14.08.2020 17:05

Moderna Was ist dran an der Kritik am Corona-Impfstoff-Lieferanten der Schweiz?

Die Meldung, dass der Bund 4,5 Millionen Impfstoffdosen bei der US-Biotechfirma Moderna reserviert hat, stiess nicht nur auf Begeisterung. In den sozialen Medien wurden Vorwürfe laut.

von
Fee Anabelle Riebeling, Daniel Graf
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Die Meldung, dass die Schweiz bei der US-Biotechfirma Moderna einen Reservationsvertrag für einen Impfstoff gegen Covid-19 abgeschlossen hat, kam nicht bei allen gut an.

Die Meldung, dass die Schweiz bei der US-Biotechfirma Moderna einen Reservationsvertrag für einen Impfstoff gegen Covid-19 abgeschlossen hat, kam nicht bei allen gut an.

KEYSTONE
Kritiker teilten in den sozialen Medien direkt ihre Kritikpunkte. So werfen sie dem Unternehmen vor, in den zehn Jahren seiner Existenz kein Produkt auf den Markt gebracht zu haben.

Kritiker teilten in den sozialen Medien direkt ihre Kritikpunkte. So werfen sie dem Unternehmen vor, in den zehn Jahren seiner Existenz kein Produkt auf den Markt gebracht zu haben.

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Tatsächlich zeigt der Blick auf die Firmenhistorie: Bisher ist kein Produkt über die Phase 3 hinausgekommen. Warum hat der Bund also bei Moderna zugeschlagen? (Im Bild: Ausschnitt «Impfstoffe in der Pipeline» der Firmenhistorie)

Tatsächlich zeigt der Blick auf die Firmenhistorie: Bisher ist kein Produkt über die Phase 3 hinausgekommen. Warum hat der Bund also bei Moderna zugeschlagen? (Im Bild: Ausschnitt «Impfstoffe in der Pipeline» der Firmenhistorie)

Screenshot modernatx.com 

Darum gehts

  • Anfang August wurde bekannt gegeben, dass der Bund einen Impfstoff-Vertrag mit der Biotechfirma Moderna abgeschlossen hat.
  • Direkt im Anschluss meldeten sich die ersten Kritiker zu Wort. Sie werfen dem Unternehmen mehrere Dinge vor.
  • 20 Minuten hat die Vorwürfe einem Faktencheck unterzogen.

An der Firma Moderna, mit welcher der Bund einen Vorvertrag für einen Corona-Impfstoff unterzeichnet hat, wird Kritik laut. Doch was hat es mit den Vorwürfen, die unter anderem auf Twitter geteilt werden, auf sich? Und was sagt das Bundesamt für Gesundheit (BAG) dazu? Ein Überblick.

Vorwurf: Moderna hat noch nie ein Produkt auf den Markt gebracht.

Obwohl das Unternehmen seit seiner Gründung im Jahr 2010 zu Impfstoffen forscht, ist bisher kein Produkt über die Phase 3 hinausgekommen (siehe Box). Das zeigt der Blick auf die Firmenhistorie. Trotzdem wird Moderna von vielen Seiten als eine der führenden Firmen bei der Entwicklung eines Covid-19-Impfstoffs gehandelt. Dies dürfte laut Thunertagblatt.ch einerseits der intensiven PR-Kampagne zu verdanken sein, die «in fast wöchentlichen Mitteilungen über die scheinbar unbremsbaren Fortschritte berichtete»; andererseits den tatsächlich erzielten Fortschritten.

Das US-Unternehmen teilt auf Anfrage von 20 Minuten mit, man sei auch vor Corona nicht untätig gewesen: «Wir waren damit beschäftigt, die Entwicklung unserer mRNA-Technologien voranzutreiben.» Derzeit habe man 23 mRNA-Kandidaten im Portfolio, von denen sich 13 in klinischen Studien befinden – darunter der potenzielle Impfstoff gegen Corona.

Das BAG gibt sich ebenfalls unbeirrt: Die Daten, die ihm von Moderna präsentiert wurden, sollen «vielversprechend» aussehen. Was das genau bedeutet, bleibt offen, denn: «Zu Details des Vertrags können wir uns nicht äussern.»

Dass «vielversprechend» nicht sicher heisst, verrät der Blick auf die Website des BAG. Dort steht: «Heute kann noch nicht mit Sicherheit gesagt werden, welche Unternehmen bzw. welche Impfstoffe sich am Ende durchsetzen und der Schweizer Bevölkerung zur Verfügung gestellt werden können.» Der Bund setze deshalb auf «ein diversifiziertes Vorgehen». Entsprechend führe das BAG weitere Gespräche mit Impfstoffkandidaten.

Die drei Phasen der Impfstoffentwicklung

Bevor ein Impfstoff zugelassen wird, durchläuft er – nach ersten Prüfungen im Labor und an Tiermodellen – drei klinische Testphasen:

In Phase I erhält eine kleine Anzahl gesunder Freiwilliger das Mittel. An ihnen wird untersucht, ob das Immunsystem reagiert und welche Nebenwirkungen auftreten. Auch Dosierungen können getestet werden.

In Phase II werden Impfungen auch an vorerkrankten Menschen erprobt. Zudem wird geprüft, ob das Medikament die Krankheit sicher verhindern kann. Mitunter werden Phase I und II kombiniert, um Zeit zu sparen.

Ob ein Mittel tatsächlich zugelassen wird, darüber bestimmt das Ergebnis aus den Phase-III-Studien. In diesen bekommen Zehntausende Freiwillige den Impfstoff verabreicht, um seine Wirkung und Sicherheit zu bestätigen.

Vorwurf: Moderna ist in Betrugsskandale verwickelt

Eine Konsumentenorganisation wirft Moderna vor, bei den Aktienpreisen Finanzbetrug begangen zu haben, da Topmanager zuerst den Aktienpreis in die Höhe getrieben und nach der Ankündigung von positiven Testresultaten dicke Aktienpakete verkauft hätten. Sogar die Börsenaufsicht ermittelt.

Unter anderem wird moniert, dass die Biotechfirma im Mai 2020 zwar Studienergebnisse präsentiert hat, dies jedoch ohne diese Resultate mit Daten belegt zu haben. Die positive Börsenreaktion darauf habe man umgehend für eine grössere Kapitalerhöhung genutzt. Der Marktwert Modernas schwoll daraufhin auf 29 Milliarden Dollar an, wie Cnn.com schreibt. Auch das Schweizer Pharmaunternehmen Lonza, das einen Wirkstoff für Modernas Kandidaten herstellt, verzeichnete einen deutlichen Kursanstieg.

Moderna rechtfertigt das Vorgehen mit den Verpflichtungen für Unternehmen, die an der Börse gehandelt werden, und verweist auf die Regel 10b5-1 der US-Börsenaufsichtsbehörde für die Kontrolle des Wertpapierhandels (siehe Box). Weiter möchte man sich nicht dazu äussern. Das BAG dagegen kommentiert diesen Vorwurf nicht.

Im Juli 2020 lieferte Moderna die fehlenden Daten schliesslich nach, die die ersten Aussagen zum Impfstoffkandidaten laut Handelsblatt.com weitgehend bestätigen.

Die Regel 10b5-1

Regel 10b5-1 wurde im Jahr 2000 von der Securities and Exchange Commission (SEC) eingeführt und erlaubt es Grossaktionären, eine vorher festgelegte Anzahl von Aktien zu einem vorher festgelegten Zeitpunkt zu verkaufen. Viele Führungskräfte von Unternehmen nutzen 10b5-1-Pläne, um den Vorwurf des Insiderhandels zu vermeiden. Sowohl der Verkäufer als auch der Makler, der die Verkäufe tätigt, dürfen keinen Zugang zu wesentlichen nicht öffentlichen Informationen (MNPI) haben.

Vorwurf: mRNA ist eine nicht erprobte Gentechnik

Man unterscheidet grundsätzlich zwischen drei Arten von Impfstoff (siehe Box). Moderna arbeitet – wie zum Beispiel auch die deutschen Unternehmen Curevac und Biontech – an der neuesten Methode: an einem mRNA-Impfstoff. Bei diesem wird versucht, die Impfwirkung unter Verwendung von Erbsubstanzen zu erzielen. Einer der Vorteile dieses Ansatzes: mRNA-Impfstoffe können im Gegensatz zu klassischen Impfstoffen (mit langwieriger Virenanzucht) schnell und kostengünstig in grossen Mengen produziert werden.

Doch Kritiker befürchten, die mRNA würde dann in das menschliche Erbgut eingebaut. Dieses Risiko schätzen Experten wie der Impfstoffforscher Carlos Guzmán vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig (HZI) jedoch als gering ein, schreibt die «Berliner Zeitung». Denn anders als bei DNA-Impfstoffen gelangt diese «nicht in den Zellkern und wird relativ schnell abgebaut». Auch das BAG teilt die Sorge der Kritiker nicht. Es bezeichnet die Technologie als «rein wissenschaftlich betrachtet gut nachvollziehbar und allenfalls zukunftsweisend.» Aber «solange es keine Resultate aus Phase-3-Studien gibt, weiss man noch zu wenig betreffend Risiken – dies unabhängig davon, ob der Impfstoff mit einer alten oder neuen Technologie hergestellt wird.»

Bei knapp zwei Dutzend der insgesamt mehr als 160 Impfstoff-Kandidaten gegen Covid-19 handelt es sich um RNA-Produkte. Würde einer von ihnen das Rennen machen, wäre das eine Premiere. Denn wie Spiegel.de schreibt, «hat diese Technologie in mehr als zwei Jahrzehnten Forschung noch keine einzige Marktzulassung eines Impfstoffs gegen ein Virus hervorgebracht».

Drei Gruppen Impfstoffe

Impfstoffe aus Vireneiweiss: Einige Forscherteams arbeiten an einem Impfstoff aus Vireneiweiss, bei dem das Protein – und nicht das ganze Virus – die Immunantwort auslöst. Nach einem solchen Prinzip funktionieren etwa die Tetanus-, die Hepatitis-B- oder die Grippeimpfung.

Impfstoffe mit Virus-Transport: Eine zweite Gruppe forscht zu Impfstoffen mit sogenannten Vektorviren. Das heisst: Sie pflanzen in das Erbgut harmloser Viren wie dem etablierten Impfvirus Vaccinia das Gen für das Spike-Protein von Sars-CoV-2 ein. Sie verkleiden es gewissermassen. Wird dieses dann als Impfstoff injiziert, reagiert das Immunsystem so, als ob es sich um das echte Coronavirus handeln würde, und bildet Antikörper dagegen.

Impfstoffe aus Erbsubstanz: Dabei soll eine genetische Bauanleitung für das Spike-Protein des neuartigen Coronavirus gespritzt werden, wodurch das Immunsystem für eine begrenzte Zeit dazu gebracht werden soll, das Virusmolekül selbst zu erstellen, sodass Antikörper gegen Sars-CoV-2 aufgebaut werden.

Vorwurf: Geltende Vorschriften bezüglich Freisetzung von Gentechnik wurden mittels Notrecht ausgehebelt

Dass die für einen mRNA-Impfstoff benötigten Abschnitte der Boten-RNA ausserhalb eines Organismus geschaffen werden, ist weder neu noch eine Folge der Corona-Pandemie. Die Herstellung einer solchen wurde erstmals 1990 beschrieben. Allerdings wurden die Möglichkeiten, die sich durch die Technik auftaten, zunächst nicht weiterverfolgt. Da die mRNA ein instabiles Molekül ist, schien die Methode nicht sonderlich effizient zu sein.

Dank verbesserten technischen Möglichkeiten hat sich dies in den vergangenen Jahren aber geändert. Besonders weit fortgeschritten ist die Methode bei der Entwicklung von Impfstoffen, die die Immunabwehr gegen Tumorzellen aufbringen sollen. Allerdings muss auch hierbei der Beweis für das Potenzial für die Bekämpfung derzeit nicht therapierbarer Krebserkrankungen beim Menschen noch erbracht werden, wie das Magazin «Bio Spektrum» schreibt.

Vorwurf: Bill Gates als Geldgeber von Moderna und Swissmedic erwartet einen 20:1-Profit auf seine Investments

Der Vorwurf gründet wohl auf der Verschwörungstheorie, Bill Gates sei der Urheber der aktuellen Pandemie oder zumindest einer der grossen Pandemie-Profiteure. Richtig ist einzig: Beide Unternehmen erhalten Gelder von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF). Daraus machen weder Moderna noch Swissmedic einen Hehl.

Erstere schreibt, im Januar 2016 «einen Rahmenvertrag für globale Gesundheitsprojekte» abgeschlossen zu haben, «um mRNA-basierte Entwicklungsprojekte für verschiedene Infektionskrankheiten voranzubringen». Für ein erstes Projekt (mRNA-Impfstoff gegen HIV) habe man ihnen bis zu 20 Millionen Dollar an Fördermitteln bereitgestellt. Bei Folgeprojekten seien bis zu 100 Millionen Dollar drin.

Auch Swissmedic gibt auf seiner Website – für jedermann einsehbar – Auskunft zur Kooperation mit der BMGF: In einer am 3. Februar 2020 unterzeichneten Finanzierungsvereinbarung über 900’000 Dollar verpflichten sich die Parteien «nun für weitere drei Jahre, ressourcenarmen Ländern einen besseren Zugang zu medizinischer Versorgung zu ermöglichen.» Auf Nachfrage von 20 Minuten erklärt Mediensprecher Lukas Jaggi: «Es handelt sich um zweckgebundene Beiträge für die Entwicklungszusammenarbeit, mit Zulassungen für die Schweiz hat das nichts zu tun.» Auch von «Geschenk» oder «Spende» an Swissmedic könne keine Rede sein.

Abgesehen davon arbeitet die BMGF nicht gewinnorientiert. Vielmehr ist ihr erklärtes Ziel, bis 20 Jahre nach dem Tod von Bill und Melinda Gates alle Mittel aufgebraucht zu haben. Ein von der eigentlichen Stiftung getrennter Treuhandfonds finanziert die Stiftung und legt die übrigen Finanzreserven in der Zwischenzeit an. Das heisst: Bill Gates verdient weder an der Krise selbst noch an Modernas Impfstoffbemühungen Geld.

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128 Kommentare
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Mike

15.08.2020, 21:36

Die haben unter dem vorherigen Namen, IG Farben zyklon B hergestellt. Danach wurde sie übernommen und name geändert auf moderna. Herr Fauci, Gates , Epstein usw. beruhigend ein impfstoff von denen.

Team ModernaRelief Therapeutics

15.08.2020, 20:54

Das Moderna noch nie ein Produkt auf den Markt gebracht hat, ist mir schon lange bewusst, dass bedeutet aber noch lange nicht das Sie es dieses Jahr auch nicht schaffen. Wer sich im Pharmaunternehmen auskennt, weiss Bescheid wie die Labortests funktionieren. Aufwendig, Zeit & Geduld gehört dazu. Moderna war das Erste Unternehmen wo sich mit dem Covid-19 Impfstoff beschäftigt hatte. Nachdem es in Asien ausgebrochen war, Moderna wird als Erstes Unternehmen den Impfstoff in grösseren Mengen auf den Welt-Markt bringen. Sehr starkes Team und mit der Unterstützung von Lonza unaufhaltbar. Aktien von Moderna werden demnächst über 250$ sein. Achja das Medikament Aviptadil (RLF-100) von der Firma Relief-Therapeutics, wird auch in die Luft gehen. Forscher & Experten sehen grosses Potential für dieses Corona-Mittel. In USA läuft die letze Testphase & das Medikament wird boomen.. Ps; Die positiven Covid-19 Patienten die sich gegen eine Impfung & Medikament wehren. = Quarantäne & Lohnausfall

Peter Müller

15.08.2020, 20:41

Ich habe mein gesammtes Berufsleben in der Chemischen Entwinklung Pharma gearbeitet. In den 25 Jahren meiner Mitarbeit in der Entwicklung sind schlussendlich 5 Medikamente auf den Markt gekommen, alle anderen blieben im Verlauf der intensiven langjährigen Abklärungen auf der Strecke. Sei es wegen mangelnder Wirkung, zu vielen Nebenwirkungen oder was auch immer. Sicher ist auf jeden Fall, dass man definitiv keinem Medikament oder Impfstoff trauen kann welcher nicht langjährigen Studien und Abklärungen unterworfen wurde. Selbst dann gibt es immer wieder unerwartete Nebenwirkungen mit Sammelklagen usw. Wenn also jemand, meiner Meinung nach, einem Medikament im Schnellverfahren bedenkenlos vertraut ist das ihm selbst überlassen. Ich persönlich würde auf Grund meiner Beruflichen Erfahrung die Finger davon lassen!