Knatsch um Kuhmilch: Was taugen die Alternativen zur Milch?
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Knatsch um KuhmilchWas taugen die Alternativen zur Milch?

Der Konsum von Kuhmilch geht seit Jahren zurück. Während die Detailhändler immer mehr Ersatzprodukte verkaufen, warnen Experten vor dem Trend.

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ehs
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Um die Milch tobt ein Glaubenskrieg. Manche Eltern verbieten ihren Kindern das Milchtrinken, wie die «SonntagsZeitung» berichtet. Auch bei Ernährungsbewussten habe die Milch einen schweren Stand.

Um die Milch tobt ein Glaubenskrieg. Manche Eltern verbieten ihren Kindern das Milchtrinken, wie die «SonntagsZeitung» berichtet. Auch bei Ernährungsbewussten habe die Milch einen schweren Stand.

Sebastian Gollnow
Währenddessen boomen die Verkäufe von Ersatzprodukten zur Kuhmilch: Bei Coop hätten sich die Abverkäufe in den letzten zehn Jahren «gut verdreifacht», sagt eine Sprecherin.

Währenddessen boomen die Verkäufe von Ersatzprodukten zur Kuhmilch: Bei Coop hätten sich die Abverkäufe in den letzten zehn Jahren «gut verdreifacht», sagt eine Sprecherin.

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Die Schweizerische Gesellschaft für Ernährung empfiehlt den Milchkonsum insbesondere für Jugendliche. Sie benötigten mehr Nährstoffe wie Kalzium, das in der Milch vorhanden ist.

Die Schweizerische Gesellschaft für Ernährung empfiehlt den Milchkonsum insbesondere für Jugendliche. Sie benötigten mehr Nährstoffe wie Kalzium, das in der Milch vorhanden ist.

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Der Milchkonsum geht drastisch zurück: Betrug der jährliche Pro-Kopf-Verbrauch im Jahr 1950 noch 233 Kilogramm, waren es 2017 nur noch 57 Kilo. Wie die «SonntagsZeitung» berichtet, gibt es Eltern, die ihren Kindern das Trinken von Kuhmilch verbieten. Zudem gelte Milch bei Veganern oder Anhängern der Low-Carb-Kost als Lebensmittel, das zu vermeiden sei.

Dreimal mehr Ersatzmilch

Der Trend ist auch in den Regalen der Detailhändler zu beobachten. Coop hat etwa Milchersatzprodukte auf der Basis von Soja, Reis, Hafer, Mandeln und neuerdings auch Hanf im Angebot. Die Ersatzprodukte sind entweder nature oder in Geschmacksrichtungen wie Haselnuss oder Schokolade erhältlich.

Sie sind echte Kassenschlager. Coop-Sprecherin Yvette Petillon sagt: «Die Abverkäufe haben sich in den letzten zehn Jahren gut verdreifacht.» Am beliebtesten sei die Milch auf Reisbasis. Alternativen seien nicht nur bei veganen Kunden beliebt, sondern würden häufig ergänzend zur Kuhmilch konsumiert.

Immer noch Nischenprodukt

Die Migros hat in den letzten Jahren Zuwachsraten im zweistelligen Prozentbereich bei Milch-Alternativen festgestellt, wie Sprecherin Elena Weder sagt. Sehr beliebt seien Drinks und Joghurtalternativen auf Basis von Soja, Hafer und Kokos. Der Absatz werde weiter zunehmen, aber nicht mehr im gleichen Ausmass. «Es handelt sich bei den Ersatzprodukten immer noch um Nischenprodukte», sagt Weder. Auf das ganze Milchsortiment gesehen, machten sie etwa zwei bis drei Prozent aus.

Insbesondere bei Jugendlichen und Ernährungsbewussten hat die Milch ein schlechtes Image. Die Schweizerische Gesellschaft für Ernährung (SGE) empfiehlt hingegen den Milchkonsum: «Milchprodukte werden insbesondere aufgrund ihres Gehalts an Protein und Kalzium, aber auch aufgrund der Gehalte an Vitamin A, B2, B12 oder D als wertvolle Lebensmittel geschätzt und Jugendlichen empfohlen», sagt Sprecherin Brigitte Buri.

Viel mehr Kalzium

Jugendliche befänden sich in einer Wachstums- und Entwicklungsphase, die den Körper Energie koste und für einen höheren Bedarf bei einzelnen Nährstoffen sorge. Das sei bei Kalzium, das zum Aufbau der Knochen unerlässlich ist, der Fall.

Im Gegensatz zu Ersatzprodukten ist der Kalziumanteil in Kuhmilch viel höher. Gemäss Angaben der SGE enthalten 100 Milliliter pasteurisierte Vollmilch 120 Milligramm Calcium. Ein Soja-Drink nature kommt auf 13 Milligramm, ein ungesüsster Mandeldrink auf 18. Deutlich schlechter schneiden ungesüsste Hafer- und Reisdrinks ab: In ihnen stecken knapp 6 respektive 3 Milligramm Protein. Im Gegensatz zur Kuhmilch enthalten die Ersatzprodukte kein Vitamin A und B12 und nur ein Bruchteil der Menge an Vitamin B2.

Kinder ohne Milch sind kleiner

Trotzdem sei es nicht sinnvoll, Lebensmittel nach «gesund» und «ungesund» zu klassieren, sagt Buri. «Bezüglich Protein steht ein Sojadrink der Vollmilch etwa in nichts nach, bezüglich anderer wichtiger Inhaltsstoffe aber schon», sagt sie.

David Fäh, Dozent an der Berner Fachhochschule, sagt, Milch sei eine «hervorragende Quelle für hochwertiges Eiweiss». Eine Studie habe gezeigt, dass Kinder, die 3 Portionen pflanzliche Ersatzmilch am Tag trinken, im Alter von 3 Jahren im Schnitt 1,5 cm kleiner seien als vergleichbare Kinder, die die gleiche Menge Kuhmilch trinken. Auf der anderen Seite gebe es keine klaren wissenschaftlichen Hinweise, dass der tägliche Konsum von 3 bis 5 Deziliter Milch das Krankheitsrisiko erhöhe oder dick mache. Allerdings fehlten auch Studien, die den gesundheitlichen Nutzen von täglichem Milchkonsum sicher belegen könnten.

17-mal mehr Wasser

Fermentierte, also bakteriell verarbeitete Milchprodukte wie Käse, Joghurt und Quark hätten gegenüber der Milch aber wahrscheinlich gesundheitliche Vorteile. Gegenüber der Kuhmilch könnten Ersatzprodukte zudem einen ökologischen Vorteil haben, wenn sie in der Schweiz mit Rohstoffen aus dem Inland hergestellt würden. «Da das aber meistens nicht der Fall ist und etwa Soja aus dem Ausland kommt und lange Wege zurücklegt, sehe ich keinen oder nur einen minimalen Vorteil», sagt Fäh.

Eine kürzlich veröffentlichte Studie der Universität von Kalifornien belegt, dass die Produktion von einem Liter Mandelmilch zwar nur ein Zehntel der Menge an Treibhausgasen verursacht, dafür 17-mal mehr Wasser, als es bei der Kuhmilch der Fall ist. Die Studie bezieht sich auf Kalifornien, die Ökobilanz von Mandelmilch-Produkten europäischer Herkunft dürfte besser ausfallen.

Der Verein Swissveg, der sich für vegetarische Ernährung einsetzt, widerspricht. Ein hoher Eiweisskonsum führe zu Verlust an Kalzium. Sinnvoller sei es deshalb, das Kalzium ohne das tierische Eiweiss und damit ohne Milch zu nutzen. Bei einer rein pflanzlichen Ernährung benötige der Körper nicht so viel Kalzium über die Nahrung. Milchkonsum schütze auch nicht vor Knochenbrüchen. Zudem vertrage jeder sechste Schweizer keine Laktose im Erwachsenenalter. Das sei keine Krankheit, sondern ein natürlicher Zustand.

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