Aktualisiert 04.01.2013 13:53

Analyse

Wegelin-Deal setzt den Finanzplatz Schweiz matt

Das Geständnis der Bank Wegelin öffnet den USA Tür und Tor für Angriffe auf den Schweizer Bankenplatz. CS, ZKB und Co. werden alles tun, um nicht auch vor einem US-Richter zu landen.

von
Lukas Hässig
Einst gefeierter Bankier und Redner: Wegelin-Teilhaber Konrad Hummler.

Einst gefeierter Bankier und Redner: Wegelin-Teilhaber Konrad Hummler.

Wegelin-Teilhaber Otto Bruderer wurde gestern kleinlaut. «Wegelin war sich bewusst, dass ihr Verhalten falsch war», gab der geschäftsführende Partner des ältesten Bankeninstituts der Schweiz am Donnerstag vor einem US-Richter zu.

Bruderer, der zusammen mit dem bekannten Konrad Hummler die Wegelin-Bank zuerst grossgemacht und dann in den Abgrund geführt hatte, legte vor dem zuständigen New Yorker Gericht ein Schuldeingeständnis ab, an dem es nichts zu deuteln gibt. Man habe jahrelang Konti von US-Steuerpflichtigen mit nicht deklarierten Geldern unterhalten - «im Wissen, dass Wegelin damit diesen Steuerpflichtigen beim Gesetzesbruch beistand».

Damit vollzogen die Wegelin-Partner Bruderer und Hummler eine 180-Grad-Volte. Noch vor einem Jahr gaben sie sich entschlossen, den USA bis zum bitteren Ende Paroli zu bieten. Man habe sich immer an Schweizer Gesetze gehalten und werde eine Anklage vor einem US-Gericht anfechten.

Stellvertretend für den Finanzplatz auf der US-Anklagebank

Davon ist nichts mehr übrig geblieben. Das Wegelin-Duo streckte am Donnerstag vollständig die Waffen und lieferte damit den USA den Schlüssel, um den Schweizer Bankgeheimnis-Tresor endgültig zu knacken.

Mit Bruderer stand nämlich nicht nur ein Individuum aus der Schweiz vor amerikanischen Gerichtsschranken, sondern der Wegelin-Banker sass stellvertretend für den ganzen helvetischen Finanzplatz auf der amerikanischen Anklagebank. Das geht aus der entscheidenden Passage von Bruderers Schuldeingeständnis hervor.

«Wegelin dachte, dass sie aus praktischen Gründen von einer Verfolgung in den USA verschont bleiben würde», sagte Bruderer, «weil Wegelin keine Ableger in Amerika hatte und weil sie dachte, sie würde in Übereinstimmung mit und nicht Verletzung von Schweizer Gesetz handeln.» Zudem erwähnte Bruderer, dass ein solches Verhalten in der Schweizer Bankenindustrie üblich gewesen sei.

Aktive und systematische Hilfe zur Steuerhinterziehung

Der Kern sind die letzten Worte: «Üblich in der Schweizer Bankenindustrie». Erstmals deklarierte damit ein angesehener und hochrangiger Schweizer Banker offiziell und unzweideutig vor einem US-Richter, was für ein Geschäft die helvetischen Finanzhäuser in der Vergangenheit mit ihren ausländischen Kunden betrieben: aktive und systematische Hilfe beim Hinterziehen von Steuern leisten.

Selbstverständlich blieb dem Wegelin-Banker nichts anderes übrig. Sonst wären er, sein Partner Hummler und die übrigen Wegelin-Chefs für immer und ewig Gejagte der Supermacht geblieben. Doch für das Land Schweiz und dessen Bankenplatz ist das Geständnis des Privatbankiers explosiv.

Das zeigt die unmittelbare Reaktion des zuständigen Staatsanwalts Preet Bharara, ein Star seiner Gilde. «Das heutige Schuldeingeständnis ist ein Wendepunkt in unseren Bemühungen, sowohl Private als auch Banken – wo immer sie auf der Welt sein mögen – zur Verantwortung zu ziehen, die mittels Gesetzesbrüchen dem US-Haushalt Milliarden von Steuer-Dollarn entziehen», jubilierte Bharara, und drohte sogleich: «Wir werden weitermachen, bis diese Praxis komplett eliminiert ist.»

Friss oder stirb

Der komplette Wegelin-Einbruch macht endgültig klar, dass der Arm der US-Justiz bis in die kleine Alpenrepublik reicht. Dem Finanzplatz und dessen Banken bleibt nach dem gestrigen Schuldspruch nur noch, die US-Bedingungen zu akzeptieren. Alles andere wäre Selbstmord.

Wie diese Konditionen aussehen können, lässt sich erahnen. Die seit Längerem im US-Visier stehenden Credit Suisse, Julius Bär, Zürcher und Basler Kantonalbank, ein paar Töchter von Auslandbanken sowie seit Neustem auch die Genfer Pictet werden sich wohl schuldig bekennen, eine Busse zahlen und geloben müssen, nie mehr US-Bürgern beim Steuerhinterziehen zu helfen.

Bern dürfte alle Daten offenlegen

Damit sind die Gelüste der Amerikaner aber noch längst nicht gestillt. Neben den individuellen Abkommen mit den betroffenen Banken fordern die USA nämlich weiterhin möglichst viele Namen von US-Steuersündern. Diese können sie nur von Bern erhalten.

Wenn nun Wegelin offiziell Steuerhinterziehung als Schweizer Bank-Geschäftspraxis anerkannt hat, dann stehen die Chancen für die Schweiz schlecht, sich gegen solche weitreichenden US-Forderungen zu stemmen.

So gesehen betrifft der Friedensdeal von Wegelin das ganze Land. Es könnte sein, dass mit dem gestrigen Schuldbekenntnis von Wegelin die Würfel gefallen sind, dass die Schweiz nochmals Tausende von US-Kunden verraten muss – die gleichen Kunden, die zuvor mit offenen Armen und gegen hohe Gebühren jahrelang umgarnt und geschröpft wurden.

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