Corona-Pandemie - Was spricht für oder gegen eine dritte Impfung?
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Corona-PandemieWas spricht für oder gegen eine dritte Impfung?

Virginie Masserey vom BAG ist einer dritten Impfung gegenüber nicht abgeneigt – wenn es sie denn wirklich braucht. In diesem Punkt ist sich die Forschung uneins. Das ist der aktuelle Stand.

von
Fee Anabelle Riebeling
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Gilt für die Covid-19-Impfung «Alle guten Dinge sind drei»?  

Gilt für die Covid-19-Impfung «Alle guten Dinge sind drei»?

20min/Celia Nogler
Wissenschaftlich geklärt ist diese Frage noch nicht. 

Wissenschaftlich geklärt ist diese Frage noch nicht.

Symbolbild/Unsplash
Es fehle eine klare Evidenz, so Virginie Masserey vom BAG im Interview mit 20 Minuten. 

Es fehle eine klare Evidenz, so Virginie Masserey vom BAG im Interview mit 20 Minuten.

20min/Simon Glauser

Darum gehts

  • Punkto einer Drittimpfung gegen Covid-19 gehen die Meinungen auseinander.

  • Das Problem: Noch gibt es keine unabhängigen wissenschaftlichen Daten.

  • Das ist der Stand der Dinge.

Manche Impfungen halten ein Leben lang, etwa die gegen Masern. Andere wie die Grippeimpfung müssen alljährlich aufgefrischt werden, um gut zu schützen. Wie lange der Impfschutz nach einer Impfung gegen Covid-19 besteht, ist noch unklar. Bis die entsprechenden Daten vorliegen, hält man sich in der Schweiz zurück: «Bevor wir eine dritte Impfung empfehlen, müssen wir klare Evidenz haben», sagt Virginie Masserey im Interview mit 20 Minuten. Tatsächlich sind noch einige Fragen offen – ein Überblick.

Warum wird eine dritte Impfung überhaupt diskutiert?

Neben vorläufigen Daten von Pfizer/Biontech, wonach die Schutzwirkung des mRNA-Impfstoffs Comirnaty rasch nachlässt (siehe Box), sind es auch Angaben vor allem aus Israel, die die Diskussion entfacht haben. Dort steigen die Infektionszahlen, obwohl 59,4 Prozent der Bevölkerung bereits vollständig geimpft sind. Israelische Medien zitieren zudem eine Studie von Forschenden der Hebräischen Universität Jerusalem, wonach Israelinnen und Israelis, die im Januar geimpft wurden, noch zu 16 Prozent gegen eine Infektion geschützt sind, jene vom April zu 75 Prozent. Der Schutz vor einem schweren Verlauf sei gemäss der Studie von über 90 Prozent auf 80 Prozent gefallen. Allerdings, so heisst es bei Spiegel.de, können sich Fachleute die Werte nicht so recht erklären. Ungeachtet dessen hat sich Israel dafür entschieden, dass sich immungeschwächte Erwachsene ab sofort eine Drittimpfung holen können. Auch in anderen Ländern ist die dritte Dosis bereits beschlossene Sache, etwa in Deutschland oder Frankreich. Während sie dort vorerst den Risikogruppen vorbehalten ist, wird sie in Ungarn und Russland allen Personen angeboten.

Wirkung von Comirnaty lässt nach der zweiten Dosis nach

Pfizer/Biontech stützt sich in der Studie auf die Daten von gut 42’000 Personen, die im Rahmen der noch laufenden Zulassungsstudie entweder vollständig mit Comirnaty geimpft waren oder nur ein Placebo erhalten hatten. Von diesen erkrankten bis zum Stichtag am 13. März 81 doppelt geimpfte Personen an Covid-19. Bei den Ungeimpften aus der Kontrollgruppe waren es 873 Personen. Damit reduziert die Impfung das Risiko, an Covid-19 zu erkranken, insgesamt um 91 Prozent. Wie hoch der Schutz im Einzelfall war, hing jedoch davon ab, wie lange die zweite Dosis zurücklag: So lag die Wirksamkeit von Tag sieben bis etwa zwei Monate nach der zweiten Dosis noch bei ungefähr 96,2 Prozent. Ab vier Monaten nach der zweiten Dosis bis Auswertungsende sank sie auf rund 84 Prozent. Daraus ergibt sich ein Rückgang der Wirksamkeit gegen Covid-19 von etwa sechs Prozent alle zwei Monate. Unklar ist, ob sich diese Entwicklung weiter fortsetzt.

Was weiss man über die Wirkung einer dritten Dosis?

Noch nicht viel. Laut Pfizer/Biontech könnte wegen der von ihnen dokumentierten Abnahme der Antikörper eine dritte Dosis sechs bis zwölf Monate nach der ersten Impfung erforderlich sein. Die Unternehmen berufen sich dabei auf eigene Daten, die zeigen, dass eine dritte Dosis Comirnaty die Menge an Antikörpern um das Fünf- bis Zehnfache erhöht. Allerdings sagt das noch nichts über den Wirksamkeitsgewinn aus.

Auch Moderna, Hersteller des anderen in der Schweiz zugelassenen mRNA-Impfstoffs Spikevax, setzt im Kampf gegen aktuelle und möglicherweise künftige Mutanten auf eine Booster-Strategie. Die Firma arbeitet laut eigener Aussage an gleich drei Booster-Kandidaten. Daten, die etwas über deren Wirksamkeit aussagen, gibt es noch nicht – die Studien laufen noch.

Was sagen unabhängige Stellen?

Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA, ihr US-Pendant, die FDA, und die Weltgesundheitsorganisation WHO sehen derzeit keine ausreichende Datengrundlage für Drittimpfungen. Die WHO wird in einem Bericht des US-Nachrichtensenders CNN mit der Aussage zitiert, es seien nur eingeschränkte Daten dazu verfügbar, ob ein Booster einen Nutzen bringe – und wenn ja, für wen.

Unklar ist auch, wie relevant die Antikörper tatsächlich sind. Denn neben den Antikörpern gibt es auch noch die Gedächtniszellen, die dafür sorgen, dass das Abwehrsystem des Körpers einen Erreger auch lange Zeit nach einer Infektion wiedererkennt und schnell eine Immunantwort einleiten kann. Von diesen ist laut einer im Fachjournal «Nature» veröffentlichten Studie knapp vier Monate nach der zweiten mRNA-Dosis noch immer eine hohe Zahl im Blut Geimpfter zu finden. Wie lange die Gedächtniszellen so zahlreich sind, ist unklar. Möglicherweise bleibt diese Gedächtniszellen-Immunität sogar über Jahre bestehen, so die Forschenden.

Welche Nebenwirkungen sind bei Drittimpfungen mit mRNA-Impfstoffen bekannt?

Unabhängige Angaben gibt es dazu nicht. Allerdings lassen Berichte von Personen aus den USA, die mit falschen Angaben eine Drittimpfung ergattert haben, auf keine schwerwiegenden Probleme schliessen. Verlässliche Aussagen über mögliche Nebenwirkungen nach einer dritten Dosis seien derzeit aber nicht möglich, zitiert die «New York Times» Krutika Kuppalli, eine Spezialistin für Infektionskrankheiten an der Medizinischen Universität von South Carolina: Die Datenlage sei nach wie vor unklar und die Forschung noch nicht endgültig.

Ausgeschlossen werden können Nebenwirkungen nach einer zu frühen Booster-Impfung zum jetzigen Zeitpunkt nicht. Denn steigen die Antikörpertiter nach der dritten Dosis so stark an, wie von Pfizer/Biontech kommuniziert, kann es kurzfristig zu einer sehr starken Aktivierung des Immunsystems kommen. Ähnlich hohe, bis zu zehnfach erhöhte Antikörperspiegel waren bei Genesenen beobachtet worden, die zusätzlich geimpft worden waren. Bei ihnen traten deutlich mehr Impfreaktionen wie etwa Kopfschmerzen, Schüttelfrost, Fieber, Muskel- und Gelenkschmerzen auf. Laut Vorab-Ergebnissen von Pfizer/Biontech hat die Gabe einer dritten Dosis nach sechs Monaten nicht zu einer vermehrten Impfreaktion geführt.

Warum ist die Drittimpfung in vielen Ländern zunächst den Risikogruppen vorbehalten?

Ältere Personen haben oft ein schwächeres Immunsystem und bilden bei einer Impfung generell weniger Antikörper. Auch bei Personen, deren Immunantwort durch Medikamente herabgesetzt wurde oder die ein schwer beeinträchtigtes Immunsystem haben, besteht die Gefahr, dass sie keinen so guten und in manchen Fällen überhaupt keinen Antikörperschutz aufbauen. Entsprechend hat das Bundesamt für Gesundheit laut SRF vor einigen Tagen die Empfehlungen für diese Personen angepasst: Bauen sie nach der zweiten Dosis zu wenig Antikörper auf, wird bereits jetzt eine dritte Dosis empfohlen.

Spricht etwas gegen eine baldige Drittimpfung?

Ja, die Tatsache, dass ein Grossteil der Weltbevölkerung noch gar nicht gegen Covid-19 geimpft ist und Sars-CoV-2 damit schutzlos ausgeliefert ist. Das begünstigt auch die Entstehung weiterer Mutanten. Diese würden dann auch in westlichen Staaten zum Problem werden, so Kuppalli zur «New York Times». Idealerweise sollten die in den wohlhabenden Ländern übriggebliebenen Impfstoffe an Länder mit geringeren Beständen gehen, anstatt an Menschen, die zusätzliche Dosen haben wollten. «Bevor wir darüber reden, dass Menschen eine dritte Dosis des Impfstoffs erhalten, müssen wir sicherstellen, dass jeder eine Dosis bekommen kann.» So sieht es auch Maureen Kelley von der Ethikkommission der WHO: Ihr zufolge sei es beschämend, dass die Regierungen der einkommensstarken Länder sich darauf konzentrierten, Auffrischungsimpfungen zu verabreichen, während nur 1,1 Prozent der Menschen in ärmeren Ländern mindestens eine Dosis erhalten hätten.

Hast du oder hat jemand, den du kennst, Mühe mit der Coronazeit?

Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Coronavirus, Tel. 058 463 00 00

BAG-Infoline Covid-19-Impfung, Tel. 058 377 88 92

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Safezone.ch, anonyme Onlineberatung bei Suchtfragen

Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

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