Aktualisiert 21.10.2016 11:35

Rickenbach b. Wil«Was, wenn meine Frau gestorben wäre?»

Als S.M.* aus Rickenbach seine Frau regungslos vorfindet, ruft er den Notruf des Spitals Wil SG. Dort fühlt man sich nicht zuständig, weil sie im Kanton Thurgau wohnt.

von
nab
Die Notaufnahme des Spitals Wil SG.

Die Notaufnahme des Spitals Wil SG.

zVg

«Meine Frau leidet schon lange an Diabetes», erzählt S.M.* aus Rickenbach bei Wil. Deshalb müsse sie sich regelmässig Insulin spritzen. Eines Nachts sei es ihr aber plötzlich extrem schlecht gegangen. «Sie stand auf, machte das Licht an und kam nicht mehr zurück ins Bett.» M. machte sich Sorgen und ging nachsehen: «Sie stand da, war nicht mehr ansprechbar und hatte sich komplett verkrampft.» Sie hatte eine akute Unterzuckerung, was lebensbedrohlich sein kann. «Ich versuchte ihr ein Stück Schokolade zwischen die Lippen zu schieben – vergebens.»

Als sich seine Frau minutenlang nicht regte, habe er sich nicht mehr anders zu helfen gewusst und die Nummer des Spitals Wil gewählt. Er habe seine Situation geschildert und verzweifelt um Hilfe gebeten. Doch dann bekam er eine Antwort, mit der er nicht gerechnet habe: «Man sagte mir, das Spital Wil wäre nicht zuständig für unser Gebiet, weil wir im Kanton Thurgau wohnen», so M. Und: «Ich sollte mich doch an das Spital Frauenfeld wenden.» Für M. absolut unverständlich: «Es ging um Leben und Tod.» Von Rickenbach nach Wil dauere eine Autofahrt acht Minuten – von Rickenbach nach Frauenfeld zwanzig. «Kantonsgrenzen hin oder her, was soll dieses bürokratische Getue?» Bei solch einem Notfall zähle doch jede Minute.

Kantonal geregelt

Nachdem M. mehrere Minuten am Telefon vertröstet worden sei, habe das Spital Wil dann trotzdem eingelenkt und jemanden losgeschickt. «Was, wenn meine Frau gestorben wäre, nur weil sich niemand verantwortlich fühlte?»

Auf Anfrage von 20 Minuten beim Spital Wil, heisst es, dass zu dem geschilderten Fall keine Auskunft gegeben werden könne. Allgemein sei es aber so, dass das Spital keine Personen zu Hause oder an Notfallort abhole, sagt Christof Geigerseder, Leiter Notfallmedizin: «Das ist die Aufgabe des Rettungsdienstes.» So werde der Anrufer in aller Regel gebeten, die 144 (Kantonale Notfallzentrale KNZ) zu kontaktieren. «Diesen Anruf muss der Patient oder der Angehörige selber tätigen», präzisiert Geigerseder.

Der Notruf 144 sei kantonal geregelt. Alle Anrufe aus dem Kanton Thurgau, also auch aus Rickenbach, gingen an die Kantonale Notrufzentrale in Frauenfeld. «Je nach Einschätzung des zuständigen Disponenten wird ein Rettungsmittel aus dem eigenen oder aus einem Nachbarkanton – in diesem Fall aus St. Gallen – gesendet.» Diese Einschätzung erfolge aufgrund der Antworten des Anrufers. «Und sie ist selbstverständlich insbesondere vom Gesundheitszustand des Patienten abhängig.»

Für M. sind diese Antworten alles andere als zufriedenstellend. «Wie schlecht muss denn der Gesundheitszustand sein? Meine Frau war nicht mehr ansprechbar, reicht das denn nicht, dass jemand direkt reagiert?»

* Name der Redaktion bekannt

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