Live-Talk - «Es bringt nicht viel, jedes Jahr zum günstigsten Anbieter zu wechseln»

Live-Talk«Es bringt nicht viel, jedes Jahr zum günstigsten Anbieter zu wechseln»

Die Schweiz hat eines der teuersten Gesundheitssysteme der Welt. Brauchts jetzt die Einheitskasse? Comparis-Experte Felix Schneuwly und Thomas J. Grichting, Generalsekretär der Groupe Mutuel, beantworteten die Fragen der 20-Minuten-Community.

von
Fabian Pöschl
Barbara Scherer
Sandro Spaeth
1 / 8
Die Schweiz hat eines der teuersten Gesundheitssysteme der Welt. Warum? Comparis-Experte Felix Schneuwly (m.) und Thomas J. Grichting, Generalsekretär der Groupe Mutuel (r.), beantworten im Live-Talk im 20-Minuten-Studio die Fragen der 20-Minuten-Community.

Die Schweiz hat eines der teuersten Gesundheitssysteme der Welt. Warum? Comparis-Experte Felix Schneuwly (m.) und Thomas J. Grichting, Generalsekretär der Groupe Mutuel (r.), beantworten im Live-Talk im 20-Minuten-Studio die Fragen der 20-Minuten-Community.

20min/Taddeo Cerletti
Konsumieren wir einfach zu viele Leistungen? «Ja», sagt Schneuwly. Die Bevölkerung brauche immer mehr Medikamente.

Konsumieren wir einfach zu viele Leistungen? «Ja», sagt Schneuwly. Die Bevölkerung brauche immer mehr Medikamente.

20min/Marvin Ancian
Ist der Corona-Antikörpertest von der Grund- oder von der Zusatzversicherung gedeckt?  Nein, bisher noch nicht. Aber die Experten sind sich sicher, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis er in die Grundversicherung aufgenommen wird.


Ist der Corona-Antikörpertest von der Grund- oder von der Zusatzversicherung gedeckt? Nein, bisher noch nicht. Aber die Experten sind sich sicher, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis er in die Grundversicherung aufgenommen wird.



Getty Images/iStockphoto

Deine Meinung

Donnerstag, 04.11.2021

Fazit

Damit ist der Live-Talk vorbei. Schön warst du dabei. Morgen Freitag findest du in der 20-Minuten-Zeitung eine Zusammenfassung.

Die beiden Krankenkassen-Experten von Comparis und Groupe Mutuel sprechen sich für verschiedene Krankenkassen statt einer einheitlichen aus. Der Wettbewerb sorge für bessere Leistungen der Anbieter. Die teilweise extremen Unterschiede der Prämienkosten je nach Kanton erklären sie mit dem Altersschnitt der dortigen Bevölkerung, der Ärztedichte und der Anzahl Arztvisiten. Aus Gründen der Solidarität sprechen sich die Experten gegen ein Malussystem für häufige Arztbesuche aus. Sie würden sich stattdessen wünschen, dass die Versicherten mehr Informationen bekommen, bei welchen Operationen und Spitälern es häufiger Komplikationen gibt, damit sie entscheiden können, wie und wo sie sich behandeln lassen.

20min/Taddeo Cerletti

Braucht es eine Einheitskasse?

Vor allem von der linken Seite – und auch aus unserer Community – kommt immer wieder die Idee der Einheitskasse. Dann bräuchte es die Groupe Mutuel nur noch für die Zusatzversicherung…

Thomas J. Grichting: Wir haben immer dagegen gekämpft. Die Krankenkassen haben nur 5 Prozent Verwaltungskosten. Bei der IV oder Suva sind die Verwaltungskosten zum Teil höher. Ausserdem gäbe es keinen Wettbewerb mehr und keinen Druck, uns zu verbessern.

Felix Schneuwly: Wir sehen es locker, man könnte die Einheitskasse mal in einem Kanton probieren und dann entscheiden, ob man es schweizweit machen will. Ich wäre offen dafür.

Krankenkasse wechseln

Dr. Atom sagt: Einfach in der Grundversicherung zur günstigeren wechseln, alles andere wäre Geld aus dem Fenster werfen.

Thomas J. Grichting: Als Kunde ist die Logik richtig. Aber wenn alle zum billigsten Anbieter gehen würden, wäre die Kasse das nicht mehr lange. Die müssten Risiko-Ausgleichskosten zahlen und wären spätestens nach drei Jahren teurer. Es bringt nicht viel, jedes Jahr zum günstigsten Anbieter zu wechseln.

Felix Schneuwly: Das sind auch wenige. In den Rekordjahren der Prämienerhöhungen waren es 11 bis 12 Prozent, die wechseln.

Darum kostet die Prämie mehr in gewissen Kantonen

Roman: Was sind die genauen Gründe für die geographischen Unterschiede bei der Prämienhöhe?

Felix Schneuwly: Die Unterschiede sind durch statistische Unterschiede bei den Kosten der versicherten Leistungen pro Person von Kanton zu Kanton oder Prämienregion zu Prämienregion begründet. Dabei spielt es keine Rolle, wo die Versicherten die medizinischen Leistungen beziehen. Städter konsumieren durchschnittlich mehr medizinische Leistungen als die Landbevölkerung, Romands und Tessiner mehr als Deutschschweizer.

Thomas J. Grichting: Basel-Stadt ist der teuerste Kanton. Gründe sind viele Ärzte, hohe Preise und eine ältere Bevölkerung. Genf hat die zweithöchsten Kosten, obwohl die Bevölkerung jung ist, aber die Ärzte sind sehr teuer.

Am teuersten ist Basel-Stadt.

Am teuersten ist Basel-Stadt.

20min

Pille wird nicht bezahlt

Sveeni: Gibt es eine Möglichkeit, dass die Pille von der Krankenkasse übernommen wird?

Felix Schneuwly: Nur wenn die Pille als Hormonbehandlung ärztlich verschrieben wird, auch wenn sie gleichzeitig zur Verhütung einer Schwangerschaft dient. Das kann bei hormonell verursachter Akne oder bei Zyklusstörungen der Fall sein. Wie bei jeder Pflichtleistung dürfen die Kosten dann auch von der Steuer abgesetzt werden.

Thomas J. Grichting: Es ist ein langes Anliegen verschiedener Organisationen, dass sie bezahlt wird, aber der Bund hat entschieden, dass es nicht so ist.

20min/Celia Nogler

Mehr psychologische Behandlungen seit Corona

Haben psychologische Behandlungen seit Corona zugenommen?

Thomas J. Grichting: Exakte Zahlen gibt es nicht, aber man hört, dass die psychischen Probleme zugenommen haben und zwar bei Jugendlichen wie bei Erwachsenen. In Genf gibt es zu wenig Psychiater, deshalb gab es Druck, dass man sie zu Lasten der Grundversicherung abrechnen lässt. Deshalb kommt diese Änderung ab Juli.

Felix Schneuwly: Ja, die Anzahl der psychischen Erkrankungen nimmt in unserer leistungsorientierten Gesellschaft zu. Primär in städtischen Gebieten gibt es mehr psychische Probleme. Vielleicht geht man auf dem Land auch nicht so schnell in professionelle Behandlung. Da muss man auf den Grund gehen, warum es immer mehr psychische Probleme gibt.

Wann zahlt Versicherung psychologische Behandlungen?

Nobs will wissen: Bezahlt die Grundversicherung auch psychologische Behandlungen?

Felix Schneuwly: Ja, unter bestimmten Bedingungen. Psychotherapeutische Behandlungen werden nur bezahlt, wenn der Psychologe eine kantonale Berufsausübungsbewilligung hat und von einer Psychiaterin angestellt ist. Ab dem 1.7.2022 vergütet die Grundversicherung auch Psychotherapie auf ärztliche Anordnung von Psychologen mit psychotherapeutischer Berufsausübungsbewilligung, die in einer eigenen Praxis arbeiten.

Wer zahlt Komplikationen?

Herr Kobel fragt: Ich muss vom Spital früher heim, muss ich dann bei Komplikationen mehr bezahlen?

Felix Schneuwly: Nein, das hat man genau aus solchen Gründen bestimmt, dass es nicht zu blutigen Entlassungen führt, die Komplikationen müssen übernommen werden.

Thomas J. Grichting: In der Theorie ist das so, aber in der Praxis will man bei einem Pfusch nicht zum selben Spital gehen, dann muss man aber die Kosten übernehmen.

Im Ausland von Krankenkasse abmelden?

Tom fragt: Kann ich mich bei einem längeren Auslandaufenthalt bei der Krankenkasse abmelden? Und: Falls ich auswandern sollte, empfehlen Sie, die Schweizer Krankenkasse zu behalten?

Felix Schneuwly: Wenn der Wohnsitz ins Ausland verlegt wird, endet die obligatorische Grundversicherung zum Zeitpunkt der Abreise und gilt bei der Rückreise wieder. Das Freizügigkeitsabkommen der Schweiz mit den EU- und EFTA-Staaten erlaubt Ausnahmen für Grenzgängerinnen, entsandte Arbeitnehmer und Rentnerinnen.

Thomas J. Grichting: Ich empfehle, die Zusatzversicherung zu behalten, weil man bei Problemen froh ist, dass man die noch hat.

20min/Taddeo Cerletti

Für Zusatzversicherung abgelehnt

Corinne: Ich wurde bereits einmal abgelehnt für eine Zusatzversicherung. Lohnt es sich überhaupt es nochmals zu versuchen oder werde ich von nun an immer abgelehnt?

Thomas J. Grichting: Versuchen Sie es um Gottes willen wieder. Es kann sein, dass einzelne Gesellschaften offener sind als andere.

Felix Schneuwly: Die Krankenversicherer legen die Kriterien für eine Ablehnung der Aufnahme oder Leistungsausschlüsse bei bestimmten Krankheiten nicht offen. Da die Kriterien aber ähnlich sind, ist das Risiko gross, nach einer Ablehnung von anderen Versicherern auch abgelehnt zu werden. Aber es lohnt sich, es wieder zu probieren.

Alte Arztrechnungen

René: Ich habe vier Jahre alte Arztrechnungen, die ich der Krankenkasse (Assura) nicht geschickt habe. Wird die Krankenkasse mir die Beträge noch vergüten?

Felix Schneuwly: Ja, die Krankenkasse muss man bezahlen. Und das zu den Konditionen mit Franchise und Selbstbehalt des Behandlungsjahres. Sind die Rechnungen älter als fünf Jahre, muss die Krankenkasse nichts mehr vergüten.

Phanie via AFP

Bonus- und Malussystem

Carmen: Weshalb machen die Krankenkassen kein Malussystem? Menschen, die oft zum Arzt gehen, sollten durch eine höhere Prämie bestraft werden.

Felix Schneuwly: Es gibt Bonusversicherungen. Nicht jede Kasse bietet sie an. Die Rabatte nach leistungsfreien Jahren sind aber so gering, dass kaum jemand eine Bonusversicherung wählt: plus 10 Prozent Prämien im ersten, -15 Prozent im zweiten, -25% im dritten, -35% im vierten und das Maximum von -45% ab dem fünften Jahr ohne Vergütung von versicherten Leistungen. Darf nicht mit Wahlfranchise, Hausarzt- oder einem anderen Rabattmodell kombiniert werden.

Thomas J. Grichting: Das ist eine sehr heikle Abgrenzungsfrage, deshalb hat man entschieden, dass es keinen Malus gibt, nur einen Bonus für die, die gesund leben. Aber das ist gar nicht so gefragt.

Ist es zu wenig attraktiv?

Thomas J. Grichting: Ja, wir können nicht mehr Rabatt geben, weil es sich nicht rechnet. Mittelfristig haben wir ein Problem, wir stellen fest, dass viele Junge für die Alten zahlen. Aber es soll nicht um eine Generationenfrage gehen.

Krankenkasse im Jahreswechsel ändern

Kathi: Kann ich meine Krankenkasse während einer über den Jahreswechsel dauernden Behandlung wechseln?

Felix Schneuwly: Ja, um die Abgrenzung der Leistungsabrechnungen kümmert sich die alte Kasse, denn sie hat kein Interesse, über das Vertragsende hinaus zu bezahlen. Wichtig ist, dass alle Rechnungen für Prämien und Kostenbeteiligungen, die vor dem 31. Dezember eintreffen, bis am 31. Dezember bezahlt werden, denn offene Rechnungen bei der alten Kasse können einen Wechsel nichtig machen.

Krankenkasse kann Zusatzversicherung nicht künden

Paul: Meine Grund- und Zusatzversicherungen sind aktuell beim gleichen Anbieter: Wenn ich jetzt die Grundversicherung wechsle, kann oder darf mir die Krankenkasse die Zusatzversicherung kündigen?

Felix Schneuwly: Nein. Ein Krankenversicherer darf eine Zusatzversicherungen nicht einseitig kündigen, wenn sich die versicherte Person an die vertraglichen Abmachungen hält. Das ist gesetzlich geregelt.

Thomas J. Grichting: Aber in der Zusatzversicherung muss man jemanden nicht versichern. Das Prinzip heisst: Brennende Häuser werden nicht versichert. Aber wer mal drin ist, den kann man nicht rauswerfen.

20Min/Carole Alkabes

Lohnt sich Zusatzversicherung?

Lea: Braucht man überhaupt Zusatzversicherungen? Und wenn ja: Welche sind überhaupt sinnvoll für die breite Bevölkerung?

Felix Schneuwly: Das muss jeder und jede selber entscheiden. Notwendige Medizin bezahlt die Grundversicherung. Zahnmedizin ist in der Regel durch die Grundversicherung nicht gedeckt, wenn es nicht im Zusammenhang mit einer Krankheit ist, Kranken- und Rettungstransporte nur beschränkt und mit 50 Prozent Selbstbehalt. Da deckt die Grundversicherung nicht gut ab. Die Leute wollen gut versichert sein, deshalb wollen viele Versicherte eine Zusatzversicherung.

Prämien nicht bezahlt

Maria fragt: Ich kann momentan meine Prämien nicht bezahlen, will aber auch nicht auf das Sozialamt. Was passiert genau, wenn ich die Prämien auch nach Mahnungen nicht mehr bezahle? Werde ich dann bei einem Notfall nicht mehr behandelt?

Felix Schneuwly: Die Prämien nicht zu bezahlen, ist keine gute Idee, denn wer seine Prämien nicht bezahlen kann, sollte beim Kanton Prämienverbilligungen verlangen. Massgebend ist die Steuerveranlagung. Selbst in Kantonen wie Aargau, Luzern, St. Gallen, Tessin, Thurgau und Zug, die schwarze Listen mit säumigen Prämienzahlenden führen, dürfen medizinische Notfallbehandlungen nicht verweigert werden.

Thomas J. Grichting: Die Zahl der Leute die nicht zahlen können, nimmt zu. Wir haben jedes Jahr vielleicht 70'000 Betreibungen. Die Leute, die nicht zahlen können, haben Anspruch auf Prämienverbilligung und Unterstützung.

Corona-Antikörpertest nicht von Versicherung gedeckt

Elena will wissen: Ich möchte einen Corona-Antikörpertest machen. Ist das von der Grund- oder von der Zusatzversicherung gedeckt?

Felix Schneuwly: Mir ist keine Zusatzversicherung bekannt, die Antikörpertests bezahlt. Auf individueller Ebene sind bisher Antikörpertests nicht empfohlen worden, weil zu wenig klare Aussagen über Grad und Dauer des Schutzes vor einer Reinfektion gemacht werden konnten. Mittlerweile spricht die Datenlage für eine Empfehlung der Antikörpertests, was ein weiterer Schritt zur Gleichbehandlung von Genesenen und Geimpften ist.

Thomas J. Grichting: Zuerst wurde alles bezahlt durch Steuergelder. Die Krankenkassen haben 700 Millionen für Covid-Kosten wie Spitalleistungen bezahlt. Impfkosten waren bereits 150 Millionen. Die nehmen wir im Moment aus den hohen Reserven, denn dafür sind sie da. Aber es ist eine Frage der Zeit, bis die in die Grundversicherung aufgenommen werden.

Getty Images/iStockphoto

Warum steigt meine Prämie?

Noah fragt: Alle reden von Prämiensenkung, doch meine Krankenkasse hat monatlich um 40 Franken aufgeschlagen. Wie kann das sein? Ehrlich gesagt fühle ich mich etwas reingelegt.

Felix Schneuwly: Das ist so, kaum jemand zahlt die Durchschnittsprämien, die der Bund bekannt gibt. Wenn der Durchschnitt sinkt, können natürlich manche auch steigen. Bei einigen sind es sogar 20 Prozent, darum lohnt es sich zu vergleichen. Das habe ich auch gemacht. Ich muss nicht bei den günstigsten sein, sondern bei einem der fünf bis zehn günstigsten und die Qualität muss stimmen.

Thomas J. Grichting: Wenn Bundesrat Berset das sagt, ist es der Gesamtschnitt. Die Prämie wird berechnet durch die Leistungskosten vom letzten Jahr. Dann muss sie die laufenden Kosten anschauen und eine Prognose fürs nächste Jahr machen. Das ist eine sehr ungenaue Wissenschaft. Die Versicherungsindustrie hat 5 Prozent Verwaltungskosten, so viel ist es nicht.

Felix Schneuwly: Bundesbern kritisiert die hohen Reserven, aber von den Gewinnen an den Aktienmärkten profitieren schlussendlich auch die Versicherten.

Spitäler reduzieren

Gibt es zu viele Spitäler?

Thomas J. Grichting: Einen Teil könnte man reduzieren. Man muss auch nicht überall alles machen. Dadurch könnte man die Qualität steigern und die Kosten senken.

20min/Marvin Ancian
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