Aktualisiert 07.12.2016 07:58

Jede dritte Lehrstelle offen

Wegen 10. Schuljahr fehlen Handwerker-Lehrlinge

Schulabgänger gehen lieber ins zehnte Schuljahr, als sich als Metzger oder Schreiner zu versuchen. Der Zürcher Bildungsrat will das nun ändern.

von
P. Michel
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Weil viele Schüler in der Hoffnung auf ihre Traumlehrstelle das zehnte Schuljahr besuchen, bleiben Stellen in handwerklichen Berufen (z. B. Schreiner) offen. Dieses Jahr konnten insgesamt 7000 Lehrstellen nicht besetzt werden – gleichzeitig meldeten sich 9000 Schüler für ein Brückenangebot an.

Weil viele Schüler in der Hoffnung auf ihre Traumlehrstelle das zehnte Schuljahr besuchen, bleiben Stellen in handwerklichen Berufen (z. B. Schreiner) offen. Dieses Jahr konnten insgesamt 7000 Lehrstellen nicht besetzt werden – gleichzeitig meldeten sich 9000 Schüler für ein Brückenangebot an.

Keystone/Guido Roeoesli
Der Zürcher Bildungsrat will dieses Missverhältnis aufheben, indem der Zugang zum zehnten Schuljahr begrenzt werden soll: Nur noch Schüler mit Bildungslücken sollen sich anmelden dürfen. Für Jugendliche, die noch reifen müssten, sei das Berufsvorbereitungs­jahr eine gute Sache, erklärt André Woodtli, Vorsteher des Amts für Jugend und Berufsberatung des Kantons Zürich, im «Migros-Magazin». Anderen Schülern hingegen würde der Einstieg in die ­Berufswelt mehr ­entsprechen, auch wenn sie nicht ihre Traum­stelle ­antreten könnten.

Der Zürcher Bildungsrat will dieses Missverhältnis aufheben, indem der Zugang zum zehnten Schuljahr begrenzt werden soll: Nur noch Schüler mit Bildungslücken sollen sich anmelden dürfen. Für Jugendliche, die noch reifen müssten, sei das Berufsvorbereitungs­jahr eine gute Sache, erklärt André Woodtli, Vorsteher des Amts für Jugend und Berufsberatung des Kantons Zürich, im «Migros-Magazin». Anderen Schülern hingegen würde der Einstieg in die ­Berufswelt mehr ­entsprechen, auch wenn sie nicht ihre Traum­stelle ­antreten könnten.

zVg
Urs Casty, Gründer und Geschäftsführer der Lehrstellenplattform Yousty.ch, führt die hohe Anzahl Jugendlicher in Brückenangeboten darauf zurück, dass sich viele Junge auf einen Traumberuf einschössen und von diesem nicht mehr abrückten. «Die Jugendlichen überschätzen ihre Fähigkeiten und haben neben ihrem Traumjob keinen Plan B.»

Urs Casty, Gründer und Geschäftsführer der Lehrstellenplattform Yousty.ch, führt die hohe Anzahl Jugendlicher in Brückenangeboten darauf zurück, dass sich viele Junge auf einen Traumberuf einschössen und von diesem nicht mehr abrückten. «Die Jugendlichen überschätzen ihre Fähigkeiten und haben neben ihrem Traumjob keinen Plan B.»

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73'000 Schüler haben diesen Herbst ihre Lehre begonnen und erfassen nun als Kaufleute im Büro Belege, fällen als Forstwarte Bäume oder fräsen als Polymechaniker hochpräzise Teile. Doch obwohl es dieses Jahr insgesamt mehr verfügbare Lehrstellen als Schüler gab und damit laut einer Schätzung des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) 7000 Lehrstellen unbesetzt blieben, meldeten sich trotzdem 9000 Schulabgänger für ein Berufsvorbereitungsjahr an.

Diese Schulabgänger fehlen den Betrieben des verarbeitenden Gewerbes – Metzger, Schreiner oder Bäcker-Konditoren: In diesen Branchen blieben 28 Prozent der Lehrstellen unbesetzt.

Der Kanton Zürich will nun dafür sorgen, dass ein Teil der Schüler, die in ein Brückenangebot wechseln wollen, stattdessen für eine Lehre in den handwerklichen Berufen motiviert werden. Dazu will er den Zugang zum zehnten Schuljahr nur noch für Jugendliche mit Bildungslücken ermöglichen.

«Zweite oder dritte Wahl ist zumutbar»

Im Blick hat der Zürcher Bildungsrat mit diesem Vorschlag auch jene Gruppe Schüler, die es vorzieht, noch eine Warteschlaufe im zehnten Schuljahr einzulegen, statt sich für eine noch offene Lehrstelle zu bewerben.

Für Jugendliche, die noch reifen müssten, sei das Berufsvorbereitungs­jahr eine gute Sache, erklärt André Woodtli, Vorsteher des Amts für Jugend und Berufsberatung des Kantons Zürich, im «Migros-Magazin». Anderen Schülern hingegen würde der Einstieg in die ­Berufswelt laut Woodtli mehr ­entsprechen, auch wenn sie nicht ihre Traum­stelle ­antreten könnten. Auch die zweite und dritte Wahl sei zumutbar, sagt Woodtli, «vor allem in unserem Bildungssystem, das ­viele verschiedene Ausbildungs­wege ermöglicht».

Eltern sehen zehntes Schuljahr als Chancen-Optimierung

Auf Anfrage präzisiert Woodtli: «Die Lehre ist als erster Schritt ins Berufsleben zu verstehen, auf den noch viele weitere Schritte bis zum endgültigen Beruf – sofern es diesen überhaupt gibt – führen. Genauso wichtig wie was man macht, ist also dass man etwas macht.»

Auch Jürg Schweri, Professor am Eidgenössischen Hochschulinstitut für Berufsbildung, stellt fest, dass noch viele Schüler, Eltern und Lehrmeister das zehnte Schuljahr als eine Zusatzausbildung, die bessere Chance auf die Wunschlehre ermöglichen soll, ansehen. «Brückenangebote sind für einen kleinen Prozentsatz Schüler konzipiert, die zum Beispiel aus schulischen, sozialen oder sprachlichen Gründen noch nicht bereit sind für eine Lehre. Sie sind nicht dazu da, die Chancen auf eine Traumlehrstelle zu erhöhen.»

Urs Casty, Gründer und Geschäftsführer der Lehrstellenplattform​ Yousty.ch, führt die hohe Anzahl Jugendlicher in Brückenangeboten darauf zurück, dass sich viele Junge auf einen Traumberuf einschiessen und von diesem nicht mehr abrücken. «Die Jugendlichen überschätzen ihre Fähigkeiten und haben neben ihrem Traumjob keinen Plan B.» Ein weiterer Grund ist laut Casty, dass viele Eltern für ihre Kinder genaue Berufsfelder vorsehen: «Eine Abweichung ist da vielfach nicht vorgesehen.»

«Schule muss früher Druck machen»

Casty begrüsst daher eine Begrenzung zu Brückenangeboten wie dem zehnten Schuljahr – zusammen mit weiteren Massnahmen könnten so offene Stellen im handwerklichen Bereich besetzt werden. «Die Schule, aber auch die Berufsberatung, muss früher Druck machen, damit die Jugendlichen nicht mehr unter allen Umständen an ihrem Traumberuf festhalten und auch andere Berufe, die in vielen Fällen gut passen könnten, in Betracht ziehen.»

Als eine Bevormundung bei der Lehrstellenwahl will André Woodtli die Massnahme nicht verstanden wissen: «Es soll niemand eine Ausbildung wählen, die seinem Naturell nicht entspricht und bei der er sich nicht wohl fühlt.» Aber es sei durchaus möglich, zum Beispiel mit einer Detailhandelslehre anzufangen und später ins Kaufmännische zu wechseln. Auch im Detailhandel erwerbe man viele soziale und fachliche Fähigkeiten, die einem bei einem späteren Branchenwechsel angerechnet würden.

Haben Sie eine Lehre gemacht, die auf den ersten Blick nicht Ihre Traumstelle war, und sind nun trotzdem zufrieden mit Ihrem Karriereverlauf? Melden Sie sich.

Wer könnte noch ein Brückenangebot nutzen?

Laut dem Zürcher Mittelschul- und Berufsbildungsamt dürften nur noch Schüler, die bei den Lernzielen des Lehrplans Defizite aufweisen, sich für ein Brückenangebot anmelden. Dazu gehören etwa Jugendliche, die keine zuverlässige Arbeitshaltung haben, die Berufswahl nicht realistisch einschätzen können oder noch zu wenig Kenntnisse in Deutsch oder Mathematik vorweisen.

Das sagen die betroffenen Branchen

In den betroffenen Berufsfeldern stösst der Vorschlag des Zürcher Bildungsrates auf gemischte Reaktionen. Elias Welti, Sprecher des Schweizerischen Fleischfachverbands, findet den Vorschlag prüfenswert: «Wir begrüssen jede Massnahme, die Berufe unserer Branche bei Jungen bekannter zu machen.» Mit einer Beschränkung des Zugangs zum zehnten Schuljahr glaubt Welti, dass «wir noch einige Schulabgänger, die auf die Traumlehrstelle im KV warten, für den Beruf des Fleischfachmanns gewinnen können».

Zurückhaltender tönt es beim Berufsverband der Bäcker und Confiseure, bei denen ebenfalls viele Lehrstellen unbesetzt blieben. Vizedirektor Urs Wellauer sagt: «Wir führen den Lehrstellenüberschuss in unserer Branche eher auf die geburtenschwachen Jahrgänge als auf eine zu starke Teilnahme am zehnten Schuljahr zurück.» Zwar könne die Beschränkung des Brückenangebots ein Teil einer Lösung sein.

«Aber die meisten Betriebe verzichten auf die Besetzung einer Lehrstelle, weil die Leistungen der Bewerbenden nicht dem Jobprofil entsprechen», sagt Wellauer mit Blick auf die Lehre mit eidgenössischem Fähigkeitszeugnis. Damit die Massnahme überhaupt Wirkung entfalten könne, müssten die Schüler, die sonst ins zehnte Schuljahr gingen, schulisch auf der Höhe sein. «Es stellt sich die Frage, ob diese Kandidaten den Anforderungen unserer Branche gewachsen wären.»

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