Handbuch für Olympia: Was in London 2012 alles zu tun ist
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Handbuch für OlympiaWas in London 2012 alles zu tun ist

Vortritt für Funktionäre, keine Fussballtrikots und Druckerpapier in den Farben weiss, rosa, grün, blau: Die Organisation von Olympischen Spielen bringt endlose Auflagen mit sich.

von
kri
Das IOC schreibt den Austragungsorten minutiös vor, was sie dürfen und müssen und was nicht. Das weiss auch der Londoner Bürgermeister Boris Johnson.

Das IOC schreibt den Austragungsorten minutiös vor, was sie dürfen und müssen und was nicht. Das weiss auch der Londoner Bürgermeister Boris Johnson.

Englisch mag Weltsprache sein und die Sprache der Gastgeber, aber an den Olympischen Spielen 2012 in London muss sie bei Medaillenverleihungen und anderen offiziellen Zeremonien hinter Französisch, der olympischen Amtssprache, anstehen. Dies und mehr verlangt das Internationale Olympische Komitee (IOK) in einem detaillierten Anforderungskatalog, der mehrere tausend Seiten umfasst, berichtet der britische «Telegraph».

Der «Union Jack», die Nationalflagge des Vereinigten Königreichs von Grossbritannien und Nordirland, muss während den Spielen an fünfter Stelle gehisst werden. Zuerst kommen die Olympische Flagge, das Logo von London 2012, die UNO und die griechische Flagge. Auch die Rolle des britischen Königshauses ist klar definiert: Für eine «vom IOK geplante Zeremonie» kurz der Eröffnung muss London die Königin aufbieten, damit alle IOK-Mitglieder das Staatsoberhaupt treffen können.

So steht es in den sogenannten «Olympischen Technischen Handbüchern», laut IOK «integraler Bestandteil» des Vertrags mit dem Austragungsort, den London anlässlich der Vergabe 2005 unterschrieben hat. Nach einem zweijährigen Rechtsstreit erhielten der «Spectator» und die Website «Games Monitor» Einsicht, gestützt auf das Gesetz über die Auskunftspflicht öffentlicher Einrichtungen.

Das IOK hat Vortritt

Laut den technischen Handbüchern hat eine definierte Gruppe von 700 Personen, die mit dem IOK in Verbindung stehen, Anspruch auf einen eigenen Wagen inklusive Chauffeur. 400 weitere teilen sich einen Fahrzeug- und Fahrerpool. Damit sich dieser Tross auch ungehindert fortbewegen kann, muss London «Verhaltensanpassungen bei Einwohnern, Behörden und Wirtschaft verlangen», sollte es zu Verkehrsproblemen kommen. Soll heissen, das IOK hat immer Vottritt.

Die 105 IOK-Mitglieder, ihre Dolmetscher und Funktionäre erhalten 1800 «Vier- und Fünfsternzimmer». Insgesamt müssen mindestens 40 000 Hotelzimmer bereitgestellt werden, in denen auch ausländische Sportfunktionäre, andere offizielle Gäste sowie Medienvertreter Platz finden. Das Londoner Organisationskomitee bezahlt für mindestens 7000 dieser Zimmer. Die Sitzungszimmer des IOK müssen mit «Druckerpapier in verschiedenen Farben - weiss, rosa, grün, blau - gemäss den präzisen Anweisungen des IOK» ausgestatt sein.

Schutz der Sponsoren

Das IOK beansprucht in den Worten des «Telegraph» geradezu «drakonische Vollmachten», um Sponsoren wie Coca Cola und McDonalds vor Ambush-Marketing ihrer Konkurrenten zu schützen. London ist verpflichtet, Zuschauer daran zu hindern, «Kleider oder Accessoires zu tragen, auf denen andere Werbebotschaften als die des Herstellers stehen». Das heisst etwa, dass die Stadt das Tragen von Fussballtrikots mit dem Namen des jeweiligen Sponsors (nicht Coca Cola oder McDonalds) untersagen muss.

«Die Veranstalter müssen versuchen, solches Material zu konfiszieren», dabei aber nicht «übereifrig» vorgehen. Die Stadtbehörden sollen während der Spiele und einen Monat zuvor alle Werbeflächen auf der Strasse, in öffentlichen Verkehrmitteln und an den Flughäfen kontrollieren. Olympische «Markenschutzteams» haben «Zuwiderhandlungen entgegenzutreten» und ganz London zu «überwachen». Die Polizei und die Einreisebehörden sind verpflichtet, die Sponsoring-Regeln durchsetzen.

Das britische Parlament zeigte sich gefügig und hat ein Gesetz verabschiedet, das Ambush-Marketing während der Spiele zur Straftat erklärt und die Behörden ermächtigt, in Wohnungen einzudringen und «widerrechtliches Material» sicherzustellen.

Alles halb so wild

Alle diese Auflagen umzusetzen, fällt grösstenteils in die Verantwortung des Londoner Organisationskomitees, das sich hauptsächlich durch Sponsoring und den Verkauf von Eintrittskarten finanziert.

Gegenüber dem «Telegraph übte sich ein Sprecher von London 2012 in Beschwichtigung: «Diese Informationen sind für die Austragungsorte bestimmt, damit sie sich Gedanken machen, was alles zu tun ist. Die Zahl der Hotelzimmer ist ein Richtwert, wir werden beispielsweise nicht unbedingt hundert Zimmer für die Stars der Eröffnungsfeier brauchen. Und die Massnahmen gegen Ambush-Marketing zielen auf Massenaktionen, nicht auf Einzelpersonen, die ein Fussballtrikot tragen.»

Swiss Olympic, das mit dem Gedanken einer Schweizer Kandidatur ab 2018 spielt, sollte sich die Dokumente gut ansehen. 1948 fanden in St. Moritz die letzten Spiele auf Schweizer Boden statt. Damals lagen noch grosse Teile Europas in Schutt und Asche und man war froh, dass überhaupt ein Land die Spiele austragen wollte. Die Anforderungen heute sind ungleich komplexer.

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