Das Netzwerk V.: Warum wird «Uber Eats für Drogen» nicht gesperrt?
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Das Netzwerk V.Warum wird «Uber Eats für Drogen» nicht gesperrt?

Über das Drogennetzwerk V. auf Telegram sind Drogen kinderleicht erhältlich, wie Recherchen von 20 Minuten zeigen. Doch warum wird die Plattform nicht einfach lahmgelegt?

von
Anja Zingg
Désirée Myriam Pomper
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In der mehrteiligen Serie trifft 20 Minuten die Kurierin C., die für das Netzwerk V. Drogen ausliefert.

In der mehrteiligen Serie trifft 20 Minuten die Kurierin C., die für das Netzwerk V. Drogen ausliefert.

20 min
Es ist leicht, auf Social Media an Drogen zu gelangen, wie eine Recherche von 20 Minuten zeigt. Sei es über Instagram, Snapchat oder Telegram. (Symbolbild)

Es ist leicht, auf Social Media an Drogen zu gelangen, wie eine Recherche von 20 Minuten zeigt. Sei es über Instagram, Snapchat oder Telegram. (Symbolbild)

(Archivbild Stawa Lu)
Marcel Dobler, FDP-Nationalrat und Vize-Präsident von DigitalSwitzerland, dem Dachverband der digitalen Wirtschaft, spricht von einem rechtsfreien Raum: «Die Strafverfolgung ist abhängig von der Bereitschaft der grossen Techgiganten.»

Marcel Dobler, FDP-Nationalrat und Vize-Präsident von DigitalSwitzerland, dem Dachverband der digitalen Wirtschaft, spricht von einem rechtsfreien Raum: «Die Strafverfolgung ist abhängig von der Bereitschaft der grossen Techgiganten

zvg

Darum gehts

  • Auf Social Media oder Messengerdienste Drogen zu kaufen, ist einfach.

  • Doch wieso ist es für die Polizei so schwierig, solche Seiten zu sperren?

  • Und wie gefährlich sind professionell aussehende Onlineshops für den Konsumenten?

Es ist leicht, auf Social Media an Drogen zu gelangen, wie eine Recherche von 20 Minuten zeigt. Sei es über Instagram, Snapchat oder Telegram. So kann man etwa mit wenigen Klicks auf Telegram der Gruppe namens V. beitreten, wo 30 verschiedene Drogen mit Reinheitsgrad und Verfügbarkeitsstatus angeboten werden. Von Weed über Pilze, LSD, Kokain bis hin zu Crystal Meth. Das Netzwerk dürfte eines der grössten Online-Drogen-Distributionsnetzwerke auf Social Media der Schweiz sein. Der Organisator verspricht eine zeitnahe Lieferung per Post oder Kurier. Bezahlt werden muss anonym mit Bitcoins, wobei der Kredit an einem SBB Automaten aufgeladen werden müsse, wie es in einem Anleitungs-Post heisst.

Doch wie funktioniert das Netzwerk, das inzwischen über 2500 Mitglieder zählt und vorwiegend in Zürich und St. Gallen aktiv ist? Angefragte Experten im Bereich Internetkriminalität konnten darüber keine Auskunft geben. Ebensowenig eine Kurierin, die für das Netzwerk Drogen an Kunden ausliefert. «Niemand weiss, wer diese Leute sind», sagt Lieferantin C. zu 20 Minuten. Sie habe diese Leute nie persönlich getroffen. Es sei aber offensichtlich, dass «kluge Leute» dahintersteckten. «Es ist crazy, wie gut alles organisiert ist», sagt sie. Sie habe den Eindruck, das Netzwerk habe ein besseres Vertriebsnetz als Zalando.

Die Kurierin C. erzählt, weshalb sie diesen Job macht.

Video: S. Ritter/ F. Naef

20 Minuten ist es gelungen, mit der «Täubchen» via Telegram zu kommunizieren. «Täubchen» gibt an, die Gründerin und Chefin des Netzwerkes zu sein. Sie sagt: «Wir sind das «Uber Eats» für Drogen.» Am Anfang habe sie selbstständig als Kurierin gearbeitet. Dann habe sie sich überlegt, was sie machen müsse, damit sie nicht mehr selber fahren müsse. «Am Anfang war es eine One Woman Show. Danach ist es über Telegram gewachsen», sagt sie.

«Täubchen» gibt an, die ursprüngliche Gründerin des Netzwerkes V. zu sein.

Video: S. Ritter/ F. Naef

Der Umsatz gehe jährlich «in die Millionen». 50 Kuriere - vornehmlich Frauen - seien engagiert. Bis auf den Vertrieb arbeiteten alle Beteiligten vom Ausland aus. Niemand kenne sich persönlich, der Kontakt bestehe nur über Telegram. Sie operiere aus dem Darknet heraus, um im Verborgenen zu bleiben. Auch über Whatsapp oder Telegram sei es möglich, vom Darknet aus zu operieren. Sie treffe alle Vorkehrungen, um nicht entdeckt zu werden.

Entschlüsselung «extrem aufwendig»

Doch warum wird das Drogen-Netzwerk nicht einfach lahmgelegt? «Die Ermittlungen im Darknet gestalten sich schwierig, da verschiedenste Spezialisten nötig sind, um dem Online-Drogenhandel Einhalt zu bieten», schreibt die Kantonspolizei St. Gallen. «Eine Seite wie Telegram zu entschlüsseln, ist extrem aufwendig», erklärt Judith Hödl von der Stadtpolizei Zürich. Denn ob dies überhaupt gemacht werden darf, entscheidet das Zwangsmassnahmengericht. «Nur wenn die zuständige Staatsanwaltschaft bei diesem Gericht einen Antrag einreicht und diesem stattgegeben wird, kann die Polizei besondere Informatikprogramme für die Entschlüsselung einsetzen.» Ob dies beim Netzwerk V. der Fall ist, ist nicht bekannt. Weder die Staatsanwaltschaft Zürich noch die Staatsanwaltschaft St. Gallen wollten sagen, ob ein Verfahren gegen V. hängig ist.

Cyberkriminalität in der Schweiz

Seit 2018 gibt es das Netzwerk digitale Ermittlungsunterstützung Internetkriminalität (NEDIK). Ziel ist es, dass die Spezialisten-Ressourcen der einzelnen Kantone gebündelt werden sollen. «Die Schwierigkeit von Internetkriminalität ist durch verschiedene Charakteristika gekennzeichnet: Das Internet bietet transnationale Aktionsmöglichkeiten», erklärt Tamara Schmid, NEDIK-Analytikerin. «Das heisst, theoretisch kann eine kriminelle Tat von überall der Welt ausgeführt werden. Die Anonymität des Täters spielt eine zentrale Rolle, da eine hohe Verschleierungsmöglichkeit der eigenen Identität möglich ist. Zudem ist das Internet schnell, komplex und durch hohe Veränderungsfreudigkeit gekennzeichnet.» Die Strafverfolgung sei daher abhängig von der Bereitschaft der jeweiligen Länder, Daten und Informationen bereitzustellen. Die Europaratskonvention über die Cyberkriminalität hat bereits eine Lücke geschlossen und den Austausch im Bereich der digitalen Kriminalität massiv verbessert. «Eine weitere Schwierigkeit betrifft Social Media: Oftmals reicht eine Handynummer oder eine E-Mail-Adresse für eine Registrierung aus. Die Person dahinter ausfindig zu machen, ist extrem komplex.»

Insta als rechtsfreier Raum

Doch wie sieht es bei Drogenverkäufen auf Insta, Snapchat und Co. aus? «Jeder private Computer, mit dem im Internet gesurft wird, verfügt über eine IP-Adresse», erklärt Marcel Dobler, FDP-Nationalrat und Vize-Präsident von DigitalSwitzerland, dem Dachverband der digitalen Wirtschaft. «Angenommen, jemand verkauft über Instagram Drogen, muss die Strafverfolgung zuerst beim Instagramkonzern seine Daten erfragen, zum Beispiel, welche IP-Adresse auf dieses Profil zugegriffen hat.»

Ausserdem wechseln die meisten IP-Adressen sporadisch: «Die Provider, also z.B. Swisscom, verfügen über eine Bandbreite von Adressen, die sie bei einer neuen Verbindung mit einem User vergeben.» Sprich, in einem zweiten Schritt muss die Strafverfolgungsbehörde beim zuständigen Provider abklären, wer wann eine bestimmte IP-Adresse benutzt hat. «Eine Privatperson findet man noch schnell, aber wenn von einem Geschäftscomputer auf die Instagram-Seite zugegriffen wurde, ist es schwierig herauszufinden, wer es war.»

Stand jetzt sei Social Media ohne Sitz in der Schweiz praktisch ein rechtsfreier Raum, da aufgrund der Gesetzeslage kaum ein Drogenverkäufer gefunden werden kann. «Die Strafverfolgung ist abhängig von der Bereitschaft der grossen Techgiganten, Daten zu liefern.» Zurzeit arbeitet der Bundesrat an einem Gesetzesentwurf, der genau dieses Problem beheben soll.

Das Netzwerk zur digitalen Ermittlungsunterstützung Internetkriminalität erläutert folgendermassen, weshalb die Identifikation von Dealern so anspruchsvoll ist: «Die Täterschaft versteckt sich oftmals hinter ihren Social Media-Profilen und gibt auch hier meistens gefälschte Registrationsdaten an. Sollten die Log-Daten von zum Beispiel Instagram herausgegeben werden, sieht man, dass die Täterschaft ihre IP Adressen mit einem Proxy-Server oder durch eine VPN-Verbindung verschleiert.» Auch fände Kommunikation oft über anonyme Messenger-Dienste statt, um die Herkunft zu verbergen. «Trotzdem ist es den Schweizer Strafverfolgungsbehörden möglich unter diesen erschwerten Bedingungen, Täterschaften international zu identifizieren und zu verhaften.»

Rückverfolgung im Darknet noch schwieriger

Noch schwierigier wird es, wenn aus dem Darknet agiert wird. Hernâni Marques vom Chaos Computer Club, einer Vereinigung von Hackern und Netzpolitik-Experten, erklärt: «Ins Darknet kommt man nur mit einer speziellen Software, die zum Beispiel verschlüsselten Zugang zum Tor-Netzwerk gewährt. Die Rückverfolgung ist schwierig und sehr teuer, da die Verbindung durch mehrere Länder geleitet wird.» Marques vergleicht das Netzwerk mit einem Wald: «Man sieht, wer reingeht, aber nicht, welchen Weg er nimmt. Dann gibt es Exitpunkte, wo sichtbar ist, dass Leute rausgehen. Aber durch die Verschlüsselung ist nicht klar, wer den Wald verlässt.»

«Der Drogenhandel online ist ein Fass ohne Boden»

Und auch wenn die Seite gesperrt werden würde: «Der Drogenhandel online ist ein Fass ohne Boden. Erst wurden Substanzen im üblichen Internet verkauft, dann auf dem Darknet, heute auch noch über soziale Medien. Der Drogenmarkt, wie viele andere Bereiche, digitalisiert sich immer mehr», sagt Frank Zobel, Vize-Direktor von Sucht Schweiz. Umso wichtiger sei es, dass Jugendliche die Mittel erhalten, um mit solchen Seiten umzugehen. So können Jugendliche geschützt werden. «Im Bereich der Prävention wollen wir Jugendliche stärken, damit sie selber die richtigen Entscheidungen treffen können, um ihre Gesundheit zu schützen.»

Kurierin von Netzwerk V.

Drogenkurierin verurteilt

Erst kürzlich aber wurde eine Kurierin, die für das Drogen-Netzwerk V. in Zürich Kokain abliefern wollte, zu 20 Monaten Gefängnis bedingt verurteilt und für sieben Jahre des Landes verwiesen, wie der Tagesanzeiger berichtete. Ihr Anwalt, Stefan Ioli, sagt gegenüber 20 Minuten: «Meine Klientin hat mir und vor Gericht glaubhaft berichtet, dass man in dieser Position mit niemandem direkten Kontakt hat.»

Hast du oder hat jemand, den du kennst, ein Problem mit illegalen Drogen?

Hier findest du Hilfe:

Sucht Schweiz, Tel. 0800 104 104

Safezone.ch, Onlineberatung

Feel-ok, Informationen für Jugendliche

Infodrog, Informationen und Substanzwarnungen

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