Eurozone in Gefahr: Was jetzt, Irland?
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Eurozone in GefahrWas jetzt, Irland?

Irland stellt sich unter den Rettungsschirm der EU. Damit werden dem «keltischen Tiger» auch die Klauen geschnitten. Doch hilft das der grünen Insel, der EU und dem Euro?

von
Gérard Moinat
Und weg damit. Droht in Irland bald ein Haircut?

Und weg damit. Droht in Irland bald ein Haircut?

Zunächst ein kleiner Auszug aus dem Wirtschaftslexikon: Wird im Falle eines Zahlungsausfalls nur ein Teilbetrag der Ausstände zurückbezahlt, dann nennt man das «Haircut» — Haarschnitt. Ein Szenario, vor dem Anleger erzittern; und das im Falle Irland ohne Weiteres hätte wahr werden können.

Nun aber kommt die grüne Insel unter den Rettungsschirm der EU. Damit kann das Land auf bis zu 123 Milliarden Franken an Krediten zurückgreifen. Irlands Ministerpräsident Brian Cowen zog die Handbremse, um die irischen Wirtschaft vor einem Kollaps zu bewahren und den maroden Bankensektor zu sanieren.

Zum zweiten Mal dieses Jahr musste die EU somit einem Mitglied unter die Arme greifen. Im Mai war es Griechenland. Und langsam muss man sich fragen: Gefährden die maroden EU-Randstaaten die Stabilität der gesamten EU? Und: Ist der Euro bald nichts mehr wert?

Verunsicherung wäre tragischer

Jörn Spillmann, Ökonom bei der Zürcher Kantonalbank, verneint. Kurzfristig sei es nun zwar wahrscheinlich, dass sich die Rezession in Irland verschlimmere. Aber: «Langfristig haben solche Notmassnahmen positive Effekte, da sie in den betroffenen Ländern strukturelle Veränderungen forcieren.» Da der Anteil Irlands wie auch Griechenlands an der Gesamtproduktion der Eurozone verschwindend klein ist, sei auch das Wirtschaftswachstum in der Euro-Zone nicht gefährdet.

Auch sei der Hilferuf Irlands für den Euro ein positives Zeichen. «Denn anhaltende Verunsicherung wäre für die Gemeinschaftswährung viel schlimmer als eine Anfrage um Notkredite.» So sei wenigstens Klarheit gegeben. Spillmann sieht die Inanspruchnahme des Rettungsschirms deshalb sehr positiv.

Ein «Haircut», wie oben beschrieben, wäre für ihn eine kaum zu erwartende Wende. «Um in der Metaphersprache zu bleiben: Irgendwann regnet es zwar wieder, und möglicherweise muss ein weiterer Staat Finanzhilfe beantragen. Aber auch Länder wie Portugal und Spanien passen noch unter den Rettungsschirm», so Spillmann. «Ein viel grösseres Problem wäre dann Italien.»

Irland hat seine Hausaufgaben gemacht

Auch gemäss Sarasin-Chefökonom Jan Poser liegen Szenarien in weiter Ferne, in denen weitere Länder bei der EU um Hilfe anklopfen. Zudem ist er gegenüber Irland ist sehr positiv eingestellt: «Das Land hat bei seinen Staatsfinanzen seine Hausaufgaben gemacht. Lediglich der Bankensektor liegt im Argen.»

Eine Gefahr sieht er nun aber darin, dass die Märkte zu undifferenziert reagieren und die Probleme in den Staatsfinanzen und im Bankensektor über einen Kamm scheren. Denn damit könnte ein weiterer Dominostein ins Taumeln gebracht werden: Portugal.

Doch auch wenn dem so wäre, wäre noch nicht aller Tage Abend: «Vielleicht schweissen die derzeitigen Schwierigkeiten die EU-Staaten sogar aneinander», mutmasst Poser.

Freude verpuffte rasch wieder

Auch um den Euro macht sich Poser keine Sorgen. Es würden zwar Probleme in der Konstruktion der Gemeinschaftswährung erkennbar. Aber im Falle eines Austritts eines einzelnen Mitglieds überwiegen immer noch die Nachteile. «Das wird nicht geschehen», sagt Poser.

Mit der Gewissheit, dass Irland unter den EU-Rettungsschirm kommen würde, atmeten am Montag auch andere Marktbeaobachter tief durch. Aber die Gelassenheit währte nur kurz: Bereits am Montagnachmittag verstärkte die Regierungskrise in Dublin die Nervosität der Investoren wieder. Die Grünen kündigten ihren Rückzug aus der irischen Regierung an.

In der Folge schossen die Risikoaufschläge (Spreads) für zehnjährige irische Staatsanleihen wieder in die Höhe. In Reaktion auf das Hilfe-Ersuchen waren diese vorübergehend zurückgegangen. Spreads sind die Fieberkurven der Anlegerstimmung. Bleiben die hoch, kann von einer Entspannung der Lage keine Rede sein.

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