Potenzielle Gewalttäter: Was tun mit gefährlichen psychisch Kranken?
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Potenzielle GewalttäterWas tun mit gefährlichen psychisch Kranken?

Viele Gewalttäter wurden früher psychiatrisch behandelt. Dennoch konnten ihre Taten nicht verhindert werden. Was tut die Schweiz mit potenziell gefährlichen psychisch Kranken?

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In der Schweiz werden 15,7 Prozent der Psychiatrie-Einweisungen mit einer fürsorgerischen Unterbringung angeordnet. Das bedeutet, der Patient wird gegen seinen Willen eingewiesen, weil er entweder für sich oder für andere eine Gefahr darstellt. Damit werden auch potentiell gefährliche Menschen frühzeitig erkannt und behandelt.  Hier zu sehen ist der abgeschlossene Aussenbereich im Hochsicherheitsbereich der Klinik für Forensische Psychiatrie im Psychiatriezentrum Rheinau ZH.

In der Schweiz werden 15,7 Prozent der Psychiatrie-Einweisungen mit einer fürsorgerischen Unterbringung angeordnet. Das bedeutet, der Patient wird gegen seinen Willen eingewiesen, weil er entweder für sich oder für andere eine Gefahr darstellt. Damit werden auch potentiell gefährliche Menschen frühzeitig erkannt und behandelt. Hier zu sehen ist der abgeschlossene Aussenbereich im Hochsicherheitsbereich der Klinik für Forensische Psychiatrie im Psychiatriezentrum Rheinau ZH.

Keystone/Gaetan Bally
Der Täter von Ansbach litt unter psychischen Störungen und wurde vor seiner Tat professionell behandelt.

Der Täter von Ansbach litt unter psychischen Störungen und wurde vor seiner Tat professionell behandelt.

Daniel Karmann
Dennoch gelang es ihm, eine Bombe zu zünden. Bei dem Anschlag kam er selbst ums Leben.

Dennoch gelang es ihm, eine Bombe zu zünden. Bei dem Anschlag kam er selbst ums Leben.

Karl-josef Hildenbrand

Die Täter von München, Ansbach und London waren allesamt vor ihren Anschlägen in psychiatrischer Behandlung. Doch trotz der professionellen Betreuung gelang es dem einen, neun Menschen zu töten, dem zweiten, eine Bombe zu zünden, und dem dritten, eine Frau mit einem Messer niederzustechen. Wieso wurde ihre Gefährlichkeit nicht erkannt? Wurden sie falsch behandelt? Oder kann die Psychiatrie gar niemanden von einer solchen Tat abhalten?

In der Schweiz leiden rund 18 Prozent der Bevölkerung an einer psychischen Erkrankung. Nur etwa die Hälfte lässt sich freiwillig behandeln. Knapp 16 Prozent der psychiatrischen Einweisungen werden laut dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) gegen den Willen der Patienten vorgenommen. Doch wie viele dieser Menschen sind gefährlich? Statistisch wird dies nicht erfasst, die zuständigen Ämter sprechen von einigen wenigen.

«Psychisch Kranke lassen sich leichter ideologisieren»

Patrick Fassbind, Leiter der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde Kesb Basel-Stadt, sagt, es komme vor, dass psychisch kranke Menschen auch eine Gefahr für Dritte darstellten. Eine Fremdgefährdung sei bei sehr wenigen Psychiatrie-Patienten latent vorhanden.

Menschen mit ganz spezifischen psychischen Krankheitsbildern seien sowohl gefährdeter, sich von Amokläufen oder Anschlägen inspirieren zu lassen, als auch ideologisiert, instrumentalisiert und somit missbraucht zu werden. Einige glaubten an Verschwörungstheorien und verdächtigten vielleicht den Staat. Passiere dann eine solche Tat, fühlten sie sich in ihrem Wahnsystem bestätigt. «Man konnte lesen, dass der Islamische Staat bewusst solche Personen rekrutiert.» Es sei aber völlig falsch, diese Menschen als potenzielle Attentäter zu bezeichnen. Ihm sei in der Schweiz bis heute kein einziger solcher Fall bekannt.

Gegen den Willen in die Psychiatrie

Thomas Steffen ist Kantonsarzt und Leiter Medizinische Dienst Basel-Stadt. Seine Arbeit besteht unter anderem darin, zu entscheiden, ob und wann jemand gegen seinen Willen in eine psychiatrische Klinik eingewiesen wird. Dabei leiden die Patienten an sehr unterschiedlichen Krankheiten. «Da gibt es ältere, demente Menschen, die im Rahmen ihrer Krankheit wahnartige Vorstellungen entwickeln. Sie sollten medizinisch behandelt werden, wollen dies aber nicht immer.» Der psychisch schwer erkrankte Patient, der beispielsweise im Nachbarn eine Gefahr sehe und ihn deshalb bedrohe, sei seltener.

Drohe jemand mehrmals mit einem Attentat oder einem Amoklauf, falle dies unter die Planung eines terroristischen Anschlags, was eine kriminelle Handlung sei und somit von der Polizei verfolgt werde. «Eine Abklärung unsererseits erfolgt in der Regel, falls von Angehörigen oder der Polizei eine psychiatrische Erkrankung vermutet wird, die medizinisch behandelt werden muss», so Steffen.

Nur für psychisch kranke Menschen

Ist dies der Fall und die Person verweigert eine professionelle Betreuung, greift die sogenannte fürsorgerische Unterbringung (FU). Je nach Kanton sind unterschiedliche Stellen dafür zuständig: Haus-, Kantons- oder Amtsarzt, Mitarbeiter der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) und Psychiater können diese Zwangseinweisung anordnen.

Auch die Zahlen variieren von Kanton zu Kanton und sind unterschiedlich schwierig zu beschaffen (siehe Box). Die Massnahme ist primär auf psychisch kranke, schwer verwahrloste und geistig behinderte Menschen ausgerichtet, die sich selbst gefährden und dringend eine stationäre Behandlung benötigen. Das Problem sei, dass die Kesb nur dann einschreiten könne, wenn eine Selbstgefährdung aufgrund einer psychischen Krankheit bestehe, sagt Patrick Fassbind.

Täter werden meist nicht auffällig

«Ein potentieller Täter, der strafrechtlich noch nicht erfasst werden kann und bei dem die Voraussetzungen der FU nicht erfüllt sind, darf erwachsenenschutzrechtlich nicht eingewiesen werden.» Fassbinds Meinung nach besteht hier eine Gesetzeslücke. Im Straf- und Polizeirecht gebe es dafür zu wenig Handhabung. Auch die Polizei könne eine solche Person nicht einfach einsperren. Derzeit werden vor dem Hintergrund der Anschläge in Deutschland allerdings auch in der Schweiz mehrere Massnahmen diskutiert, unter anderem eine Lockerung der ärztlichen Schweigepflicht.

In einer akuten Krisensituation sei es möglich, eine Person einzig zum Schutz Dritter gegen ihren Willen in einer Einrichtung unterzubringen, sagt Steffen. «Anschläge mit einem eigentlich terroristischen, ideologischen Hintergrund können mit einer FU aber kaum verhindert werden.» Diese Täter wiesen in der Regel keine psychiatrische Erkrankung im Sinne der medizinischen Krankheitslehre auf und würden deshalb gar nicht erst auffällig.

«FU wird missbraucht»

Dies sagt auch Roger Burges, Rechtsanwalt in St. Gallen und Generalsekretär des Vereins Psychex. Dieser setzt sich für die Entlassung von Menschen in psychiatrischen Kliniken ein. «Wer meint, er könne einen potenziellen Attentäter erkennen, ist schlicht naiv.» Ein Terrorakt einer psychisch kranken Person lasse sich nicht verhindern.

Die FU diene den Psychiatern, sich gegen die Öffentlichkeit abzusichern. Ein gewisses Risiko bleibe aber immer, wenn man mit Menschen zu tun habe. Dafür gebe es das Strafrecht. «Wenn jemand einen Anschlag plant und man ihm dies nachweisen kann, dann gehört er in Sicherheitshaft und im Fall einer psychiatrischen Krankheit via Massnahme in eine Einrichtung.»

Spreche aber jemand nur davon, einen Anschlag zu begehen, ohne irgendwelche Vorbereitungen getroffen zu haben, sei es nicht rechtmässig, diese Person einzusperren, so Burges. «Dennoch wird die FU immer öfter dazu missbraucht, angeblich gefährliche Menschen wegzusperren.»

Fürsorgerische Unterbringungen in den Schweizer Kantonen

Im Kanton Zürich machen FUs gemäss Gesundheitsdirektion jährlich rund 25 Prozent aller stationären Eintritte aus. 2014 waren dies 3300 Menschen. Auch im Kanton Schaffhausen ist jeder vierte Eintritt in eine Psychiatrie eine FU. Im Kanton Basel-Stadt werden pro Jahr rund 400 Menschen gegen ihren Willen eingewiesen. 2016 sind es bisher laut der «Basellandschaftlichen Zeitung» bereits 228. Im Kanton Aargau haben Familiengerichte letztes Jahr 220 FUs angeordnet, im ersten Halbjahr 2016 waren es 110. Im Kanton Bern sind aktuell 392 behördliche fürsorgerische Unterbringungen offen.

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