Aktualisiert 13.01.2014 21:36

Nach ChemieunfallWasser taugt nur zur Toilettenspülung

Seit Tagen dürfen Hunderttausende Bewohner im US-Staat West Virginia ihr Leitungswasser nicht verwenden. Viele haben die Stadt verlassen. Das Problem könnte jedoch bald gelöst sein.

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Die Lage im Grossraum Charleston im US-Staat West Virginia könnte sich in den nächsten Tagen wieder entspannen: Nach dem Chemieunfall vom vergangenen Donnerstag dürfen Hunderttausende Bewohner der Region ihr Leitungswasser vermutlich bald wieder verwenden. Wassertests am Wochenende hätten gezeigt, dass die Konzentration der ausgelaufenen Chemikalie konstant unter einem Grenzwert für eine gesundheitliche Gefährdung gelegen habe oder gar nicht mehr nachweisbar gewesen sei, behauptete der Präsident des Wasserversorgers West Virginia American Water, Jeff McIntyre, an einer Medienkonferenz.

Sollten die kommenden Ergebnisse ähnlich ausfallen, könne das Leitungswasserverbot für rund 300'000 Menschen in neun Bezirken demnach schrittweise aufgehoben werden, beginnend mit dem Zentrum von Charlotte, der Hauptstadt von West Virginia. Wie lange das dauern könnte, sagte McIntyre allerdings nicht. Auch Gouverneur Earl Ray Tomblin zeigte sich positiv: «Wir sehen ein Licht am Ende des Tunnels.» Unklar blieb nach wie vor, wie es zu dem Leck in einem Tank der Firma Freedom Industries kommen konnte. Zudem wurde auch Kritik laut, dass das Unternehmen möglicherweise zu lange gewartet habe, bis es die Behörden informierte.

Zehn Menschen im Spital

Insgesamt liefen nach Schätzungen 28'400 Liter der für die Kohleproduktion verwendeten Chemikalie 4-Methylcyclohexan-Methanol aus einem Tank aus, ein Teil davon konnte aber aufgefangen werden, bevor er in den Fluss Elk gelangte. Auch in der höchsten Konzentration ist die Chemikalie nicht tödlich, allerdings kann sie Hautirritationen, Erbrechen und Durchfall auslösen.

Zehn Menschen wurden bisher wegen Kontakts mit dem verseuchten Wasser in Spitälern aufgenommen. Keiner von ihnen befinde sich aber in ernstem Zustand, sagte die Gesundheitsministerin von West Virginia, Karen Bowling.

Charleston war wie eine Geisterstadt

Am Wochenende war der Ärger unter den Bewohnern noch gross gewesen: Viele verliessen die Stadt, um endlich wieder mal zu duschen oder eine warme Mahlzeit zu essen. Ihre Wut richtete sich in erster Linie auf das Unternehmen Freedom Industries. «Die Leute wollen Antworten. Sie verdienen Antworten», sagte Ladenbesitzerin Krepshaw. Der Präsident der Firma, Gary Southern, entschuldigte sich dann auch bei einer Pressekonferenz. «Freunde und Nachbarn, dieser Vorfall ist höchst unglücklich, unerwartet und es tut uns sehr leid», sagte er.

Am Wochenende waren viele Restaurants in Charleston und Umgebung geschlossen, etliche Geschäfte wie ausgestorben. «Ich konnte zu Hause nichts kochen und hatte deshalb gehofft, dass sie offen hätten», sagte der Anwohner Bill Rogers vor einem verriegelten Filiale der Restaurantkette Tudor's Biscuit World in Marmet. «Es scheint, als ob überall zu wäre. Das ist frustrierend. Echt frustrierend.»

Auch die Hotels in der Gegend leerten sich, viele Besucher kehrten der Stadt den Rücken. «Es ist wie eine Geisterstadt», sagte Tammy Krepshaw, Besitzerin eines Gebrauchtwarenladens. «Das tut mir für meine Nachbarn wirklich leid. Es ist traurig.» Viele blieben zu Hause oder fuhren weite Strecken, um eine warme Mahlzeit zu bekommen oder heiss zu duschen.

Es gebe keinen Zweifel daran, dass die Geschäfte - vor allem Restaurants und Hotels - hart getroffen würden, sagte der Präsident der grössten örtlichen Handelskammer, Matt Ballard. Das Ausmass des Schadens könne man zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht absehen. Wasser wurde in den letzten Tagen lastwagenweise in die Gegend gekarrt. Allein bis Samstagmorgen kamen nach Angaben der Zivilschutzbehörde Fema eine Million Liter Wasser an, die unter anderem an die Feuerwehr verteilt wurden. Die Behörden bemühen sich, auch die Restaurantbesitzer und andere Unternehmer zu versorgen, damit diese ihre Läden wieder öffnen können.

Der nationale Sicherheitsausschuss für Chemievorfälle kündigte Ermittlungen zu dem Unfall an. Ein Team von Inspektoren werde am Montag in West Virginia erwartet, teilte das Gremium mit.

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