Das Leiden der Lämmer: Was Touristen mit toten Schafen zu tun haben
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Das Leiden der LämmerWas Touristen mit toten Schafen zu tun haben

Für Schafe ist der Norden von Sylt ein Paradies. Aber wie lange noch? Denn obwohl sie erst seit kurzem draussen grasen, gibt es schon Tote.

von
Fee Riebeling
Dass Jürgen Wolf-Diedrichsen, Schafzüchter auf Sylt, diese Notiz auf den Mülleimer gekritzelt hat, darf bezweifelt werden. Grund genug hätte er aber dafür.

Dass Jürgen Wolf-Diedrichsen, Schafzüchter auf Sylt, diese Notiz auf den Mülleimer gekritzelt hat, darf bezweifelt werden. Grund genug hätte er aber dafür.

Fee Riebeling
Denn Wolf-Diedrichsen lebt und arbeitet dort, wo andere gern Ferien machen: Im Norden der Insel Sylt.

Denn Wolf-Diedrichsen lebt und arbeitet dort, wo andere gern Ferien machen: Im Norden der Insel Sylt.

Nasa/PD
Genauer gesagt am sogenannten Ellenbogen, der zu langen Spaziergängen einlädt und nicht zuletzt wegen seiner geografischen Lage bei Touristen hoch im Kurs steht.

Genauer gesagt am sogenannten Ellenbogen, der zu langen Spaziergängen einlädt und nicht zuletzt wegen seiner geografischen Lage bei Touristen hoch im Kurs steht.

Wikimedia Commons/Ralf Roletschek/CC BY-SA 3.0

Sylt ist immer eine Reise wert. Das finden nicht nur viele Deutsche, sondern auch immer mehr Schweizer. Sie gesellen sich nur zu gern zu den rund 21'500 Einwohnern der nordfriesischen Insel. Doch für die Beliebtheit zahlen insbesondere die Schafzüchter der Insel einen hohen Preis. Sie müssen alljährlich zahlreiche gerissene Schafe beklagen.

Das ist vor allem am Ellenbogen im Norden der Insel der Fall, denn dort dürfen die Tiere frei grasen. «Jedes Jahr verlieren wir zehn bis 15 Schafe, weil sie von Hunden verletzt werden – da platzt einem die Hutschnur», zitiert die «Sylter Rundschau» Jürgen Wolf-Diedrichsen. Sein Ärger ist frisch. Schliesslich hat es seine Herde in diesem Jahr als erste erwischt. In den weiten Salzwiesen wurde ein totes Lamm entdeckt.

Der Schafzüchter vermutet einen freilaufenden Hund als Täter. In den letzten Jahren sei es immer wieder vorgekommen, dass Hundehalter die zahlreichen Hinweisschilder auf dem Ellenbogen missachtet und ihre Vierbeiner von der Leine gelassen hätten – frei nach dem Motto «Mein Hund tut nichts».

Wenn der Jagdinstinkt erwacht

Doch damit liegen sie allzu oft falsch, wie Wolf-Diedrichsen aus Erfahrung weiss, wobei Grösse und Rasse der Hunde keine Rolle spielten: «Auch ein Rehpinscher oder ein Yorkshire

Terrier können ganze Herden verrückt machen.»

Wenn der Jagdinstinkt von Hunden erwacht, gibt es kein Halten mehr. Sie versetzen die Schafe so in Panik, dass Mütter und Lämmer auseinanderlaufen und sich, selbst wenn sie die Attacke überleben, nicht wiederfinden, berichtet die «Sylter Rundschau». Auch käme es vor, dass Tiere mit Bissverletzungen behandelt oder eingeschläfert werden müssten. Die meisten Schafe verendeten jedoch elendig.

Dabei dürfte es eigentlich gar nicht so weit kommen. Denn die Rechtslage ist eindeutig: Der Ellenbogen ist Naturschutzgebiet. Damit herrscht dort genereller Leinenzwang. Gleiches besagt auch das schleswig-holsteinische Hundegesetz von 2015.

Zucht wegen Touristen umgestellt

Weil sich manch ein Hundehalter davon nicht abschrecken lässt, hat Wolf-Diedrichsen seinerseits Sicherheitsvorkehrungen getroffen. Da das Risiko für seine Schafe durch freilaufende Hunde zur Osterreisezeit besonders gross ist, hat er seinen Zuchtplan umgestellt. Anders als früher kommen die meisten seiner Lämmer jetzt erst nach den Feiertagen zur Welt, wenn der Grossteil der Hundehalter bereits abgereist ist.

Auch im aktuellen Fall ist er aktiv geworden. Um wenigstens etwas über die Rasse des Hundes zu erfahren und darüber vielleicht den Halter aufspüren zu können, plant er, eine Probe des gerissenen Lamms an das Hamburger For-Gen-Institut für forensische Genetik zu schicken. Es sei «ein verzweifelter Versuch, aber man darf sich ja nicht alles gefallen lassen».

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