Aktualisiert 17.03.2011 13:52

Standortvorteil Fleiss

Weder fünf noch sechs Wochen Ferien für alle

Sechs Wochen Ferien für alle: Davon will der Nationalrat nichts wissen. Er empfiehlt die Initiative zur Ablehnung. «Wir sind ein fleissiges Volk», hiess es.

Die Initianten der Volksinitiative, der Gewerkschaftsdachverband Travail.Suisse, verlangen, dass alle Arbeitnehmenden Anspruch auf mindestens sechs Wochen Ferien im Jahr haben. Angesichts der stark gestiegenen Arbeitsbelastung seien vier Wochen nicht genug, argumentieren sie.

Die bürgerliche Mehrheit im Nationalrat findet dagegen, vier Wochen bezahlte Ferien genügten, die Initiative würde bloss den Werkplatz schwächen. Nach einer langen Debatte sprach sich der Nationalrat am Donnerstag mit 110 zu 61 Stimmen bei 3 Enthaltungen gegen die Initiative aus.

Auch nicht fünf Wochen

Chancenlos blieb auch der Vorschlag von Alec von Graffenried (Grüne/BE), dem Stimmvolk einen Gegenvorschlag mit fünf Wochen Ferien vorzulegen. «Ferien sind gut, mehr Ferien sind besser», konstatierte von Graffenried. Doch sechs Wochen seien übertrieben. Der Rat lehnte seinen Antrag indes mit 110 zu 64 Stimmen ab.

Zur Diskussion standen auch Vorschläge für kleinere gesetzliche Anpassungen. Am meisten Chancen hatte die Idee, Personen ab 50 Jahren einen Anspruch auf fünf Wochen Ferien zu gewähren. Auch dazu sagte der Rat aber am Ende Nein, mit 100 zu 72 Stimmen bei 2 Enthaltungen.

Leben um zu arbeiten?

Unterstützung erhielten die Initianten von der SP und den Grünen. «Wir leben nicht nur, um zu arbeiten», gab Paul Rechsteiner (SP/SG) zu bedenken. Die Arbeitszeiten in der Schweiz seien sehr hoch im internationalen Vergleich, die Produktivität sei stark gestiegen, das Burnout-Syndrom werde zur Volkskrankheit.

Susanne Leutenegger Oberholzer (SP/BL) stellte fest, die Arbeitswelt habe sich fundamental verändert. Stress am Arbeitsplatz sei ein gesundheitliches Risiko, immer mehr Arbeitnehmende litten darunter. Dies verursache hohe volkswirtschaftliche Kosten.

Leistungsfähiger dank mehr Ferien

Das Argument der Gegner, unter mehr Ferien würde der Werkplatz leiden, liessen die Befürworter nicht gelten: Die hohe Belastung wirke sich negativ auf die Leistungsfähigkeit aus, gab Louis Schelbert (Grüne/LU) zu bedenken. «Das ist nicht gut für die Menschen und nicht gut für die Betriebe.»

Es gehe um weit mehr als «sun, fun and nothing to do», betonte auch Marie-Thérèse Weber-Gobet (CSP/FR). Ferien seien wichtig für die Erholung und ermöglichten den Arbeitnehmenden, bis ins Pensionsalter leistungsfähig zu bleiben. Mit Luxus habe das nichts zu tun, lautete der Tenor auf der linken Seite des Rates.

Freiwillig statt staatlich verordnet

Die Gegner der Initiative bestreiten nicht, dass erholte Mitarbeitende besser arbeiten. Staatlich verordnete Ferien halten sie aber für falsch. Sie plädieren für sozialpartnerschaftlich ausgehandelte Lösungen oder freiwillige Grosszügigkeit. Ihr Arbeitgeber gebe den Mitarbeitenden zum Beispiel am Geburtstag frei, sagte Natalie Rickli (SVP/ZH).

Besonders die Unternehmer legten sich ins Zeug: Das Gewerbe könne sich sechs Wochen Ferien schlicht nicht leisten, erklärte Sylvia Flückiger-Bäni (SVP/AG). Und Peter Föhn (SVP/AG) versicherte, er würde seinen Mitarbeitenden mehr Ferien ja gönnen. Realistisch sei dies aber nicht. Die Initiative gehöre ins «Reich der Phantasten».

Fleiss als Standortvorteil

Die Popularität der Initiative zog niemand in Zweifel: «Wer hätte nicht gerne mehr Ferien?», fragte Thomas Weibel (glp/ZH). Auf den zweiten Blick vergehe aber die Euphorie, denn mehr Ferien bedeute höhere Lohnkosten.

Nicht umsonst stehe die Schweizer Wirtschaft gut da, gab Hansjörg Hassler (BDP/GR) zu bedenken. «Wir sind ein fleissiges Volk.» Die relativ hohe Arbeitszeit bringe der Schweiz einen Standortvorteil. Zudem habe er den Eindruck, dass der Stress gar nicht primär am Arbeitsplatz entstehe, sondern in der Freizeit.

Begonnen hatte die Debatte am Morgen des zweitletzten Sessionstages vor gelichteten Reihen - was manche zur Bemerkung veranlasste, auch die Ratsmitglieder hätten offensichtlich Ferien nötig. Mit der Volksinitiative der Gewerkschaften wird sich nun noch der Ständerat befassen. Der Bundesrat empfiehlt sie wie der Nationalrat zur Ablehnung. (sda)

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