Fertig lustig: Wef-Depression: Weisswein statt Champagner
Aktualisiert

Fertig lustigWef-Depression: Weisswein statt Champagner

Die Sonderwünsche der Entscheidungsträger am Weltwirtschafts-Forum in Davos sorgten in der Vergangenheit oft für weit mehr Aufsehen als die Podiumsdiskussionen. Doch inzwischen bescheiden sich auch die Weltpotentaten - oder versuchen es zumindest.

von
Marius Egger

Die Finanzkrise ist in der Hotellobby angekommen. Die Feier ist vorbei - und das ist wörtlich zu verstehen: «Die Anzahl Partys ist massiv geschrumpft», bestätigt Ernst Wyrsch, Direktor des Steigenberger Belvédère-Hotels. Ernste Minen statt arrogante Töne dominieren. Wyrsch belegt die Unlaune mit einer simplen Hochrechnug: Der Champagner-Konsum ist im Vergleich zum Vorjahr um 50 Prozent zurückgegangen, sagt Wyrsch. «Weisswein statt Champagner» lautet die neue Bescheidenheit.

Bereits zum zwölften Mal ist Wyrsch Gastgeber zahlreicher Staats- und Regierungschefs, Manager und Firmengründer. Keiner der Davoser Hoteliers hat mehr prominente Hände geschüttelt als der Aargauer Hoteldirektor. Heute sagt er: «Keine Frage: Es ist ein anderes Wef als in den vergangenen Jahren.»

«Hektischer, ernster, ratloser»

Die internationalen Entscheidungsträger seien in diesem Jahr «hektischer, ernster, ratloser, fragender und zuhörender» als dies in der Vergangenheit der Fall war. Sogar vor der Bettruhe macht die Finanzkrise nicht Halt. «Die Wef-Gäste gehen heute früher ins Bett als in der Vergangenheit», sagt Wyrsch.

Kaviar und 24-Stunden-Kaminfeuer

Wie sich die Zeiten geändert haben. Noch vor wenigen Jahren fuhr Fredy Bühler mit 10'000 Franken in der Tasche von Davos nach Zürich und retour, um für seine hochrangigen Gäste kurzfristig vier Kilogramm Spezialkaviar zu kaufen. Den Kaviar hat Bühler, Chef des Widenmoos Alpine Resorts, zwar bekommen, für eine Barzahlung reichte das zu dieser Zeit nicht aus. Als vertrauenswürdiger Kunde konnte er die fehlenden 6000 Franken jedoch nachliefern, wie er gegenüber 20 Minuten Online erzählt.

Für den kasachischen Präsidenten Nursultan Nasarbajew änderte Bühler auch schon die gesamte Inneneinrichtung eines 6000 Kubikmeter-Appartements. Sämtliche Böden mussten mit Teppich ausgelegt werden, weil Plattenböden nicht erwünscht waren. Die Vorhänge mussten ersetzt werden, das Cheminée durfte nur mit Buchenholz gefeuert werden und musste durchgehend brennen – Tag und Nacht. Bühler hatte für die Umsetzung der kasachischen Sonderwünsche knapp drei Tage Zeit - und das übers Wochenende.

Für Calamares nach Genua

Bühlers Sohn fuhr auch schon kurzfristig nach Genua, um am Abend frische Calamares auf die Teller der Mächtigen der Welt zu zaubern. Und für eine amerikanische Delegation räumte der Hoteldirektor schon einmal drei Spitalzimmer von Privatpatienten, um dort das 60 Mann umfassende Sicherheitspersonal unterbringen zu können.

Dass sich die solvente Klientel dafür jeweils erkenntlich zeigte, verschweigt Bühler nicht. «Noch spüren wir die Finanzkrise nicht», sagt Bühler. Vielleicht wird das bereits beim Trinkgeld spürbar sein.

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