Sorge bei Kinderschutzorganisationen - Was wird aus den Waisenkindern, die die Pandemie in Indien hinterliess?
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Sorge bei KinderschutzorganisationenWas wird aus den Waisenkindern, die die Pandemie in Indien hinterliess?

In Indien kamen tausende Menschen während der zweiten Corona-Welle ums Leben. Viele von ihnen hinterliessen kleine Kinder. Wer soll sich nun um sie kümmern?

von
Karin Leuthold
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Die verheerende Corona-Welle, die über 27 Millionen Menschen in Indien betroffen hat, machte nach Schätzungen von lokalen Behörden um die 9000 Kinder zu Halb- oder Vollwaisen. Die Zahlen von Hilfsorganisationen zeichnen ein weit düsteres Szenario.

Die verheerende Corona-Welle, die über 27 Millionen Menschen in Indien betroffen hat, machte nach Schätzungen von lokalen Behörden um die 9000 Kinder zu Halb- oder Vollwaisen. Die Zahlen von Hilfsorganisationen zeichnen ein weit düsteres Szenario.

AFP
In Indien führte die Corona-Pandemie zu kriegsähnlichen Bildern – Indien hat während der zweiten Corona-Welle die Schwelle von 300’000 Toten überschritten.

In Indien führte die Corona-Pandemie zu kriegsähnlichen Bildern – Indien hat während der zweiten Corona-Welle die Schwelle von 300’000 Toten überschritten.

Vijay Pandey/ZUMA Wire/dpa
Im Land wütet das Coronavirus – vor allem auch wegen der Doppelmutante Delta.

Im Land wütet das Coronavirus – vor allem auch wegen der Doppelmutante Delta.

REUTERS

Darum gehts

  • Mit der zweiten Welle der Corona-Pandemie in Indien stieg die Gesamtzahl der Toten auf über 300’000.

  • Um die 9000 Kinder wurden dadurch zu Halb- oder Vollwaisen. Die Zahl könnte laut Hilfsorganisationen aber noch viel höher sein.

  • Der Leiter einer Kinderschutzorganisation nennt es «einen nationalen Notfall» – eine Lösung ist aber nicht in Sicht.

Drei Geschwister sitzen vor ihrem Hauseingang und weinen. Der älteste von ihnen ist gerade mal elf Jahre alt. Er muss zusehen, wie Nachbarn die Leiche seiner Mutter, eingewickelt in einem weissen Laken, aus dem Haus tragen. Die Frau war zuvor eine Woche lang im Bett gelegen, mit hohem Fieber, ohne Kräfte, um einmal ihr fünf Monate altes Baby zu stillen. An jenem Morgen entdeckte der Elfjährige sie tot im Bett. Sie war an den Folgen einer Covid-Infektion gestorben, wie die Zeitung «El Mundo» berichtet.

Unweit fragt der fünf Jahre alte Pratham ständig nach seiner Mutter. Sein zehn Monate alter Bruder Ayush und er hatten im April ihren Vater durch das Coronavirus verloren, nun kehrte auch die Mutter aus dem Spital in Delhi nicht mehr zurück. Das sind keine isolierten Geschichten, die Fälle häufen sich, schreibt «Indian Express». Die verheerende Corona-Welle, die vor einigen Wochen über 27 Millionen Menschen in Indien betroffen hat, machte nach Schätzungen von lokalen Behörden um die 9000 Kinder zu Halb- oder Vollwaisen. Die Zahlen von Hilfsorganisationen zeichnen ein weit düsteres Szenario.

Jedes Kind soll 12’300 Franken erhalten – wenn es 18 Jahre alt ist

Anfang Woche legte die staatliche indische Kinderrechtsorganisation NCPCR dem Obersten Gerichtshof einen Bericht vor, in dem die Probleme der verwaisten Kinder und die Notwendigkeit, sie mit Nahrung, Unterkunft und Kleidung zu versorgen, detailliert beschrieben wird. Als erste Reaktion darauf kündigte die Regierung von Premierminister Narendra Modi Massnahmen an, um diesen Kindern zu helfen: Sie stellte ein Programm zusammen, durch das für jedes Kind im Alter von 18 bis 23 Jahren ein Stipendium von rund eine Million Rupien (umgerechnet etwa 12'300 Franken) bereitgestellt werden soll.

Kinderschutzorganisationen glauben allerdings nicht, dass den Kindern damit geholfen wird. «Ich habe in meinem Leben noch nie erlebt, dass so viele Menschen in so kurzer Zeit sterben. Da wurden so viele Kinder zurückgelassen, die unter 18 Jahre alt sind. Das ist ein nationaler Notfall», sagte Anurag Kundu, Vorsitzender der Kommission zum Schutz der Kinderrechte, zu BBC.

Ausserdem sei das System in Indien äusserst bürokratisch, sagt Kundu. «Diejenigen, die Anspruch auf Leistungen haben, erzählen von ihren Erfahrungen mit endlosen Listen von Dokumenten, die sie einzureichen haben», sagt er.

Adoption ist keine Lösung – die Gefahren des Menschenhandels lauern

Enakshi Ganguly, Mitgründerin der Organisation HAQ Center for Child Rights, gibt Anurag Kundu Recht. Die Kinder werden beweisen müssen, dass ihre Eltern an Covid-19 gestorben sind, um Unterstützung zu bekommen. «Können Sie sich überhaupt vorstellen, wie schwer das ist? Oder sein wird?», sagt Ganguly zur Deutschen Welle.

Die Kinder zur Adoption freigeben, tönt nach einer guten Lösung - doch Anurag Kundu warnt vor den Gefahren des Menschenhandels. Als das Thema der verwaisten Kinder neulich aufkam, sei auf Social Media sofort ein «Amazon-ähnlicher» Dienst entstanden, bei dem Menschen Waisenkinder auswählen könnten.

Kundus Team sei auf eine Facebook-Seite gestossen, die Kinder zur Adoption angeboten habe, sagte er. «Einer meiner Mitarbeiter hat die Nummer auf der Facebook-Seite angerufen. Da hiess es, dass für ein Kind 7000 US-Dollar angeboten werden. Wir haben die Gruppe der Polizei gemeldet.» Er befürchtet, dass die adoptierten Kinder für billige Handarbeit oder sogar Sexarbeit ausgebeutet werden könnten.

Bist du minderjährig und von sexualisierter Gewalt betroffen? Oder kennst du ein Kind, das sexualisierte Gewalt erlebt?

Hier findest du Hilfe:

Polizei nach Kanton

Kokon, Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene

Castagna, Beratungsstelle bei sexueller Gewalt im Kindes- und Jugendalter

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Online- und Einzelchatberatung für Kinder und Jugendliche

Opferberatungsstelle Kinderspital Zürich

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Bist du selbst pädophil und möchtest nicht straffällig werden? Hilfe erhältst du beim Institut Forio und bei den UPK Basel.

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von Zwangsprostitution und/oder Menschenhandel betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Online- und Einzelchatberatung für Frauen, Männer, Jugendliche und Kinder

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

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