Aktualisiert 21.04.2020 15:34

Auto-Ratgeber

Was riskiere ich, wenn ich mit Winterreifen fahre?

Beat fährt trotz 20 Grad und Sonnenschein mit Winterreifen. Was riskiert er im Falle eines Unfalls?

von
Olivia Solari, AGVS
Der richtige Reifen zur richtigen Saison.

Der richtige Reifen zur richtigen Saison.

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Frage von Beat ans AGVS-Expertenteam:

Wegen der ganzen Corona-Situation habe ich derzeit wenig Lust, meinen Wagen zum Reifenwechsel in die Garage zu bringen. Ich weiss, dass in der Schweiz das Fahren mit Winterreifen im Sommer nicht verboten ist. Was mich aber interessiert: Besteht im Falle eines Unfalls seitens der Versicherung eventuell ein Regressrecht oder drohen sonstige Ärgernisse und Umtriebe?

Antwort:

Lieber Beat

Die Faustregel ist simpel: «Von O bis O» - von Oktober bis Ostern. Während dieser Zeit sollten Winterreifen am Fahrzeug montiert werden und ausserhalb entsprechend Sommerreifen, sofern die Witterung dies zulässt. Die Ostertage sind mittlerweile vorüber, ein Reifenwechsel ist also angesagt.

Was die Gründe für diese Faustregel betrifft, möchte ich nicht zu sehr ins Detail gehen. Sie sind hinlänglich bekannt: Durch unterschiedliche Gummimischungen und Profile sind Winter- und Sommerreifen in der jeweiligen Saison sicherer und effizienter. Winterreifen weisen eine weichere Gummimischung auf und bieten bei Temperaturen von unter sieben Grad Celsius genügend Halt und Fahrstabilität. Im Sommer wird die weiche Mischung jedoch zum Problem: Die Bremsleistung lässt nach, der Spritverbrauch steigt und die Fahrstabilität sinkt. Hinzu kommt der Umstand, dass die Abnutzung von Winterreifen im Sommer um einiges höher ist.

Im Schweizerischen Strassenverkehrsrecht gibt es kein explizites Gebot, das den Gebrauch von Sommerreifen in der warmen Jahreszeit vorschreiben würde. Dennoch wird in Artikel 29 Strassenverkehrsgesetz (SVG) festgehalten: «Fahrzeuge dürfen nur in betriebssicherem und vorschriftsgemässem Zustand verkehren.» Weiter formuliert Art. 26 Abs. 1 SVG: «Jedermann muss sich im Verkehr so verhalten, dass er andere in der ordnungsgemässen Benützung der Strasse weder behindert noch gefährdet.» Ein Verstoss gegen diese Vorschriften kann für den Lenker schlimmstenfalls bis zu drei Jahren Freiheitsstrafe bedeuten. Jedoch ist hier zu erwähnen, dass die Polizei bei einer normalen Kontrolle den Lenker eines Fahrzeugs mit Winterreifen in der Regel nicht anzeigt.

Problematisch ist vielmehr der Ernstfall: Verursachst du im Sommer mit Winterreifen einen Unfall, könnte dies Konsequenzen haben, da dies als betriebsunsicherer und nicht vorschriftsgemässer Zustand des Fahrzeugs angesehen werden kann. Gegebenenfalls wird dir bei einer Kollision ein Mitverschulden vorgeworfen. Kommt dann noch übersetzte Geschwindigkeit dazu, kann das Verdikt sogar grobe Fahrlässigkeit lauten. Daraus ergibt sich neben den möglichen strafrechtlichen Folgen ein weiteres Problem: Praktisch alle Versicherer sehen in ihren allgemeinen Versicherungsbedingungen einen Ausschluss der Versicherungsleistung bei Grobfahrlässigkeit vor.

Dabei ist nicht nur der Schaden am eigenen Fahrzeug ein Knackpunkt: Verursacht man grobfahrlässig einen Unfall, so kann die Haftpflichtversicherung, wie von dir angedeutet, einen Regress vornehmen (Art. 41 i.V.m. Art. 51 OR). Die Versicherung leistet zwar trotzdem an den Geschädigten, kann aber vom Schädiger bis zu 60 Prozent der Kosten zurückverlangen. Besonders bei Unfällen mit Personenschäden beträgt der Schaden schnell einige zehntausend bis hunderttausend Franken. Eine Zusatzversicherung mit Grobfahrlässigkeitsschutz bietet hier zwar eine gewisse finanzielle Sicherheit, besteht eine solche aber nicht, so sitzt man nach einem Unfall schnell auf einem Berg an Schulden.

Damit du sicher und mit einem ruhigen Gewissen unterwegs sein kannst, empfehle ich dir daher wärmstens, so bald wie möglich auf Sommerreifen zu wechseln.

Gute Fahrt!

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