Kevin-Prince Boateng: Was will Barça denn mit dem?
Aktualisiert

Kevin-Prince BoatengWas will Barça denn mit dem?

Dieser Transfer überrascht die Fussballwelt: Kevin-Prince Boateng ist neu Barcelona-Stürmer. Wieso? Ein Erklärungsversuch.

von
Fabian Sangines

Tanzen kann er: Kevin-Prince Boateng huldigt Michael Jackson. (Video: Youtube)

Er kommt von Sassuolo. Ein halbes Jahr war er dort, schoss ganze vier Tore in 13 Ligaspielen. Zuvor ein Jahr bei Eintracht Frankfurt, ein Jahr bei Las Palmas, eine halbe Saison bei der AC Milan. Barcelona ist jetzt sein elfter Verein. Kevin-Prince Boateng ist also der Stürmer, den Barça gesucht hat. Wirklich? Kann der 31-Jährige den Katalanen tatsächlich helfen, den ersehnten Champions-League-Titel zu holen? Wir versuchen, die wichtigsten Fragen zu beantworten:

Gab es wirklich keinen Besseren? Alvaro Morata soll weit oben auf dem Wunschzettel gewesen sein, wie sie in Spanien berichteten. Doch der frühere Real-Stürmer entschied sich, von Chelsea zu Atlético Madrid zu wechseln. Aus einem Grund, der Barças Dilemma perfekt widerspiegelt: Wieso sollte der spanische Nationalspieler zu einem Verein wechseln, wo er viel weniger zum Einsatz kommen würde als beim englischen Topclub? Denn Barcelona sucht vor allem einen Back-up für Luis Suarez. Der Uruguayer ist kongenialer Partner von Lionel Messi im Sturm und schoss in der Liga bisher 15 Tore. Dazu ist sein unermüdlicher Einsatz Gold wert für Spaniens Meister.

Ebenfalls zur Debatte standen der frühere Nationalspieler Fernando Llorente (Tottenham), der Uruguayer Cristhian Stuani (Girona) und der Mexikaner Carlos Vela (Los Angeles FC). Für Boateng sprach, dass er die spanische Liga aus seinem Jahr bei UD Las Palmas gut kenne, schreibt «Mundo Deportivo». Angesichts der Tatsache, dass Llorente und Vela massiv längere La-Liga-Erfahrung mitbringen und Stuani gerade die Meisterschaft etwas aufmischt, eine merkwürdige Begründung.

Wieso diese Hauruck-Übung? Namen wie Timo Werner (RB Leipzig), Luka Jovic (Eintracht Frankfurt) oder Krzysztof Piatek (Genua) geisterten immer wieder durch Spaniens Blätterwald, fielen aber wegen ihrer Preisschilder durch das Raster. Vorläufig. Denn Barcelona suchte einen, der eigentlich nur bis Saisonende bleiben soll – aufgrund der zweifelhaften Kaderplanung im letzten Sommer. Dort entschied sich Trainer Ernesto Valverde für den Verbleib von Munir El Haddadi und gegen Paco Alcacer. Letzterer wurde an Borussia Dortmund ausgeliehen, mit einer (bereits aktivierter) Kaufoption von rund 24 Millionen Euro. Alcacer schoss in 13 Bundesligaspielen 12 Tore, sein Marktwert beträgt nun 40 Millionen Euro. Und Munir, dessen Vertrag im Sommer ausläuft, weigerte sich jüngst, das Arbeitspapier zu verlängern. Also verkaufte man ihn im Januar für eine Million an Sevilla. Deshalb die Eile.

Passt er zum Barça-Spielstil? Boateng ist zwar technisch hochbegabt, gilt aber dennoch als Mann fürs Grobe. Wohl vor allem wegen seines schlimmen Fouls an Deutschlands damaligem Captain Michael Ballack, der deswegen die WM 2010 verpasste.

Der in Berlin geborene ehemalige Nationalspieler von Ghana fand auch später nicht, dass er gegen den Ruf gross ankämpfen müsste. Ausserdem war Kurzpassspiel auch nicht das Geheimrezept der Frankfurter, um 2018 überraschend den DFB-Pokal im Final gegen die Bayern zu gewinnen. Dies verriet Boateng in einer TV-Doku gleich selber. Wie es dazu kam, dass er das Siegtor von Ante Rebic einleitete? «Vor dem Spiel hat der Ante in seinem unvergleichlichen Deutsch gesagt: Bruda, schlag den Ball lang! Und ich habe ihm gesagt: Bruda, ich schlag den Ball lang!» Worte, die so in der Barça-Kabine relativ wenig zu hören sein dürften.

Wie waren die Reaktionen? Nicht zuletzt deshalb eher durchzogen. Stuani schien wegen seiner beeindruckenden Torquote im Vorteil (aktuell 12 Ligatore), umso überraschter waren sie in Spanien, als plötzlich die Meldung kam, dass Boateng in die katalanische Metropole wechseln soll. Die Sportzeitung «Marca» bezeichnete sie einmal als «surreal» und später als «Witz». Dazu erinnern sie in Madrid genüsslich daran, dass Boateng vor zwei Jahren sagte, dass er lieber bei Real als Barcelona spielen würde. Die Barça nahestehenden Zeitungen sind noch etwas zurückhaltend. Bei «Mundo Deportivo» wollen sie ihm immerhin Zeit geben. «Warten wir ab, ob er mit 31 die Chance seines Lebens packt: Auf der Barça-Bank sitzen zu dürfen.»

Also, wieso zur Hölle hat Barça nun Boateng geholt? Nun, er ist polyvalent. Er kann Mittelstürmer, zentrales Mittelfeld, tanzen und rappen. Ausserdem trägt kaum einer das Barça-Snapback-Cap so schön wie er. Aber sonst?

Immerhin: Boateng ist der einzige der realistischen Kandidaten, der zuletzt einen Titel gewinnen konnte. Ob das eine Rolle gespielt hat? Nun, es wird jetzt immerhin als eines der wenigen Argumente pro Boateng verwendet. Ein zweites liegt Jahre zurück: 2011 schoss er in der Champions League ein hübsches Tor. Mit Milan, gegen den FC Barcelona.

Schwer zu glauben jedoch, dass die Barça-Verantwortlichen sich ein siebeneinhalb Jahre altes Youtube-Video anschauten und begeistert jauchzten: «Den brauchen wir!» Vielmehr dürfte es primär am Mangel an Alternativen gelegen haben. Und an Boatengs abgebendem Verein. Seit Sassuolo Barcelonas Innenverteidiger Marlon ausgeliehen (und im vergangenen Sommer fest verpflichtet) hat, pflegen die beiden Vereine gute Verbindungen. Auch deshalb kam Barça wohl günstig an Boateng: eine Million Leihgebühr und Kaufoption für acht Millionen Euro.

Deshalb ist das Risiko mit Boateng relativ gering. Zumindest finanziell. Nicht auszudenken jedoch, sollte sich Luis Suarez in der entscheidenden Saisonphase verletzen. Dann heissts in der Barça-Kabine vielleicht doch: «Amigo, schlag den Ball lang!»

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