Flüchtlingskind Aschraf Sabir (16) – Mit PET-Flaschen von Marokko nach Ceuta übers Meer
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Flucht nach Ceuta Was ist aus Aschraf Sabir (16) geworden?

Sein Foto kennen seit dem 19. Mai viele, nicht aber seinen Namen oder seine Geschichte. Aschraf Sabirs (16) Versuch, nach Ceuta zu gelangen, endet für ihn halbwegs versöhnlich – aber das ist die Ausnahme.

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Aschraf Sabir erzählt seine Geschichte, nachdem … 

Aschraf Sabir erzählt seine Geschichte, nachdem …

Screenshot El Pais
… diese Bilder des 16-Jährigen im Mai um die Welt gegangen waren. 

… diese Bilder des 16-Jährigen im Mai um die Welt gegangen waren.

REUTERS
Mit umgebundenen PET-Flaschen versuchte er, von Marokko in die spanische Exklave Ceuta zu gelangen. 

Mit umgebundenen PET-Flaschen versuchte er, von Marokko in die spanische Exklave Ceuta zu gelangen.

REUTERS

Die Fotos seiner Verzweiflung gingen um die Welt: Aschraf Sabir (16) trieb weinend und entkräftet vor Ceuta im Wasser. Er hatte sich leere PET-Flaschen umgebunden, um den lebensgefährlichen Weg von Marokko zur spanischen Exklave zu schaffen. An Land zu gehen, traute er sich nicht aus Angst, dass spanische Soldaten ihn verprügeln würden. «In Gottes Namen», schrie er ihnen zu, «versucht uns doch zu verstehen!».

Rachid Mohamed al Messaoui überzeugte den Jungen schliesslich doch, aus dem kalten Wasser zu kommen. «Er wollte nicht zurück nach Marokko. Er sagte, dass es ihm egal sei, wenn er an Kälte sterbe», so der Soldat. «Ich habe so etwas noch nie von einem so jungen Kind gehört, dass es lieber sterben würde, als nach Marokko zu gehen.»

Aschraf ist ein «Sohn der Sünde»

Innert weniger Tage waren im Mai rund 10’000 Menschen von Marokko in die nordafrikanische Enklave Ceuta in Spanien geschwommen, darunter tausende unbegleitete Minderjährige wie Aschraf Sabir. Wie viele andere auch wurde er schnell wieder nach Marokko gebracht. Aus einem armen Vorort von Casablanca erzählt er der spanischen Tageszeitung «El Pais» seine Geschichte.

Aschraf ist das, was man in Marokko einen wlad lehram nennt, einen «Sohn der Sünde», denn er ist ein uneheliches Kind. In Marokko haben diese Kinder kein Anrecht auf den väterlichen Nachnamen, auf eine staatliche Pension oder auf ein Erbe. Der Versuch, dieses Unrecht aufzuheben, wurde 2020 durch das Oberste Gericht im Land vereitelt.

Die Mutter des Jungen hatte ihn deswegen drei Tage nach der Geburt weggegeben, an eine Freundin, die ihn wie ihren Sohn aufzog. Doch die Adoptivmutter starb, als Aschraf elf Jahre alt war. Er kam so zu Miluda Gulami, selbst mehrfache Mutter, wo er zusammen mit deren Kindern in einem Haus mit lediglich zwei Zimmern wohnte.

Sein dritter Versuch in 24 Stunden

Sie lebten im Vorort Er Hamna im Sidi-Mumen-Bezirk, einer der ärmsten Regionen von Casablanca. Sie ist im ganzen Land berüchtigt, da von hier mehrere Jihadis kamen, die 2003 in einem Café ein Blutbad in Marokko angerichtet hatten. Andere schlossen sich später dem IS in Syrien an. Aussicht auf Bildung oder eine gesicherte Zukunft gab und gibt es für die Kinder und Jugendlichen aus Sidi Mumen bis heute nicht.

Vor diesem Hintergrund wundert es wenig, dass Aschraf von einem Leben in Spanien träumte. Im Februar haute er von zuhause ab und lebte einige Monate auf der Strasse von Tangier. Im Mai vernahm er, dass die Grenze nach Ceuta geöffnet sei. «Andere Kinder erzählten es und ein Mon-Ami (ein Afrikaner aus der Subsahara) bestätigte es.»

«Einige meiner Freunde haben das geschafft»

Als Aschraf fotografiert wurde, wie er mit seinen leeren Plastikflaschen im Meer trieb, sei das bereits sein dritter Versuch innert 24 Stunden gewesen, nach Ceuta zu gelangen.

Der Frust des Jungen, von den Soldaten jedes Mal nach Marokko zurückgebracht zu werden, muss riesig gewesen sein. «Alles, was ich wollte, war in Spanien meine Träume zu erfüllen», sagt er. «Einige meiner Freunde haben das bereits geschafft. Ich wollte Geld verdienen und meine Familie unterstützen, damit sie besser leben kann.»

Versöhnliches Ende – aber nur für Aschraf

Anders als die Geschichten von tausenden anderen endet die von Aschraf versöhnlich. Zwei Hilfsorganisationen haben ihm ihre Unterstützung zugesagt. Sie wollen sich um seine Ausbildung kümmern und ihm finanziell unter die Arme greifen, damit er eine Lehre beginnen kann. Der 16-Jährige hat sich entschlossen, den Coiffeurberuf zu erlernen.

Auch wenn die meisten vor rund zwei Wochen nach Marokko zurückgebracht wurden, befinden sich noch immer hunderte unbegleitete Minderjährige im spanischen Ceuta. In den Augen Spaniens provozierte Marokko den Migrantenansturm auf die spanische Exklave, um ihn als politisches Druckmittel einzusetzen.

Die marokkanische Grenzpolizei habe «Kinder im Alter von sieben oder acht Jahren» passieren lassen, so die spanische Verteidigungsministerin Margarita Robles. «Sie haben sie benutzt, unter Missachtung des Völkerrechts.» Tatsächlich hatten marokkanischen Sicherheitskräfte die Flüchtlinge in Ceuta nächst passieren lassen und erst später den Grenzschutz verstärkt. Hintergrund war ein Streit zwischen Marokko und Spanien um den Konflikt in der Westsahara.

König Mohammed will Lage «definitiv regeln»

Jetzt hat Marokkos König Mohammed VI. die Bereitschaft zu einer einvernehmlichen Lösung mit der EU signalisiert. Er wolle, dass die Lage von minderjährigen Marokkanerinnen und Marokkanern, die illegal in die EU gelangt seien, «definitiv geregelt» werde, erklärten das Innen- und Aussenministerium in Rabat. Das Königreich sei bereit, mit europäischen Staaten und der EU in dieser Angelegenheit zu kooperieren.

Die Ministerien bekräftigten «das klare und feste Bekenntnis» des Königreichs, «die Rückkehr von unbegleiteten und ordnungsgemäss identifizierten Minderjährigen zu akzeptieren». Ob darunter auch Marokkos unehelich geborene «Kinder der Sünde» fallen werden?

(gux)

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