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MissbrauchsfälleWas hat der Papst gewusst?

Papst Benedikt XVI. gerät angesichts immer neuer Missbrauchsvorwürfe in der katholischen Kirche unter Druck. Weil er früher Bischof in Deutschland war, fordert die Basisbewegung «Wir sind Kirche» nun Rechenschaft.

«Von 1977 bis 1981 war Joseph Ratzinger Bischof von München und Freising - er muss also die Frage beantworten, was er damals gewusst hat und weshalb er wie gehandelt hat», sagte Christian Weisner, der Sprecher von «Wir sind Kirche» der Nachrichtenagentur DAPD am Sonntag. Zuvor war bekannt geworden, dass es auch bei den Regensburger Domspatzen bis in die 60er Jahre hinein Missbrauchsfälle gegeben haben soll.

Die kirchliche Obrigkeit könne nicht leugnen, dass Informationen über diese Missbrauchsfälle «bis in die obersten Etagen der Kirche gedrungen sind. Das steht fest», betonte Weisner. Er sprach von «vielen Fällen sexueller Gewalt, die durch das System Kirche gedeckt worden sind».

Der Vatikan kündigte am Wochenende an, die Aufklärung der Vorgänge bei den Regensburger Domspatzen unterstützen zu wollen. Das Wichtigste sei, «dass den potenziellen Opfern Gerechtigkeit widerfährt». Man stehe hinter der Diözese, wenn es darum gehe, die «schmerzhafte Frage» offen und entschlossen zu analysieren.

Der Knabenchor wurde seit den 60er Jahren vom Bruder des Papstes geleitet. «Die Vorwürfe, die nun aufgetaucht sind, fallen nicht in die Amtszeit von Professor Georg Ratzinger», betonte der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller in der Zeitung des Vatikans, dem «Osservatore Romano». Ratzinger selbst sagte der Zeitung «La Repubblica», ihm seien keine Missbrauchsfälle bekannt.

«Sexuelle Dienstleister» für ganze Wochenenden im Odenwald

Auch die renommierte Odenwaldschule für Reformpädagogik in Hessen erschüttert ein Missbrauchsskandal: Im Zeitraum von 1970 bis 1985 sollen dort bis zu 100 Schüler von dem Schulleiter und mindestens drei Lehrern missbraucht worden sein. Die seit 2007 amtierende Leiterin Margarita Kaufmann sagte am Sonntag dem DAPD, zur Aufklärung der Fälle würden nun alle früheren Schüler in einem Schreiben aufgefordert, über solche Vorfälle zu berichten.

Auch Bundesbildungsministerin Annette Schavan kündigte Konsequenzen an. Die CDU-Politikerin will mit dem Präsidenten der Kultusministerkonferenz und den Vorsitzenden der Lehrerverbände über konkrete Vorbeugemassnahmen beraten, wie sie der «Bild am Sonntag» sagte.

Die Odenwaldschule in Heppenheim ist in freier Trägerschaft, im April feiert sie ihr 100-jähriges Bestehen. Schon 1999 hatten zwei frühere Schüler den ehemaligen Schulleiter des sexuellen Missbrauchs beschuldigt. Kaufmann sagte der «Frankfurter Rundschau»: «Es war eine Unterlassung und ein grober Fehler, dass die Schule damals nicht nachgeforscht hat.»

Ehemalige Schüler berichteten der Zeitung davon, dass sie als «sexuelle Dienstleister» für ganze Wochenenden eingeteilt und zu Oralverkehr gezwungen wurden. Einzelne Pädagogen hätten ihren Gästen Schüler zum sexuellen Missbrauch überlassen. Gegen den beschuldigten Schulleiter war 1999 ein Ermittlungsverfahren wegen Verjährung eingestellt worden. Die Schule bat alle Betroffenen um Entschuldigung.

Pfarrer in Wolfsburg suspendiert

Im Missbrauchskandal am Bad Godesberger Jesuiten-Gymnasium Aloisiuskolleg haben sich laut «Kölnischer Rundschau» 30 ehemalige Schüler sowie ein Schüler von heute mit Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs gemeldet.

Das Bistum Hildesheim hat einen Pfarrer aus Wolfsburg mit sofortiger Wirkung vom Dienst suspendiert. Er hatte gestanden, vor rund 30 Jahren einen Jugendlichen sexuell missbraucht zu haben.

Die bayerische Justizministerin Beate Merk forderte die Kirche zur konsequenten Zusammenarbeit mit der Justiz auf. «Es gibt Fälle, in denen es nicht so läuft, wie es laufen sollte», sagte die CSU-Politikerin der «Süddeutschen Zeitung». (dapd)

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