Aktualisiert 02.08.2012 03:35

«London Calling»Was kümmern uns ein paar verpasste Medaillen?

So stilvoll wie die Schweizer am 1. August in London hat noch keine Sportnation ihren sportlichen Weltuntergang gefeiert.

von
Klaus Zaugg
London

Die armen Leute lernen ohne Musik zu tanzen. Und die Schweizer den 1. August im Rahmen der Olympischen Spiele im «House of Switzerland» ohne Medaillen stilgerecht zu feiern.

Bundesrat Didier Burkhalter ist auch da. Bevor er vor Hunderten von Zuhörern die Ansprache zum Nationalfeiertag hält, äussert sich der Aussenminister vor dem olympischen Nachrichtenzug (vor den Berichterstatterinnen und Berichterstattern) zur sportlichen Lage der Nation. «Es ist eine Realität im Sport, dass die Medaillen nie sicher und garantiert sind.» Wohl wahr. Und er fährt fort: «Es gehört auch zu einer positiven Darstellung der Schweiz nach aussen, dass wir Niederlagen akzeptieren können.» Man solle auch nicht vergessen, dass es «nur» Sport sei und nichts Ernsteres. Dann gibt er den Chronistinnen und Chronisten noch einen väterlichen Ratschlag: Es wäre verfehlt, sagt er, die Schweizer Olympiamannschaft allzu fest zu kritisieren und alles schlecht zu machen. Er weist darauf hin, dass noch anderthalb Olympia-Wochen verbleiben.

Ein ganz anderer Star des Abends

Am Nachmittag hatte er vor Ort das Zeitfahren (mit Fabian Cancellara) verfolgt. «Nach einem solchen Sturz ist es sehr schwierig, ein hohes Niveau beizubehalten, das es für einen Medaillengewinn bräuchte». Der Bundesrat lobte den Mut und die Professionalität Cancellaras. Zum Fall Morganella äussert er sich nicht (oder ich habe es nicht mitbekommen). Gemäss Delegationschef Gian Gilli ist die Sache politisch geregelt: Die Südkoreaner haben die offizielle Entschuldigung unseres Olympia-Generals akzeptiert. Die Sache wird nicht zur Staatsaffäre.

Didier Burkhalter wird noch vor zehn Uhr wieder gehen. Weil es ja keine Medaillen zu feiern gibt. Bevor er geht, lässt er sich von Fabian Cancellara noch persönlich von den olympischen Abenteuern berichten. Aber eigentlich ist nicht Burkhalter der Star des Abends. Auch nicht Cancellara. Sondern Philipp Fankhauser.

«I got the Blues»

Passend zum Untergang unserer olympischen Titanic musiziert an diesem 1. August nämlich der weltberühmte Blueser aus dem Berner Oberland mit seiner Band auf der Bühne, auf der eigentlich Medaillenfeiern stattfinden sollten. Das Wort «Blues» leitet sich von der bildhaften englischen Beschreibung ab «I have got the blues» bzw. «I feel blue» («Ich bin traurig»). Ganz sicher haben in unserem Land im allgemeinen und in der Olympiadelegation im besonderen an diesem 1. August ein paar Sportfans schon ein wenig den Blues.

Welch ein schöner 1. August! Das letzte Sonnenlicht färbt nun Londons Hochhäuser im Hintergrund und Fankhausers rockig-schwermütige Klänge sorgen für eine wundersame Abendstimmung. Die Menschen aus den Plätzen rund um das «House of Switzerland» feiern zwar den 1. August nicht ausgelassen. Aber sie sind gut gelaunt. Ein Bier, eine wunderschöne Abendsonne und dazu live Phlipp Fankhauser. Ganz im Sinne der Mahnung von Bundesrat Burkhalter: Es ist ja «nur» Sport. Nichts Ernsthaftes. Was kümmern uns da ein paar verpasste Medaillen? Wie singt doch Fankhauser mit seiner rauchigen Stimme: «Life's so Damn Cool».

Gelassenheit lohnt sich

Gelassenheit in Zeiten der sportlichen Krise. Die Schweizer mahnen ein wenig an den legendären hohen britischen Beamten Samuel Pepys (1633 bis 1703). In der Nacht auf den 2. September 1966 meldete ihm der Hausdiener, ein ungeheures Feuer wüte in der City. Pepys, im Schlafrock, überzeugte sich selbst vom Fenster im Obergeschoss seines Hauses und schreibt in sein Tagebuch: «Da ich ein solches Feuer noch nicht gesehen hatte, legte ich mich wieder schlafen.» Als er ausgeschlafen hatte, brachte er am nächsten Vormittag sein Gold und seine Frau (in dieser Reihenfolge) in Sicherheit. Gelassenheit lohnt sich. Später wird sich herausstellen, dass sein Haus in der Fleet Street eines der wenigen gewesen war, welches das Feuer verschont hatte.

Ob sich unser Olympia-General Gian Gilli nach den sportlichen Hiobsbotschaften am Abend des 1. August mit den Worten «Da ich ein solches Debakel noch nie erlebt habe, lege ich mich schlafen» verabschiedet hat, ist nicht überliefert.

Doch wenden wir uns wieder der Gegenwart zu. Schwingerkönig Kilian Wenger ist auch da. Auf Einladung der Jungraubahnen. Er findet Philipp Fankhauser ebenfalls cool und lässt ausrichten, dass er eine Teilnahme am Bernisch Kantonalen vom 12. August in Herzogenbuchsee noch nicht ganz ausschliesst. Vielleicht werde er doch noch fit.

Neben Fabian Cancellara (Zeitfahren-Gold 2008) habe ich am 1. August im «House of Switzerland» noch einen Olympiasieger gesehen. Stan Wawrinka. Allerdings nicht im Rahmen der offiziellen Feier. Er hat den Abend des 31. Juli im «House of Switzerland» an unserem Nebentisch verbracht. Als er sich schliesslich aufmachte, um sein Nachtlager zu beziehen und das Racket für den Titanenkampf gegen das übermächtige israelische Doppel zu rüsten (den er dann zusammen mit Roger Federer verlieren sollte), hatte es von Londons Kirchturmuhren längst Mitternacht geschlagen.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.