Aktualisiert 11.01.2010 10:01

Africa Cup 2010

Was läuft falsch in Angola?

Angola, der Austragungsort des Africa Cups 2010, ist ein Land der Extreme. Am Flughafen gibt es kein Wasser zu kaufen, dafür kann man Villen für 30 000 Dollar pro Monat mieten. Der Wahnsinn hat Geschichte in Angola. Ein Portrait eines orientierungslosen Landes zwischen Antipersonenminen und Goldbergen.

von
Silvano Speranza, Luanda
Jungs spielen Fussball in der Nähe des Stadions in Luanda.

Jungs spielen Fussball in der Nähe des Stadions in Luanda.

Ich hocke hier in einem afrikanischen Land und weiss nicht wie mir geschieht.

Angola, die grosse Unbekannte; eines der gar nicht mehr so vielen afrikanischen Länder, die ich vorher noch nie besucht hatte und vor dem ich schon Wochen vor der Abreise einen Heidenrespekt hatte, welcher mich regelmässig schlecht schlafen liess. Hier legte einst meine vom Helferwahn befeuerte Cousine während Jahren als Krankenschwester unter schwersten Kriegsbedingungen den Grundstein für ihr traumatisiertes Leben und für eine schwere, heimtückische Krankheit, die sie nie mehr loslassen wird. Hier war fast dreissig Jahre lang das wirkliche «Herz der Finsternis», wo sich auf einem immensen Goldberg, alle die auf ihm lebten oder ihm zu nahe kamen, mit dem Fieber der Gier und der Verachtung menschlicher Würde ansteckten.

Reiches Land, grosse Probleme

Nachdem in Lissabon 1974 die Generäle vom Wind einer neuen, fortschrittlicheren Zeit hinweggeblasen waren, räumten die Portugiesen in ihrer Kolonie Angola, halb freiwillig aber auch unter dem Druck der hiesigen Befreiungsbewegungen das Feld. Doch an keinem anderen Ort in Afrika wurde der Traum von der Geburt einer neuen Nation so schnell und so drastisch dem Kampf um die Macht, um Pfründe und letztlich um die grossen Reichtümer des Landes geopfert. Was die Anlage zu einem Märchen hatte, in welchem eine überschaubare Anzahl kleinerer Volksgruppen in einem mit Schönheit gesegneten Land selbstbestimmt in Frieden und Wohlstand für alle Zeit leben und gedeihen würde, wucherte unaufhaltsam aus zum «Dreissigjährigen» Krieg Afrikas. Die Einen bemächtigten sich der Ölvorkommen und die anderen nahmen die Diamanten. Sie verseuchten das ganze Land mit Antipersonenminen. Sie legten die gesamte Infrastruktur in Schutt und Asche, und schliesslich mischten sich auch noch die Mächte des Ostens und des Westens ein, um ihre strategischen Interessen auf dem Rücken eines längst geknechteten und am Boden zerstörten Volkes wahr zu nehmen.

Nun sind es gerade einmal 8 Jahre, seit mit dem gewaltsamen Tod des Unita-Führers Jonas Savimbi der Krieg sein längst überfälliges Ende fand. Eine Konstitution wurde in Rekordzeit verabschiedet und die Gewinner des Krieges um den MPLA–Führer dos Santos konnten die uneingeschränkte Macht in Angola übernehmen. In dieser kurzen Zeit erwartet niemand, dass sich das Land in irgend einer Form konsolidieren konnte. Zu schwer wiegen die tief in den Seelen liegenden «Altlasten». Zu viel wurde zerstört, was in hundert Jahren nicht wieder hergestellt oder wiedergefunden werden kann.

Neu und leblos

Der kulturelle Kahlschlag war total und alles was seither neu aus dem Boden schiesst, wirkt seltsam freudlos. Bei der Ankunft am Flughafen von Luanda gab es noch nicht einmal ein Fläschchen Wasser zu kaufen. Einfach eine leere Halle mit frisch getünchten, leeren Wänden. Dafür genügte schon ein einziger Blick auf die Strassen um zu erkennen, dass hier der chronische Verkehrsinfarkt zum Alltag gehört. Wer in Luanda etwas auf sich hält, versperrt sich mit viel zu vielen Autos auf viel zu wenigen Strassen den Weg und rennt mit rot geäderten Dollarzeichen in den Augen durch die Gegend. Die Preise sind, angesichts der rundum sichtbaren Armut, exorbitant. Ein Postkarte mit Marke kostet locker 10 Franken. Bananen von der Frau auf der Strasse gehen für Fr. 4.- pro Kilo. Und wenn sie ein Angolaner statt des weissen Mannes kauft, dann sind sie immer noch teurer als im Coop Lochergut.

Teure Angelegenheit

Zum ersten Mal gerate ich in einem afrikanischen Land finanziell an Grenzen, die es mir unter Umständen verunmöglichen werden, den Afrika–Cup bis zum Ende zu verfolgen. Hotels kosten 200 bis 400 Dollars die Nacht. Meine «günstige» Unterkunft kostet mit $75.- drei Mal mehr als die unvergleichliche Villa, die wir vor zwei Jahren in Ghana bewohnen durften. Für eine vergleichbare Edelhütte, von denen hier draussen in der glitzernden Einöde der neu errichteten Stadtteile Süd–Luandas Tausende aus dem Boden geschossen sind, werden ohne mit der Wimper zu zucken bis zu $30'000.- pro Monat verlangt.

Und in diesem hyperkapitalistischen Klima findet nun eine Fussball – Meisterschaft der afrikanischen Nationen statt. Kein Wunder, dass der ganze Anlass in ausschliesslich neuen Stadien und in luxuriösen Kongresszentren und Hotels weit weg vom Volk und seinen ärmlichen, heruntergekommenen Wohnvierteln passiert. Die CAF–Funktionäre, die sich liebend gerne in Fifa–ähnlicher Grandezza bewegen und der unverkennbare Geruch von Gier und Masslosigkeit der die «Elite» Luandas ergriffen hat, passen bestens zusammen.

Frei von Bodenhaftung

So will ich es denn als Zeichen werten, dass ein kleines, radikales Grüppchen von Seperatisten in Cabinda, dieses monströse Kartenhaus der Begehrlichkeit innert weniger Minuten zum einstürzen bringt. Angola 2010 hat jede Bodenhaftung verloren. Noch vor acht Jahren in Mali oder im noch «ärmeren» Burkina Faso 1998 war der Afrika–Cup eine wirkliche Volksveranstaltung. Unvergesslich die Spiele im liebevoll herausgeputzten Stade Municipal mitten in einem Wohnquartier von Ouagadugou, oder das «Modibo Keita Stadion» von Bamako, das eingebettet in eine natürlichen Senke im Fels liegt und das die ganze Seele des malischen Fussballs mit seiner reichen Vergangenheit offenbart.

Auch die CAF erinnert sich in ihren Veröffentlichungen bis heute fast wehmütig an die «Coupe Afrique des Nations» jener längst vergangenen Tage. Wie viel stimmungsvoller wäre es, das heutige Eröffnungsspiel in der legendären und von der Grösse her ausreichenden «Zitadelle» nahe des Stadtzentrums von Luanda auszutragen. Vor zwei Jahren in Ghana war es ja auch möglich gewesen, das altehrwürdige Ohene Djan Stadion in Accra wieder auf Vordermann zu bringen.

Aber mit Angola stimmt einfach etwas nicht. Hier will man mit Lichtgeschwindigkeit abheben, dabei ist schon längst kein fester Boden mehr unter den Füssen um Anlauf zu nehmen.

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