Aktualisiert 03.03.2019 15:45

Zwischenfall bei Berner ReitschuleWas zeigt das Video der «Amokfahrt» wirklich?

«Amokfahrt» versus «Schritttempo»: Nach dem Einsatz gegen Sprayer bleibt offen, was wirklich geschah. Zur Klärung taugt das Video nicht, weil es bearbeitet wurde.

von
S. Ulrich

Dieses Video wurde Freitagnacht von der Revolutionären Jugendgruppe Bern (RJG) veröffentlicht.

Bei der Reitschule kam es in der Nacht auf Samstag zu tumultartigen Szene: Kurz nach Mitternacht war eine Gruppe Vermummter damit beschäftigt, ein Graffiti an eine Wand an der Neubrückstrasse zu sprayen. Die Aktion fand aber ein vorzeitiges Ende: Wie auf einem Video zu sehen ist, das von der Revolutionären Jugendgruppe Bern (RJG) verbreitet wurde, kommt ein ziviles Polizeifahrzeug angefahren und löst die Sprayergruppe auf.

Der nächste Ausschnitt zeigt, wie der Polizeiwagen zurücksetzt und für die Weiterfahrt aufs Trottoir ausweicht. Einige Personen müssen ausweichen, andere bewerfen das Auto mit Gegenständen, es sprühen Funken von Feuerwerkskörpern.

«Tod von Menschen in Kauf genommen»

Wenig überraschend unterscheiden sich die Darstellungen der Ereignisse von Polizei und Gruppierungen aus dem Umfeld der Reitschule erheblich. Liest man die Mitteilungen der Mediengruppe Reitschule, RJG und Juso ist von einer «schockierenden Amokfahrt» die Rede, bei der die Beamten «gezielt in eine Gruppe von Menschen» hineingefahren seien und «schwerste Verletzungen oder sogar den Tod von Menschen» in Kauf genommen hätten. Mehrere Personen seien verletzt worden.

Die Sprayer hätten keine Konfrontation mit der Polizei gesucht. Sie seien ruhig geblieben und hätten sich zurückgezogen, als die Polizei auftauchte, heisst es weiter.

Polizei wollte Flüchtenden zu Fuss anhalten

Ganz anders klingt die Darstellung der Polizei: Als sie das Fahrzeug mit den Polizisten erblickten, hätten sich mehrere Personen in Richtung Restaurant bei der Reitschule zurückgezogen. Ein Vermummter habe jedoch weiter gesprayt, gegen das Patrouillenfahrzeug geschlagen und sei anschliessend ebenfalls geflüchtet. Die Polizisten hätten daraufhin die Verfolgung aufgenommen. «Die Patrouille ist nur aufs Trottoir gefahren, um die Person nachher zu Fuss anzuhalten», erklärt Kapo-Sprecherin Sarah Zwahlen auf Anfrage.

Die Beamten seien auf heftige Gegenwehr gestossen. «Sie wurden massiv mit Gegenständen beworfen und bedroht, so dass entschieden wurde, den Einsatz abzubrechen und sich zurückzuziehen», so Zwahlen. Also seien die Polizisten «im Schritttempo» via Trottoir in Richtung Bollwerk gefahren, um rasch wieder in die Strasse einzubiegen. «Um niemanden zu gefährden, machten die Polizisten während der ganzen Fahrt mit Hupen auf sich aufmerksam», sagt die Sprecherin weiter. Von Verletzten hat die Polizei keine Kenntnis.

Schnitte, kein Ton, verwackelte Bilder

Zur Aufklärung der Widersprüche taugen indes auch die Videoaufnahmen nicht, sind sie doch aufgrund der nachträglichen Bearbeitung nur von begrenzter Aussagekraft. So wurde das Material geschnitten, was den Eindruck entstehen lässt, dass gezielt Ausschnitte weggelassen wurden. Weiter enthält das Video keinen Ton. So lässt sich etwa nicht überprüfen, ob die Polizisten gehupt haben. Auch über die Geschwindigkeit des Polizeiautos auf dem Trottoir gibt das Video kaum Aufschluss.

Die RJG teilt auf Anfrage mit, die Bearbeitung der Aufnahmen sei technischer Natur. So sei etwa die Kamera beim Schlag gegen das Polizeiauto auf den Boden gerichtet gewesen und die Bilder deshalb herausgeschnitten worden. Zur tonlosen Publikation heisst es: «Es wären Stimmen der sprühenden Personen zu erkennen gewesen.» Die Stummfassung diene daher «zum Schutz vor Repression». Neben dem Schlag gegen das Auto geben die Aktivisten zu, dass die Beamten während ihres Trottoir-Abstechers gehupt hätten. Jedoch seien sie «alles andere als im Schritttempo gefahren».

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