02.02.2019 16:55

Leser vs. Experten«Was nützen uns all die Studierten?»

In zehn Jahren hat jeder Zweite studiert, so die Prognose des Bundesrats. Viele 20-Minuten-Leser kritisieren die Entwicklung. Das entgegnen Experten.

von
V. Blank
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Ab 2030 soll rund jeder Zweite eine Hochschule oder eine höhere Berufsbildung absolviert haben.

Ab 2030 soll rund jeder Zweite eine Hochschule oder eine höhere Berufsbildung absolviert haben.

Keystone/Christian Beutler
Der Anteil Personen, die höchstens über eine Berufslehre oder eine gymnasiale Maturität verfügen, soll in den nächsten 20 Jahren von 45 auf 40 Prozent sinken.

Der Anteil Personen, die höchstens über eine Berufslehre oder eine gymnasiale Maturität verfügen, soll in den nächsten 20 Jahren von 45 auf 40 Prozent sinken.

Keystone/Gaetan Bally
Nach der Berufslehre soll immer häufiger eine Tertiärausbildung abgeschlossen werden.

Nach der Berufslehre soll immer häufiger eine Tertiärausbildung abgeschlossen werden.

Keystone/Christian Beutler

Ab 2030 wird rund jeder zweite 25- bis 64-Jährige eine Hochschule oder eine höhere Berufsbildung absolviert haben. Der Anteil Personen, die höchstens über eine Berufslehre oder eine gymnasiale Maturität verfügen, wird hingegen in den nächsten 20 Jahren von 45 auf 40 Prozent sinken. Das besagt ein Bericht des Bundesrats.

Viele Leser stehen dieser Entwicklung kritisch gegenüber. 20 Minuten hat einige Thesen dem ETH-Arbeitsmarktexperten Michael Siegenthaler und dem Bildungsexperten Matthias Amman von Avenir Suisse vorgelegt.

Michael Siegenthaler: «Der wichtigste Grund, warum es immer mehr Tertiärgebildete gibt ist, dass sich immer mehr Personen nach einer Berufslehre für eine Fachhochschule oder eine höhere Fachschule entscheiden. Diese Ausbildungen sind sehr praxisnah. Aber es stimmt natürlich: Ein Grossteil der Ausbildungskosten trägt in der Schweiz der Steuerzahler. Aber: Tertiärgebildete verdienen im Schnitt deutlich mehr als Personen mit tieferer Bildung. Dadurch zahlen sie im Schnitt auch deutlich mehr Steuern.»

Matthias Amman: «Die überwiegende Mehrheit der Hochschulabsolventen ist nach fünf Jahren adäquat beschäftigt. Will heissen: Die Absolventen haben eine Stelle, die ihrem Bildungsniveau entspricht.»

Michael Siegenthaler: «Das stimmt so nur bedingt. Die Quote der Studiumsabsolventen, die arbeitslos sind, ist seit 15 Jahren praktisch konstant. Weil aber immer mehr Personen einen solchen Abschluss haben, nimmt die Zahl der arbeitslosen Absolventen absolut betrachtet natürlich zu.»

Matthias Amman: «Die Daten des Bundesamts für Statistik zeigen ein anderes Bild. Ein Jahr nach Abschluss eines Studiums weisen die Absolventen in etwa die gleich hohe Erwerbslosenquote auf wie der Durchschnitt der Schweizer Erwerbsbevölkerung. Fünf Jahre nach Studienabschluss hingegen liegt die Quote sogar deutlich tiefer.»

Michael Siegenthaler: «Es stimmt: Personen, die sich nach der Lehre nicht mehr weiterbilden, haben es zunehmend schwer auf dem Arbeitsmarkt. Und ja, das liegt möglicherweise auch daran, dass ihre Tätigkeiten zunehmend von «anderen» übernommen werden. Aber unter ‹andere› verstehe ich nicht primär Ausländer, zumindest nicht jene in der Schweiz. Dahinter verstehe ich vielmehr den Trend, dass einfache Tätigkeiten zunehmend wegrationalisiert oder ins Ausland verlagert werden.»

Matthias Amman: «Der monatliche Bruttolohn mit einer abgeschlossenen Berufslehre liegt in der Tat tiefer als mit einer höheren Berufsbildung oder einem Fachhochschulabschluss. Die sogenannte Bildungsrendite ist daher in den meisten Fällen positiv. Mit anderen Worten: Ein Studium lohnt sich. Der Schweizer Arbeitsmarkt ist für ausländische Arbeitnehmer attraktiv. Eine Verdrängung von Schweizer Arbeitnehmern konnte bisher nicht festgestellt werden.»

Michael Siegenthaler: «Natürlich liegt die ‹optimale› Gymi-Quote nicht bei 100%. Es gibt meines Erachtens viele Jugendliche in der Schweiz, die den Berufseinstieg in der Schweiz gerade deshalb schaffen, weil die Lehrausbildung sehr praktisch und angewandt ist. Immer mehr Lehrabgänger entscheiden sich aber heute, sich nach der Lehre irgendwann einmal weiterzubilden.»

Matthias Amman: «Die gymnasiale Maturitätsquote hat sich in den vergangenen zehn Jahren kaum verändert. Sie liegt im Schweizer Durchschnitt bei 20%. Die Berufsmaturität ist seit ihrer Einführung auf 15% geklettert. Der Anstieg der Quote der Hochschulabsolventen beruht daher vor allem auf der Einführung der Berufsmaturität und der Gründung der Fachhochschulen.»

Michael Siegenthaler: «Nein, das Gegenteil dürfte der Fall sein. Die Wirtschaft ist zunehmend auf Fachkräfte angewiesen. In den letzten 15 Jahren wurden in der Schweiz fast 800'000 neue Stellen geschaffen. Sämtliche dieser neuen Stellen wurden von Tertiärgebildeten besetzt.»

Matthias Amman: «Die Erwerbslosenquote ist in der Schweiz in der Vergangenheit stets erfreulich tief gewesen. Der Arbeitsmarkt befindet sich jedoch im Wandel und fragt insbesondere hochqualifizierte Arbeitskräfte nach. Es ist daher notwendig, dass sich auch das Ausbildungssystem anpasst und die notwendigen Arbeitskräfte ausbildet. Die Kombination von Lehre und Hochschulstudium erlaubt genau, die Praxisorientierung beizubehalten.»

Michael Siegenthaler: «Es stimmt: Gewisse Handwerksberufe haben zunehmend Mühe, Lehrlinge anzuziehen, und werden sich zunehmend um junge Arbeitskräfte bemühen müssen. Diese Schwierigkeiten dürften sich noch verschärfen, da in den nächsten 10 Jahren sehr viele Handwerkerinnen und Handwerker das Pensionsalter erreichen.»

Matthias Amman: «Die Schweiz ist in der glücklichen Lage, dass die Wirtschaft mehr Arbeitsplätze schafft, als Arbeitskräfte vorhanden sind. Notstände gibt es deshalb in verschiedenen Berufen – nicht nur im Handwerk. Es fehlen beispielsweise auch Arbeitskräfte in der Pflege. Aber auch bei den Ingenieuren oder Informatikern.»

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