Medienkonferenz Coronavirus - Auch Schwangere und unter 40-Jährige – Berner Intensivstationen sind zu 95 Prozent belegt

Medienkonferenz CoronavirusAuch Schwangere und unter 40-Jährige – Berner Intensivstationen sind zu 95 Prozent belegt

Der Kanton Bern schlägt Alarm. Die Corona-Infektionszahlen haben sich auf hohem Niveau eingependelt, 95 Prozent der Intensivbetten im Kanton sind belegt.

von
Lucas Orellano

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Freitag, 03.09.2021

Damit ist die Medienkonferenz beendet

Die Medienkonferenz ist zu Ende. Hier noch einmal die wichtigsten Punkte in Kürze.

  • Die Infektionszahlen im Kanton Bern haben ein Plateau erreicht. Spitaleinweisungen sind dennoch zahlreich. Momentan sind 95 Prozent aller Intensivbetten belegt.

  • Auch Schwangere und unter 40-Jährige sind auf der Intensivstation zu finden.

  • Gesundheitsdirektor Schnegg empfiehlt nachdrücklich die Impfung: «Es ist eindeutig, dass die Impfung gegen schwere Krankheitsverläufe schützt»

  • Impfchef Kaczala warnt: «Es werden nicht nur über-65-Jährige sterben, sondern auch Jüngere.»

Clubs wollen Tests für 15 Franken anbieten. Was sagt der Kanton dazu?

«Ich werde nicht die Marketingstrategie von Clubs kommentieren», sagt Schnegg. «Sie brauchen einen Covid-Pass und wenn Ihnen jemand einen Test für 15 Franken anbietet, spielt das für mich keine Rolle. Das einfachste wäre halt, sich impfen zu lassen.»

Wird es eine dritte Impfdosis für Risikopersonen geben?

«Wir halten uns an die BAG-Vorgaben», sagt Kaczala. «Eine dritte Impfung gibt es nur für einen ganz eng begrenzten Personenkreis. Wir sehen momentan keine dritte Impfung für die ganze Bevölkerung.»

Schnegg ergänzt: «Wir gehen davon aus, dass es ab November oder im Januar Booster-Impfungen geben kann. Wenn der Bund das beschliesst, wird der Kanton Bern sofort reagieren.»

Werden gleich viele Impftermine verfügbar sein, wie bisher?

«Wir brauchen nicht mehr die gleichen Kapazitäten», sagt Schnegg. «Wir brauchen mobile Teams, die vor Ort gehen können und wo die Leute keine Reservation brauchen. Im Moment impfen auch Hausärzte und -ärztinnen und Apotheker und Apothekerinnen.»

Nimmt man die Durchseuchung der Kleinen in Kraft? 200-400 Kinder könnten Long Covid bekommen.

«Die Virenlast bei Kindern ist viel tiefer, als bei Erwachsenen», sagt Kaczala. «Im Moment haben wir die Zahlen, die für so einen Wert erforderlich wären, nicht.»

Wird es zusätzliche Schutzmassnahmen in den Schulen geben?

«Je nach Entwicklung werden wir eine Maskenpflicht wieder einführen», sagt Schnegg. «Wir beobachten sehr genau, was in den Schulen passiert und was mit Kindern passiert, die erkranken.»

«Wir haben drei Wochen lang Massentests gemacht», so Schnegg. «Wir haben ein Bild von der Situation bekommen. Wir gehen jetzt jeweils mit mobilen Test-Teams vor Ort. Das ist ein bisschen eine andere Strategie. Wir glauben, dass wir damit eine bessere Situation haben werden.»

Kaczala ergänzt: «Es ist korrekt, für unter 12-Jährige gibt es keine Impfung. Studien sind am laufen, aber ich rechne vor 2022 nicht mit definitiven Ergebnissen.»

Wie viele 12- bis 16-Jährige sind geimpft?

«Wir schätzen, dass es 40'000 in diesem Alter im Kanton gibt, davon haben sich 13'000 registriert und werden sich wohl impfen lassen», sagt Kaczala.

Wie wird das mit Impfen an Schulen gehandhaft

«Wir werden mit ein paar Gymnasien starten», sagt Schnegg. «Das Angebot wird für alle Sekundär- und Tertiärschulen zur Verfügung stehen. Der Kanton wird Impfteams vorbeischicken. Vor den nächsten Ferien werden wir in einigen Schulen sein und wir werden sehen, ob die Nachfrage überhaupt da ist.»

Wie viele Schwangere und unter 40-Jährige?

«Es sind je zwei Schwangere und zwei unter 40-Jährige», sagt Giebel.

Wie kam es dazu, dass gestern 8 Todesfälle im Kanton Bern gemeldet wurden?

«Es kommt immer wieder vor, dass Meldungen nicht tagesaktuell eintreffen, sagt Kommunikationschef Gundekar Giebel. «Es sind auch Nachmeldungen darunter.»

Fragerunde

Nun haben die Medienschaffenden Zeit, Fragen zu stellen.

Aggressivität zwischen Lagern

Schnegg ergreift wieder das Wort: «Lassen Sie sich impfen. In vielen Kantonen sinken die Zahlen, aber in anderen steigen sie wieder. In unserer Erfahrung müssen wir auch auf die Jahreszeit achten und die gelockerten Massnahmen. Wenn die Zahlen weiter ansteigen, werden wir reagieren müssen.»

Er spüre eine zunehmende Aggressivität zwischen den verschiedenen Lagern, Geimpften und Ungeimpften. «Ich rufe die Bevölkerung dazu auf, ihre Verantwortung wahrzunehmen und sich impfen zu lassen. Die Lage ist ernst. Es wird bereits wieder kälter, die Menschen werden mehr Zeit in Innenräumen verbringen.»

Zuletzt noch etwas Administratives: Impfchef Kaczala wird in Zukunft wieder als Arzt arbeiten.

Stark belastetes Personal

«Unser Personal ist enorm stark belastet», sagt Jakob. «Wenn jetzt Covid-Patienten und -Patientinnen kommen, die mehr Aufwand verursachen, müssen wir andernorts Abstriche machen.»

Ein Covid-Patient oder -Patientin binde bis zu drei Pflegekräfte zu einer bestimmten Zeit, vor allem, wenn er an eine künstliche Lunge gehängt werden oder gedreht werden muss.

Intensivstationen dürfen nicht ausgelastet sein

Covid-Patienten und -Patientinnen bleiben im Mittel neun Tage auf der Intensivstation. Selbst bei Herz-Operationen sind es nur rund zwei Tage. «Wir sind deshalb extrem ausgelastet», sagt Jakob. «Wir benötigen zusätzliches Personal und das während drei Schichten pro Tag. Es müssen viele andere Operationen verschoben werden.»

«Eine Intensivstation darf nie zu 100% ausgelastet sein», betont Jakob. «70% unserer Patienten und Patientinnen sind Notfallpatienten und -patientinnen. Wir brauchen diese Pufferkapazität. Eine Normalbelegung ist deshalb rund 75%.»

«Zu 95 Prozent belegt»

«Wir sind zu 95 Prozent belegt», sagt Stephan Jakob, Direktor Intensivmedizin am Unispital Insel. «Die Leute haben schwere Verläufe, auch unter 40-Jährige, auch Schwangere. Alle diese Patienten und Patientinnen sind ungeimpft. Es gibt Fälle, die bleiben Monate hier. Die Mortalität ist 20%, weitere 20% sterben nicht mehr bei uns. Die, die überleben, haben oftmals Long Covid und auch ein Jahr später noch Symptome.»

«Erreichten nicht alle»

«Was mich betrübt ist, dass wir viele Menschen mit unserer Impfkampagne nicht erreicht haben», sagt Kaczala. «Es werden nicht nur über-65-Jährige sterben, sondern auch Jüngere. Wie können wir die Leute nur besser erreichen? So werden weitere Einschränkungen unumgänglich. Die Spitäler werden sich weiter füllen, ich hoffe nicht, dass wir vor schwierige Triage-Entscheidungen gestellt werden.»

Booster-Impfungen

«Wie geht es weiter?», fragt Kaczala. «Wir bereiten uns auf Booster-Impfungen im vierten Quartal vor. Wir wollen bereit sein.»

Impfzentrum Inselspital bleibt

«Die Pandemie ist weiterhin nicht besiegt», sagt Impfchef Gregor Kaczala. «Der grosse Run auf die Impfungen ist vorbei. Zwischenzeitlich wurden sieben von zehn Impfzentren verkleinert. Diese haben weiterhin Termine frei, die gebucht werden können.»

Auch in Biel und Thun gibt es bald eine verkleinerte Nachfolgelösung. Nur das Impfzentrum im Inselspital wird in der aktuellen Form weitergeführt. Derzeit werden dort 1300 Impfungen pro Tag verabreicht.

«Lassen Sie sich impfen!»

Schnegg kommt zuerst auf die aktuellen Infektionszahlen zu sprechen. «Aktuell hat sich die Situation etwas entschärft», sagt Schnegg. «Aber wir sehen auch, dass 90 Prozent der Eingelieferten nicht gegen das Coronavirus geimpft sind.»

«Es ist eindeutig, dass die Impfung gegen schwere Krankheitsverläufe schützt», so Schnegg. «Lassen Sie sich impfen und helfen Sie mit, unser Gesundheitswesen vor einer Überlastung zu bewahren. Jede Impfung zählt.»

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