20.07.2016 19:50

Axt-AnschlagWas macht Würzburg mit der Willkommenskultur?

Der Axt-Angriff spielt populistischen Kräften in die Karten. Migrationsforscher Marcus Engler befürchtet, das bestehende Ängste verstärkt werden.

von
Oliver Fischer
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Die AfD-Parteivorsitzende Frauke Petry beklagte auf Facebook nach dem Axt-Attentat in Bayern mangelnde innere Sicherheit in Deutschland.

Die AfD-Parteivorsitzende Frauke Petry beklagte auf Facebook nach dem Axt-Attentat in Bayern mangelnde innere Sicherheit in Deutschland.

epa/Michael Kappeler
Wie auch auf der Facebook-Seite der Partei selbst ist bei Petry Kritik an der Einzelfall-Theorie bei terroristischen Angriffen zu lesen.

Wie auch auf der Facebook-Seite der Partei selbst ist bei Petry Kritik an der Einzelfall-Theorie bei terroristischen Angriffen zu lesen.

Screenshot Facebook
Ein Polizeibeamter betritt am 19. Juli das Kolpinghaus in Ochsenfurt. Dort soll der Täter seit seiner Ankunft in der Region im Frühjahr bis vor etwa zwei Wochen untergebracht gewesen sein.

Ein Polizeibeamter betritt am 19. Juli das Kolpinghaus in Ochsenfurt. Dort soll der Täter seit seiner Ankunft in der Region im Frühjahr bis vor etwa zwei Wochen untergebracht gewesen sein.

EPA/Karl-Josef Hildenbrand

Herr Engler, können die AfD oder auch die Pegida von der Axt-Attacke in Würzburg profitieren?

Leider sind solche Ereignisse Wasser auf die Mühlen von politischen Kräften, die bewusst Ängste schüren und immer wieder den Zusammenhang von Flüchtlingen und Terrorismus herstellen. Es ist vorhersehbar, dass diese Akteure – etwa die AfD – das Thema für sich instrumentalisieren und die gerade hier gebotene Sachlichkeit vermissen lassen. Inwieweit sie daraus auch politisches Kapital ziehen können, bleibt abzuwarten. Das hängt nicht zuletzt von den Vertretern der anderen politischen Parteien und auch von der Sachlichkeit der medialen Berichterstattung ab.

Wie steht es heute um die Willkommenskultur gegenüber Flüchtlingen in Deutschland?

Zahlreiche Umfragen zeigen, dass die Bevölkerung im Hinblick auf die Aufnahme und Unterstützung von Schutzsuchenden seit langem gespalten ist. Der Anschlag wird daran vermutlich wenig ändern. All jene, die seit Monaten regelmässig Kontakt mit Flüchtlingen haben, werden ihre Hilfsbereitschaft kaum wegen der abscheulichen Tat eines Einzelnen reduzieren. Klar ist aber, dass solche Ereignisse dazu führen, dass schon vorhandene Ängste in der Bevölkerung verstärkt werden. Bereits vor dem Attentat hatte ein Teil der Bevölkerungen in Deutschland und Europa die Befürchtung, dass die Terrorgefahr infolge des Zuzugs vom Schutzsuchenden zunimmt.

Was lässt sich gegen diese Ängste ausrichten?

Wichtig ist, zu betonen, dass nach bisherigen Erkenntnissen nur äusserst wenige Personen, die als Flüchtlinge nach Deutschland und Europa gekommen sind, gewaltbereit sind. Die Allermeisten sind ja gerade vor dem Terror des «Islamischen Staats» oder der Taliban geflohen.

Wie steht es um die Integrationsbemühungen in Deutschland?

Die Aufnahme Hunderttausender Schutzsuchender stellt nach wie vor eine enorme Herausforderung für die deutsche Gesellschaft, die beteiligten Behörden und auch für die Zivilgesellschaft dar. Grosse Anstrengungen wurden bereits unternommen und politische Weichenstellungen getroffen. Dennoch gibt es an vielen Stellen Engpässe – etwa bei adäquatem Wohnraum, qualifiziertem Lehrpersonal, Übersetzern oder spezialisierten Therapeuten. Das führt bei vielen Flüchtlingen zu Frustrationen. Hier sind weitere und langfristige Anstrengungen erforderlich.

Lassen sich solche Taten wie die des 17-jährigen Afghanen erklären?

Daraus ein Potenzial für terroristische Handlungen abzuleiten, wäre die falsche Schlussfolgerung. Es müssen schon extreme Umstände zusammenkommen, bevor ein Mensch andere Menschen tötet oder dies versucht und zugleich seinen eigenen Tod in Kauf nimmt. Die Ideologie des IS ist hier nur ein Element.

Wie kann und wird Deutschland im Bereich innere Sicherheit auf diesen Angriff reagieren?

Für eine genaue Analyse der Ursachen und Umstände, die zu der Tat geführt haben, müssen zunächst die weiteren Ermittlungsergebnisse abgewartet werden. Erst dann kann sinnvoll darüber diskutiert werden, ob und welche politischen Massnahmen ergriffen werden sollten.

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