Obergericht Zürich: WC-Besuch kostet Künstler 10'000 Franken
Aktualisiert

Obergericht ZürichWC-Besuch kostet Künstler 10'000 Franken

Ein Künstler ging in einer besetzten Liegenschaft auf die Toilette. Das kostet ihn jetzt 10'000 Franken, obwohl er vor Obergericht seine Unschuld beteuerte.

von
A. Szenogrady
1 / 6
Transparente hingen im Juli 2014 an diesem Gebäude neben dem Radio-Studio in Zürich.

Transparente hingen im Juli 2014 an diesem Gebäude neben dem Radio-Studio in Zürich.

som
Laut einer Nachbarin hausten hier viele Besetzer.

Laut einer Nachbarin hausten hier viele Besetzer.

som
Das beunruhigt die Nachbarin: «Wer weiss, was die Besetzer noch alles anstellen.»

Das beunruhigt die Nachbarin: «Wer weiss, was die Besetzer noch alles anstellen.»

som

«Ich habe nicht realisiert, dass das Haus besetzt war», erinnerte sich der heute 27-jährige Beschuldigte am Freitag vor Obergericht an den Sommer 2014 zurück. Zudem habe er sich nur zehn Minuten in der Liegenschaft aufgehalten und habe nach einem Drink lediglich das WC benutzt. Er sei unschuldig. Anders sah es die Staatanwaltschaft, welche dem Schweizer Künstler Hausfriedensbruch anlastete.

Unbestritten war, dass sich der Beschuldigte im früheren Bürogebäude des Schweizer Radios an der Wehntalerstrasse 79 aufgehalten hatte. So hatte die Polizei bei der Räumung der Liegenschaft gleich mehrere DNA-Spuren des Ex-Gymnasiasten sichergestellt. So an einer Coca Cola-Dose, an einem Glas sowie am WC-Spühlkasten.

Kunststudenten waren Hausbesetzer

Der so ermittelte Mann gab an, dass er bei den Personen in der fraglichen Liegenschaft von «legal eingemieteten Kunststudenten» ausgegangen sei. Auch vor Obergericht beteuerte er seine Unschuld. Er habe damals nicht erkannt, dass es sich in Wahrheit um Hausbesetzer gehandelt habe. Sein Verteidiger verlangte deshalb wegen eines Sachverhalt-Irrtums eines unwissenden Besuchers einen umfassenden Freispruch.

Die Oberrichter kauften dem Beschuldigten die Geschichte nicht ab. Der Gerichtsvorsitzende Daniel Bussmann stellte dabei vor allem eine verräterische Vorstrafe des Künstlers in den Vordergrund. So wurde der im Kanton Aargau aufgewachsene Mann bereits im Januar 2014 von der Staatanwaltschaft Zürich-Sihl wegen Hausfriedensbruchs sowie Sachbeschädigung zu einer bedingten Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu 30 Franken verurteilt.

«Der gebildete Beschuldigte hatte damit einschlägige Erfahrungen mit Hausbesetzern», führte Bussmann aus. Er habe deshalb nicht darauf vertrauen können, dass diesmal alles legal sei.

Es wird teuer…

Obwohl das Obergericht aufgrund des zeitlich kurzen Aufenthaltes im Haus von einem leichten Verschulden ausging, bestätigte es ein erstinstanzliches Urteil des Bezirksgerichts Zürich umfassend. Damit wurde der Beschuldigte wegen Hausfriedensbruchs zu einer bedingten Geldstrafe von 45 Tagessätzen zu 30 Franken, also 1350 Franken auf Bewährung verurteilt.

Damit wird es für den unfreiwilligen Hausbesetzer sehr teuer. So widerriefen auch die Oberrichter die Vorstrafe von 1800 Franken. Hinzu kommen die bisher aufgelaufenen Gerichtskosten von rund 6600 Franken. Nicht zuletzt kostet auch sein erbetener Verteidiger eine Stange Geld. Womit ihn der kurze WC-Besuch rund 10'000 Franken kostet. Viel Geld für einen Künstler, der sich mit Gelegenheitsjobs für 1000 Franken im Monat durchschlägt.

Deine Meinung