewerber und Wirtschaftsflüchtlinge, die fast alle aus Eritrea oder dem Sudan stammen und über die ägyptische Halbinsel Sinai ins Land kamen, bevor diese Landgrenze vor vier Jahren durch Sperranlagen verschlossen wurde. (kle/sda)

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