Taliban an der MachtBiden droht Taliban – bei Angriffen auf US-Kräfte wird es «starke» militärische Reaktion geben

US-Präsident Joe Biden äusserte sich zur Evakuierungsaktion in Afghanistan. 20 Minuten berichtete live.

von
Newsdesk

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Montag, 16.08.2021

Die wichtigsten Punkte der Rede

Joe Biden hat sich am Montagabend in einer Fernsehansprache im Weissen Haus zur Machtübernahme der radikalislamischen Taliban in Afghanistan geäussert:

  • Der US-Präsident verteidigte felsenfest den US-Truppenabzug aus dem Land. «Ich stehe aufrecht hinter meiner Entscheidung», sagte er. Es sei nie das Ziel der USA gewesen, Afghanistan in eine «vereinte zentralisierte Demokratie» zu verwandeln. Ziel sei es vielmehr gewesen, nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 neue Attacken auf die USA zu verhindern.

  • Die USA seien weiterhin in der Lage, in Afghanistan gegen terroristische Gruppen vorzugehen, sollte dies notwendig sein, sagte Biden. Er drohte den Taliban zudem eine «vernichtende» Antwort an, sollten sie die Evakuierung von US-Bürgern aus der Hauptstadt Kabul behindern. «Wir werden unsere Leute mit vernichtender Gewalt verteidigen, falls nötig», versicherte er.

  • Biden erhob schwere Vorwürfe gegen die entmachtete politische Führung und die Streitkräfte Afghanistans. «Die politischen Anführer Afghanistans haben aufgegeben und sind aus dem Land geflohen. Das afghanische Militär ist zusammengebrochen, manchmal ohne zu versuchen zu kämpfen.»

  • Der US-Truppenabzug sei die richtige Entscheidung gewesen. «US-Truppen können und sollten nicht in einem Krieg kämpfen und in einem Krieg sterben, den die afghanischen Streitkräfte nicht bereit sind, für sich selbst zu führen.»

  • Die US-Regierung hat das Tempo des Vormarsches der Taliban unterschätzt. «Dies hat sich schneller entwickelt, als wir erwartet hatten». Die USA hätten die afghanischen Sicherheitskräfte ausgebildet und ausgerüstet. Die USA hätten ihnen aber nicht den Willen geben können, für ihre Zukunft zu kämpfen.

Drohung an die Taliban

US-Präsident Joe Biden hat den Taliban für den Fall eines Angriffs auf US-Kräfte mit «einer raschen und starken» militärischen Reaktion gedroht. Das gelte für jede Handlung der Taliban in Afghanistan, die das US-Personal oder deren Mission gefährden würde, sagte Biden zum Schluss.

AFP

Kein Sinn, länger zu bleiben

Es hätte auch keinen Unterschied gemacht, wenn die US-Truppen noch etwas länger in Afghanistan geblieben wären, sagte er. Auch dies hätte den mangelnden Kampfwillen der afghanischen Sicherheitskräfte nicht ändern können. Er sei gegen «endlose Militäreinsätze», betonte Biden.

Es wäre auch früher passiert

«Die Bilder, die wir jetzt sehen, belegen, dass es nie eine militärische Antwort auf die Situation in Afghanistan gegeben hat. Was in den vergangenen Stunden passiert ist, hätte auch vor fünf oder zehn Jahren passieren können.»

Terrorgruppen weiter bekämpfen

Die USA können islamistische Terrorgruppen wie Al-Kaida nach Ansicht von Präsident Joe Biden auch ohne eine permanente Militärpräsenz in dem Zielland effektiv bekämpfen. Das US-Militär zeige dies in anderen Ländern wie zum Beispiel Somalia oder Jemen, sagte Biden. Falls nötig, könne dies künftig auch in Afghanistan so geschehen, sagte er mit Blick auf den bevorstehenden Abzug der US-Truppen.

Die Taliban hatten einst Al-Kaida-Kämpfern und dem damaligen Chef der Terrororganisation, Osama bin Laden, Zuflucht gewährt. Die Anschläge der Terrorgruppe in den USA vom 11. September 2001 hatten dann den US-geführten Militäreinsatz in Afghanistan ausgelöst, mit dem die Taliban entmachtet wurden. Sie hatten Afghanistan seit 1996 regiert. Bin Laden wurde im Mai 2011 bei einem Einsatz von US-Spezialkräften in Pakistan getötet.

Menschen evakuieren

US-Truppen werden in den kommenden Tagen Menschen aus Afghanistan evakuieren. Vor allem Mitglieder von Menschenrechtsorganisationen und andere, deren Leben in Gefahr sei.

Wieso man nicht früher damit begonnen habe? Weil diese Menschen Afghanistan nicht verlassen wollten, in der Hoffnung, dass die Situation sich bessere.

Afghanische Regierung auch schuld

Auch die afghanische Regierung sei verantwortlich für den Konflikt. Ihnen fehle «der Wille , ihr Land gegen die Taliban zu verteidigen.»

«Wie viele amerikanische Leben ist es wert?» fragt Biden diejenigen, die forderten, die Truppen hätten im Land bleiben sollen. «Amerikanische Truppen sollten nicht in einem Krieg sterben, den afghanische Truppen nicht gewillt sind, zu kämpfen. Wir haben ihnen alle Mittel gegeben, die sie brauchten.» Insgesamt hätten die USA über eine Billion Dollar im Land ausgegeben.

Trump mitverantwortlich für Chaos

Biden verteidigt standhaft seine Entscheidung, Afghanistan zu verlassen. Gleichzeitig sagte er, er werde den 20-jährigen Konflikt nicht an einen anderen Präsidenten weitergeben.

Mitverantwortlich für die aktuelle Lage machte er auch seinem Vorgänger Donald Trump, der mit den Taliban ein Abkommen über den Abzug der US-Truppen bis zum 1. Mai 2021 ausgehandelt hatte.

Schritte angekündigt

Der US-Präsident spricht zum Volk: Er kündigt Massnahmen an, um die chaotische Situation in Afghanistan unter Kontrolle zu bringen.

Nach 20 Jahren stehe er hinter der Entscheidung, die Truppen abzuziehen. Oberstes Ziel der USA sei es gewesen, Terror-Attacken, die ihren Ursprung in Afghanistan hätten, zu verhindern. Dieses Ziel sei erreicht worden. Die Situation sei schneller eskaliert, als erwartet. Die lokalen Sicherheitskräfte seien aus dem Land geflohen, erklärt er.

Länger in Afghanistan zu bleiben, hätte wohl nichts gebracht, meint Biden.

Kritik an Präsident Biden

Die Nachricht, dass die US-Regierung mehrere Tausend Soldaten nach Kabul schickt, um die Evakuation des eigenen Personals zu unterstützen, wird in den US-Medien kritisiert. CNN-Moderator Jack Tapper nennt die Entscheidung ein klares Eingeständnis des Weissen Hauses, dass man vom Einmarsch der Taliban überrumpelt worden sei. Biden hätte nun mehr Truppen ins Land geschickt, als vor dem Abzug dort stationiert waren.

Biden spricht zur Nation

Joe Biden wird sich am Montag öffentlich zur Lage in dem Land äussern. Der US-Präsident wird um 15.45 Uhr (Ortszeit; 21.45 Uhr MESZ) im Weissen Haus in Washington eine Fernsehansprache halten, wie die Präsidentschaft mitteilte. Der Präsident, der sich seit Tagen nicht persönlich zu Afghanistan geäussert hatte, reist dazu vorzeitig von seinem Landsitz Camp David in die US-Hauptstadt zurück.

REUTERS

US-Kongress warnte vor Abzug

Die verheerende Niederlage der USA und ihrer Verbündeten in Afghanistan wird für immer mit US-Präsident Joe Biden verbunden sein. Dabei wusste der versierte Aussenpolitiker um die potenziellen Konsequenzen seiner Abzugsentscheidung: Eine vom US-Kongress eingesetzte «Studiengruppe Afghanistan» hatte im Februar vor katastrophalen Folgen eines bedingungslosen amerikanischen Rückzugs gewarnt.

Biden setzte sich darüber hinweg und kündigte ein Ende des US-Einsatzes am 31. August an. Das ist nun Makulatur: Knapp 20 Jahre, nachdem die US-geführte Allianz sie von der Macht vertrieben hatte, herrschen in Afghanistan wieder die Taliban.

Der machtlose US-Präsident

Von seinem Landsitz Camp David aus verfolgte Joe Biden das Afghanistan-Debakel, die bislang grösste Krise seiner Präsidentschaft. Während Bilder vom Fall Kabuls und von dem Chaos in der afghanischen Hauptstadt um die Welt gehen, wirkt der Anführer der Supermacht USA plötzlich machtlos.

Und immer lauter wird die Kritik: Die Rückkehr der radikalislamischen Taliban an die Macht am Hindukusch dürfte ein ewiger Makel in Bidens Präsidentschaft werden.

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