Finanzkrise: Washington riskiert den grossen Knall
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FinanzkriseWashington riskiert den grossen Knall

Bevor der «Schwarze Montag» die Hoffnungen zunichte machte, hatte ein geflügelter Ausdruck die Runde an der Wall Street gemacht: «Zu gross zum Scheitern», sagten die Experten über die angeschlagene Investmentbank Lehman Brothers.

Dahinter verbarg sich die Erwartung, dass ein Unternehmen, wenn es nur gross genug ist, praktisch vor dem Zusammenbruch gefeit ist, weil der Staat im Notfall als Retter zur Verhinderung einer Mega-Krise bereitstehe.

Doch diesmal hat sich die US-Regierung verweigert und einen dramatischen Banken-Kollaps mit unabsehbaren Folgen in Kauf genommen. Sie riskiert die grosse Implosion, deren Trümmer den Weg zu Selbstreinigung und Neuordnung des Finanzsektors pflastern sollen.

Paulsons Dilemma

Der Fall der viertgrössten US-Investmentbank Lehman Brothers stellte Finanzminister Henry Paulson vor ein Dilemma: Die Riesenpleite wird in einem ohnehin schwierigen Umfeld das Geld noch knapper machen, die Kreditkosten nach oben treiben und die Stimmung von Investoren weiter trüben.

Andererseits sah Paulson nach einer Serie spektakulärer Bankenrettungen wohl die Zeit für eine Notbremsung gekommen. Für die Rettung der Investmentbank Bear Stearns und der beiden Immobilienfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac hatte er mehr als 200 Mrd. Dollar bereitgestellt. Einen Automatismus, der nur neue Begehrlichkeiten wecken würde, sollte es nicht geben.

Also lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende, lautete das neue Motto, wobei sich der gelernte Investmentbanker Paulson auf die Rolle dessen beschränkte, der den Schrecken kanalisiert und abfedert.

Am Freitagabend lud der Minister die Elite der Bankenwelt in das New Yorker Büro der Zentralbank. «Für einen Rettungseinsatz der Regierung fehlt der politische Wille», eröffnete der New Yorker Fed-Chef Timothy Geithner laut «Wall Street Journal» den Versammelten. Es folgte ein Aufruf zur Selbsthilfe: «Kommen Sie morgen wieder und bereiten sie sich darauf vor, etwas zu tun.»

Geordnet in die Pleite

Doch ohne die Zusage staatlicher Gelder und Garantien wagte kein Interessent, Lehman Brothers zu erwerben. In einem dreitägigen Verhandlungsmarathon sprangen Interessenten wie die britische Barclays-Bank ab.

Die grosse Bank of America, ebenfalls als Käufer gehandelt, erwarb die ebenfalls taumelnde Investmentbank Merrill Lynch und schied damit für Lehman Brothers aus. Paulson und die versammelte Wall-Street-Elite konzentrierten sich darauf, den Konkurs geordnet in die Wege zu leiten.

Die Entscheidung, Lehman Brothers in die Insolvenz gehen zu lassen, ist eine Zäsur für die Wall Street. Das Vorgehen von Finanzsektor und Regierung in den vergangenen Jahren schien nicht mehr tragbar: Die riesigen Gewinne aus den riskanten Geschäften waren privatisiert worden, während die Verluste mit dem Geld der Steuerzahler vergesellschaftlicht wurden.

In einer Zeit, in der Preise und Arbeitslosigkeit steigen und normale US-Arbeitnehmer den Druck der Konjunkturkrise zu spüren bekommen, schien ein weiterer Rettungseinsatz an der Wall Street auch politisch kaum vermittelbar. (sda)

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