Aktualisiert 23.08.2019 14:46

Amazonas-BrändeWas kann ich eigentlich für den Regenwald tun?

Das Amazonasgebiet wird von schweren Waldbränden bedroht. WWF-Chef Thomas Vellacott erklärt, was von der Schweiz aus getan werden kann und wo Spendengelder landen.

von
jk

Die Amazonas-Brände zerstören die Lebensgrundlage vieler. (Video: Tamedia)

Herr Vellacott*, was passiert gerade im Amazonasgebiet?

Zurzeit wüten Waldbrände, zudem schwindet der Regenwald seit Jahren, weil er für landwirtschaftliche Zwecke gerodet wird.

Wie kann die Abholzung gestoppt werden?

Auf langfristige Sicht hin ist es wichtig, dass genügend Fläche geschützt und die Landrechte der indigenen Bevölkerung anerkannt sowie respektiert werden. Wo der Wald genutzt wird, geht es darum, Anreize für eine nachhaltige Nutzung zu schaffen. Das heisst, dass die Natur nicht zerstört wird, die lokale Bevölkerung daraus aber gleichzeitig ein Einkommen generieren kann.

Wie sehen solche Anreize aus?

Brasilien hat ein grosses Interesse daran, seine Produkte auf dem Weltmarkt zu verkaufen. Wenn dieser Marktzugang über Freihandelsabkommen und die Einkaufspolitik von Firmen an die Einhaltung von Umwelt- und Sozialstandards geknüpft wird, entsteht ein starker wirtschaftlicher Anreiz, die Zerstörung von Naturräumen wie dem Amazonas zu verhindern. Diese Verbindung zwischen Naturschutz und Handelspolitik ist absolut zentral.

Gibt es Beispiele für Produkte, die zur Abholzung des Regenwaldes beitragen?

Ein Beispiel wäre die Rinderzucht oder der Soja-Anbau. Für Soja-Plantagen wird häufig die Natur zerstört. Das Soja wird dann zum grössten Teil als Futtermittel für die Herstellung von Fleischprodukten verwendet.

Sollte man als Konsument solche Produkte nun boykottieren?

Das ist eine Möglichkeit, es gibt aber noch eine andere. Hier kann politisch etwas bewirkt werden. Der Handel ist für Brasilien essenziell, man ist auf Handelsabkommen mit Drittstaaten angewiesen. Erst kürzlich hat die EU mit den Mercosur-Staaten, zu denen auch Brasilien zählt, ein Freihandelsabkommen abgeschlossen. Auch die Schweiz steckt mitten in Verhandlungen. Nachhaltige Produktion sollte in den entsprechenden Verträgen eine Voraussetzung sein. Das bedeutet: Die Kriterien bezüglich Umweltschutz und sozialen Standards müssen hoch sein. Zudem müssen Mechanismen festgehalten werden, die die Einhaltung dieser Produktionskriterien sicherstellen.

Was kann ich als Einzelperson tun, um die Amazonas-Regenwälder zu retten?

Man kann auf drei Ebenen Einfluss nehmen: Politisch kann man Politiker wählen, denen der Natur- und Klimaschutz wichtig ist und die bei Handelsabkommen Umwelt- und Sozialstandards einfordern. Zweitens kann man darauf achten, nur nachhaltige Produkte aus der Region zu kaufen. Man sollte nicht davor zurückschrecken, bei Firmen auch mal nachzufragen, wie sichergestellt wird, dass ihre Produktion nicht zur Abholzung beiträgt.

Und der dritte Punkt?

Man kann mit Spenden Organisationen vor Ort unterstützen, die sich im Amazonas unter schwierigen Bedingungen gegen die Waldzerstörung engagieren, der WWF ist nur eine davon. Die Zusammenarbeit mit der lokalen Bevölkerung ist dabei unglaublich wichtig. Indigene Völker sind auf das Amazonasgebiet angewiesen, es ist ihre Lebensgrundlage.Der WWF ist seit Jahrzehnten im Gebiet tätig, die momentane Spendenaktion ist Teil eines langjährigen Engagements. Nur so können Beziehungen zu den Menschen vor Ort aufgebaut werden.

Was tun Organisationen wie der WWF mit den Spendengeldern?

Ein Punkt ist etwa die Zusammenarbeit mit Regierungsstellen, Finanzinstituten und Industrievertretern am Verhandlungstisch und dort Anreize für eine nachhaltige Waldnutzung zu schaffen. Dann gilt es, Schutzgebiete zu errichten, wobei der WWF mithilft. Er hat sich zum Ziel gesetzt, dass bis 2020 ein Drittel des Amazonas-Regenwalds geschützt ist. Die Schutzgebiete werden nicht nur eingerichtet, es wird auch laufend überwacht, ob der Schutz tatsächlich umgesetzt wird.

Wie gelingt das?

Viele lokale Regierungsmitarbeiter sehen es anders als Bolsonaro, ihnen liegen der Schutz des Regenwalds sowie die Umwelt am Herzen. Und es gilt, die Landrechte der indigenen Bevölkerungsgruppen zu sichern. Mit ihrem nachhaltigen Lebensstil erhalten sie den Regenwald und verhindern in ihren Gebieten illegalen Holzschlag. Gerade in der schwierigen Situation heute geht es darum, die Rechte dieser Menschen zu stärken.

Was bringt es, wenn Präsident Bolsonaro international unter Druck gesetzt wird?

Die verheerenden Folgen, die es für Brasilien und die lokale Bevölkerung haben wird, wenn der Natur- und Umweltschutz von der Regierung missachtet wird, sollen deutlich gemacht werden. Zudem hat die brasilianische Wirtschaft ein Interesse am Zugang zu internationalen Märkten. Wenn bemerkt wird, dass dieser gefährdet ist, wird auch sie Druck machen gegen die Naturzerstörung. Aufforderungen anderer Staatspräsidenten hingegen scheinen wenig zu bewirken: Solche hat Bolsonaro auch schon ins Lächerliche gezogen. Entscheidend ist wirklich, dass die lokale Bevölkerung ein grosses Interesse an nachhaltiger Wirtschaft hat.

*Thomas Vellacott ist Geschäftsführer von WWF Schweiz

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