Point de Presse - «Könnten schon bald eine Corona-Lage wie in Österreich haben»

Point de Presse«Könnten schon bald eine Corona-Lage wie in Österreich haben»

An der Point de presse auf Fachebene informieren Expertinnen und Experten über die aktuelle Coronavirus-Situation.

von
Angela Rosser
Fachleute nehmen Stellung an der Pressekonferenz

An der Point de Presse vom 23. November informieren Expertinnen und Experten über die aktuelle Corona-Situation in der Schweiz.

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Dienstag, 23.11.2021

Zusammenfassung

Die Fachleute des Bundes sind sich einig, dass die epidemiologische Lage in der Schweiz kritisch ist. Die Fallzahlen verdoppeln sich schnell und auch die Zahl der Hospitalisationen steigt stetig.

  • Wir bewegen uns mit den Fallzahlen in der gleichen Grössenordnung wie Österreich noch vor ein paar Wochen.

  • Mit der dritten Impfung könnte der Impfschutz wieder auf 96 Prozent angehoben werden.

  • Priorisiert werden nach wie vor ältere Leute über 65 Jahren. Die Auffrischimpfung sollte aber bald für alle zugänglich gemacht werden.

  • Die Fachleute ermahnen die Bevölkerung, Hygienemassnahmen wieder konsequenter einzuhalten.

  • Es wird zu Kontaktbeschränkungen geraten.

  • An den Schulen bewährt sich das repetitive Testen. Auch wäre eine Maskenpflicht denkbar.

  • Wenn die Entwicklung gleich bleibt, erreicht man im Januar die Kapazitätsgrenze an Intensivstationsplätzen.

Die nächste Point de Presse findet am 30. November um 10.30 Uhr statt.

Die Pressekonferenz ist beendet

Die Pressekonferenz ist nach der Fragerunde beendet. Es folgt in Kürze eine Zusammenfassung.

Wie sieht es an den Schulen aus?

An den Schulen stünde besonders das repetitive Testen im Vordergrund und weiter wäre auch eine Maskenpflicht in Erwägung zu ziehen, sagt Mathys. Der Bund selber habe aber keine Kompetenzen bei den Schulen. Das läge bei den Kantonen, sagt er weiter.

Wäre es sinnvoll, die Armee für die Drittimpfungen zu mobilisieren?

Der Zivilschutz wurde ja in der ersten Zeit mobilisert, antwortet Tardin. In den Kantonen sei das zur Zeit aber nicht vorgesehen. Herr Mathys ergänzt, dass die Möglichkeiten der Armee wenn dann im logistischen Bereich lägen.

Wann würde die Schweiz die «Österreich»-Grenze erreichen?

Man habe die Spital- und die Intensivplatzbelastung analysiert und die Richtung sei sehr ähnlich, sagt Tanja Stadler. Mittlerweile habe man auf den Intensivstationen eine Zunahme von 20 Prozent pro Woche und wenn wir nichts ändern, dann wäre die Schweiz im Januar in der gleichen Situation im Hinblick auf die Intensivstationen. Man könne diese Tendenz aber noch brechen, wenn wir alle Kontakte reduzieren würden und Hygienemassnahmen wieder konsequent durchsetzen, so Stadler.

Braucht es nationale Massnahmen?

«Wenn die Bedrohung nicht sehr real ist, haben wir alle keine Lust auf Massnahmen», sagt Patrick Mathys. Aber besonders bei älteren Menschen kommen langsam wieder Ängste auf und am Ende geht es immer ums Gemeinwohl. Der Unterschied zwischen den Kantonen sei nach wie vor sehr hoch. Wie Mathys zu Beginn der Konferenz ausführte, lägen teils Kantone im Faktor sechs auseinander und darum müssten auch die Kantone differenziert entscheiden.

Braucht es in den Skigebieten mehr Massnahmen?

Das Hauptproblem seien vor allem schlecht gelüftete Innenräume, sagt Stadler auf die Frage, ob es zum Beispiel beim Anstehen bei Skiliften nicht eine Maske brauche. Kontakte in den erwähnten ungelüfteten Räumen sollte man reduzieren, da es trotz Zertifikat zu Ansteckungen kommen kann, antwortet Stadler.

Ist das Ziel der Anzahl an Boosterimpfungen bis Silvester realistisch?

Ob das Ziel mit 90'000 Auffrischimpfungen bis Silvester erreicht werden kann, könne nicht gesagt werden, sagt Mathys. «Es ist eine Herausforderung», sagt er.

Muss der Bundesrat jetzt handeln?

Es gibt verschiedene Wege. Die Menschen könnten in erster Linie in Eigenverantwortung Kontakte reduzieren und Masken tragen oder die Kantone müssten Massnahmen ergreifen. Klar sei, dass der Anstieg gebremst werden muss, sagt Tanja Stadler.

Die Fragerunde beginnt

Die Journalistinnen und Journalisten dürfen jetzt ihre Fragen stellen.

Kantonsärztin Tardin ist besorgt

«Wir müssen uns auf eine neue Welle einstellen», sagt Aglaé Tardin zur aktuellen Situation. Die allgemein bekannten Schutzmassnahmen müssten in allen Kantonen wieder mehr gewichtet werden und Solidarität und Wohlwollen seien wegweisend in dieser Zeit, so Tardin.

Hospitalisationen verhindern

Mit der dritten Impfung könnte der Impfschutz wieder auf 96 Prozent angehoben werden. «In der Summe ist die Wirkung beachtlich», sagt Stadler. Die Hälfte der Hospitalisierungen könnten durch Erst- und Zweitimpfungen verhindert werden. Die andere Hälfte, liesse sich durch die Drittimpfung vermeiden, zeigt Stadler auf.

Das erhöhte Risiko angesteckt zu werden, trägt insbesondere das Pflegepersonal, das relativ früh geimpft wurde.

Tanja Stadler empfiehlt allen, in Innenräumen Masken zu tragen, sich testen zu lassen und zu Hause zu bleiben, wenn ein mögliche Ansteckung vorliegt.

Drei Wochen hinter Österreich

In Österreich sehen wir jetzt dreimal höhere Fallzahlen als in der Schweiz und Österreich befindet sich seit gestern wieder im Shutdown. Vor drei Wochen hatte Österreich die gleiche Inzidenz wie die Schweiz heute. Das heisst, die Schweiz könnte Mitte Dezember auf dem gleichen Level sein wie unser Nachbarland, sagt Tanja Stadler.

Wenn sich alle noch ungeimpften Menschen impfen lassen würden, könnten 10'000 bis 20'000 Hospitalisationen verhindert werden.

Patrick Mathys eröffnet die Pressekonferenz

Die Lage sei als sehr ungünstig einzustufen, sagt Patrick Mathys. Die Fallzahlen in der Schweiz nehmen rasch und deutlich zu. Die Zahlen verdoppeln sich etwa alle zwei Wochen, sagt der Leiter Sektion Krisenbewältigung und internationale Zusammenarbeit.

Man sehe deutliche Unterschiede zwischen den Kantonen. Im Tessin sei die Situation etwa sechsmal besser als zum Beispiel im Kanton Nidwalden.

Die Inzidenzen hätten in allen Alterskategorien deutlich zugenommen. Bei den Zehn- bis 19-Jährigen seien die Ansteckungen nach wie vor am stärksten.

Rund 50 Prozent mehr Covid-Patienten müssten seit November auf Intensivstationen behandelt werden. Auch die Positivitätsrate nehme stetig zu, so Mathys. «Die Lage ist aus Sicht des BAG als kritisch einzustufen», sagt Patrick Mathys.

Die Auffrischimpfung soll bald für alle Altersgruppen empfohlen werden. Der Impfstoff von Pfizer/Biontech ist seit heute auch zur Auffrischung der Impfung ab 16 Jahren von Swissmedic freigegeben. Bei Moderna fehlt eine solche Freigabe noch. Mathys appelliert an die Bevölkerung: «Es sind die kleinen Dinge die wir tun können». Kontakte reduzieren und häufiges Händewaschen seien immer noch wichtig.

Expertinnen und Experten

An der heutigen Point de Presse auf Fachebene nehmen folgende Expertinnen und Experten teil:

  • Patrick Mathys, Leiter Sektion Krisenbewältigung und internationale Zusammenarbeit, Bundesamt für Gesundheit BAG

  • Tanja Stadler, Präsidentin, National COVID-19 Science Task Force

  • Aglaé Tardin, Kantonsärztin des Kantons Genf und Mitglied Vereinigung der Kantonsärzte Schweiz

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