20.06.2020 19:05

Epidemiologe

Was heissen die Corona-Lockerungen für eine zweite Virus-Welle?

Grossanlässe bis 1000 Personen, keine Sperrstunde mehr, Masken an Demos, aber nicht im ÖV: Das öffentliche Leben kehrt zur Normalität zurück. Führt dies zu einer zweiten Welle?

von
Pascal Michel
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Am Freitag konnte Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga die weitgehende Rückkehr zum öffentlichen Leben verkünden.

Am Freitag konnte Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga die weitgehende Rückkehr zum öffentlichen Leben verkünden.

KEYSTONE
So sind Anlässe bis 1000 Personen wieder möglich.

So sind Anlässe bis 1000 Personen wieder möglich.

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Auf ein Maskenobligatorium im öffentlichen Verkehr verzichtet die Regierung. Es bleibt bei der dringenden Empfehlung.

Auf ein Maskenobligatorium im öffentlichen Verkehr verzichtet die Regierung. Es bleibt bei der dringenden Empfehlung.

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Darum gehts

  • Der Bundesrat hat am Freitag weitgehende Lockerungen beschlossen.
  • Statt einer Maskenpflicht im ÖV erneuert die Regierung die «dringende Empfehlung».
  • Epidemiologe Marcel Tanner begrüsst die Lockerungen.
  • Man müsse jedoch nun genau hinschauen, sagt er.

Herr Tanner, der Bundesrat hat am Freitag weitgehende Lockerungen beschlossen. Anlässe bis 1000 Leute sind wieder erlaubt, zudem stuft die Regierung auf die besondere Lage zurück. Wissenschaftler warnten davor. Sind die jetzigen Lockerungen gefährlich?
Nicht gefährlich, aber herausfordernd. Sicher ist es wichtig, dass wir zur Normalität zurückkehren können. Indem sich die Bevölkerung sehr gut an die Regeln gehalten hat, können wir jetzt weiter lockern, die Fallzahlen sind tief. Die Wissenschaft sagt dabei: Wir müssen jetzt sehr wachsam sein. Viren-Nester, aufflammende Übertragungssituationen, müssen rasch identifiziert, Kontakte verfolgt, Infizierte isoliert und entsprechende lokale Massnahmen schnell umgesetzt werden.

Der Bundesrat verzichtet auf eine Maskenpflicht im ÖV. Es bleibt bei der «dringenden Empfehlung». Laut einer Auswertung sind jedoch 94 Prozent der Pendler ohne Maske unterwegs. Sogar der Bundesrat schreibt selbst: «Masken können das Infektionsrisiko stark senken.» Ist der Verzicht auf ein Maskenobligatorium im ÖV nicht fahrlässig?
Tatsächlich sind bisher nur wenige Menschen im ÖV mit Masken unterwegs. Unsere Taskforce forderte schon im frühen April ein selektives Maskentragen, wenn die Distanzregeln nicht eingehalten werden können. Hätte man dies damals schon konsequent eingeführt, würden heute vielleicht mehr Pendler eine Maske tragen. Der Bundesrat hat nun eine dringende Empfehlung ausgesprochen, die ich begrüsse. Damit steigt hoffentlich die Zahl der Maskenträger in Zug, Bus und Tram.

Für Demonstrationen gilt eine Maskenpflicht, Bussen gibt es jedoch keine. Regelmässig war die Rede von «Superspreader-Events». Wie schätzen Sie das ein?
Grossanlässe sind natürlich ein grosser Risikofaktor. Es ist jedoch zentral, wie sich viele Leute treffen, das heisst, ob ein Anlass in einem geschlossenen Raum oder draussen stattfindet. Drinnen ist die Ansteckungsgefahr grösser. Tatsächlich gibt es sogenannte Superspreader, also Personen, die nicht nur ein bis drei Leute, sondern durch ihr Verhalten gleich sehr viele anstecken. Im österreichischen Ischgl war dies etwa in einem Partykeller eine Person, die das Virus noch per Trillerpfeife verteilte.

Was ist dagegen zu tun?
Da gibt es keine Lösung. Zum Glück gibt es etwa an einer Demonstration oder einer Versammlung nicht Tausende Superspreader. Wichtig ist, dass die Kantone Infektionsnester sehr rasch identifizieren können. Also wenn etwa in Zürich an der Langstrasse ein Partygast viele Leute ansteckt, muss der Kanton Zürich das merken und eingreifen – aber sehr lokal und nicht mit einem Lockdown in der ganzen Stadt. Und wegen eines Superspreader an der Langstrasse muss nicht die ganze Schweiz wieder in den Shutdown.

Zentral für die Bekämpfung ist der R-Wert, also wie viele weitere Personen eine infizierte Person ansteckt. Dieser Wert liegt aktuell über der kritischen Marke 1. Was bedeutet das?
Dass der R-Wert derzeit über 1 liegt, ist sicher nicht gut. Wir müssen ihn wieder unter 1 bringen. Dabei ist es zentral, dass wir das neue Regime mit der Verantwortung bei den Kantonen auch längerfristig durchhalten können. Wir müssen in Zukunft mit dem Virus leben. Ich bin aber zuversichtlich, dass wir mit den Rundummassnahmen und der raschen Reaktionsmöglichkeit weitere flächendeckende, grosse Wellen verhindern können.

Marcel Tanner ist emeritierter Professor für Epidemiologie an der Universität Basel und sitzt in der Science Taskforce des Bundes.

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1198 Kommentare
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Virus

21.06.2020, 21:03

Maskenpflicht in den Seuchenzügen

Aerdna

21.06.2020, 18:41

Ich finde es immer wieder sehr interessant, wieviele für eine Maskenpflicht sind oder sagen sie tragen im ÖV eine. Anfangs waren auch alle ausverkauft und wo es wieder gab, sind alle hingerannt. Wo sind denn die alle? Denn ich bin meist die einzige Person die eine Maske trägt,um Euch zu schützen.

Loco Rungen

21.06.2020, 17:50

1186 Kommentar-lose Meinungen. Was heute 2020 abgeht ist absoluter Wahnsinn!!! Keiner hat bis heute etwas gesagt, dass handfest ist. Also, was vor 3 Monaten geschehen ist, kann jederzeit wiederholt werden. Und das in näherer Zukunft wenn wir so weiter machen als ob alles Normal wäre!!!!