20.07.2020 02:59

Abgelenkte AutofahrerMassenkontrollen sollen Verkehrstote verhindern

Durch unaufmerksame und abgelenkte Fahrzeuglenker verlieren jährlich 51 Personen ihr Leben. Um die Unfallzahlen zu senken, empfiehlt die Beratungsstelle für Unfallverhütung mehr Polizeikontrollen.

von
Daniel Krähenbühl, Pascal Michel
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Am Steuer Kleider an- oder ausziehen, sich schminken, einen Podcast hören, eine Nachricht schreiben, telefonieren – und deswegen einen Unfall bauen: Zahlreiche  Verkehrsteilnehmer verunfallen auf Schweizer Strassen, weil sie abgelenkt sind.

Am Steuer Kleider an- oder ausziehen, sich schminken, einen Podcast hören, eine Nachricht schreiben, telefonieren – und deswegen einen Unfall bauen: Zahlreiche Verkehrsteilnehmer verunfallen auf Schweizer Strassen, weil sie abgelenkt sind.

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836 Personen verunfallen jedes Jahr schwer. Rund 51 Personen von ihnen verlieren dabei ihr Leben.

836 Personen verunfallen jedes Jahr schwer. Rund 51 Personen von ihnen verlieren dabei ihr Leben.

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Besonders anfällig für Ablenkungen sind demnach Junglenkerinnen und Junglenker: Bei jedem dritten schweren Unfall der 18- bis 24-jährigen Auto- und Motorradlenker war Unaufmerksamkeit die Ursache.

Besonders anfällig für Ablenkungen sind demnach Junglenkerinnen und Junglenker: Bei jedem dritten schweren Unfall der 18- bis 24-jährigen Auto- und Motorradlenker war Unaufmerksamkeit die Ursache.

bfu

Darum gehts

  • Jedes Jahr verunfallen Hunderte Personen aufgrund von abgelenkten und unaufmerksamen Verkehrsteilnehmern.
  • Besonders anfällig für Ablenkungen sind Junglenker.
  • Die Beratungsstelle für Unfallverhütung empfiehlt jetzt eine «Steigerung der Kontrolldichte» betreffend Mobiltelefonnutzung.
  • Experten sind sich uneinig, ob mehr Polizeikontrollen der richtige Weg zur Reduktion der Unfallzahlen sind.

Am Steuer Kleider an- oder ausziehen, sich schminken, einen Podcast hören, eine Nachricht schreiben, telefonieren – und deswegen einen Unfall bauen: Wegen unaufmerksamen oder abgelenkten Verkehrsteilnehmern verunfallen auf Schweizer Strassen jährlich rund 836 Personen schwer. Rund 51 Personen von ihnen verlieren dabei ihr Leben. Die Beratungsstelle für Unfallverhütung BFU hält in einer neuen Studie fest, dass bei einem Viertel aller Unfälle mit Todesfolge Unaufmerksamkeit im Spiel ist.

Besonders anfällig für Ablenkungen sind demnach Junglenkerinnen und Junglenker: Bei jedem dritten schweren Unfall der 18- bis 24-jährigen Auto- und Motorradlenker war Unaufmerksamkeit die Ursache.

«Aufgrund der hohen Relevanz von Unaufmerksamkeit und Ablenkung bei Motorfahrzeuglenkenden sind Massnahmen angezeigt», schreibt die BFU. Die Beratungsstelle empfiehlt deshalb unter anderem eine «Steigerung der Kontrolldichte» betreffend Mobiltelefonnutzung und mehr öffentlichkeitswirksame Polizeikontrollen, um die Kontrollerwartung zu erhöhen. Die abschreckende Wirkung eines möglichen Führerausweisentzugs anlässlich einer Polizeikontrolle habe einen präventiven Effekt und gelte daher als «sehr bedeutsame Massnahme».

Telefonieren und tagträumen

Die Forscher zeigen auf, welche Tätigkeiten am Steuer am häufigsten zu einer verminderten Konzentrationsfähigkeit führen und das Risiko für einen Unfall steigern: «Nutzung des Mobiltelefons, das Anschauen von Menschen, Objekten oder Werbung ausserhalb des Fahrzeugs und das Ergreifen oder Weglegen von Objekten im Fahrzeug.» Aber auch Gespräche mit anderen Passagieren, «konzentriertes Hören von Musik oder eines Hörbuchs», Körperpflege, «internale Stimuli» – also Tagträumen – sowie Telefonieren mit einer Freisprechanlage stellten risikobehaftete Ablenkungsquellen dar.

Gerade die Benutzung des Mobiltelefons im Fahrzeug sei eine grosse Ablenkungsquelle, weil es mehrere Ressourcen gleichzeitig beanspruche, schreiben die BFU-Experten. So muss beim Schreiben einer Nachricht der Blick von der Strasse auf das Handy gerichtet werden, der Lenker muss das Handy in der Hand halten und tippen und sich währenddessen auf das Schreiben der Mitteilung konzentrieren.

«Man muss etwas dagegen unternehmen»

Wegen unaufmerksamen oder abgelenkten Fahrzeuglenkenden komme es noch immer zu viel zu vielen Unfällen und Opfern, sagt Ruedi Blumer, St. Galler SP-Kantonsrat und Präsident des Verkehrs-Clubs der Schweiz (VCS). «Wenn ich Leute sehe, die während des Autofahrens am Handy sind, habe ich gar kein gutes Gefühl. Ich stimme zu, dass man etwas dagegen unternehmen muss.»

Polizeikontrollen seien ein probates Mittel, um solche Personen aus dem Verkehr zu ziehen. Wer erwischt werde, müsse dann mit den Konsequenzen leben: Einer Busse, dem Führerausweisentzug oder der Teilnahme an einem Schulungskurs. Blumer: «Durch diese Massnahmen wäre der Sicherheit aller gedient.»

«Alle unter Generalverdacht»

Für Thomas Hurter, SVP-Nationalrat und Präsident des Automobil-Clubs der Schweiz (ACS), sind zusätzliche Polizeikontrollen hingegen «nicht verhältnismässig»: «So stellt man alle Verkehrsteilnehmer zu Unrecht unter Generalverdacht.» Bei der Sicherheit im Strassenverkehr existiere ein Dreiklang von Regeln mit gelegentlichen Kontrollen, Eigenverantwortung sowie Prävention mit Kampagnen. Diese müssten in Balance zueinander stehen.

Jeder Unfall und jeder Todesfall sei einer zu viel, aber die Sicherheit im Schweizer Strassenverkehr habe in den letzten Jahren stets zugenommen. «Und nicht, weil die Polizei mehr Kontrollen durchgeführt hat, sondern durch Prävention, den Appell an die Eigenverantwortung der Lenker und durch die technologische Entwicklung mit ihren zahlreichen Assistenzsystemen.»

Das BFU-Massnahmenpaket

Neben einer Steigerung der Kontrolldichte und öffentlichkeitswirksameren Polizeikontrollen empfiehlt die Beratungsstelle für Unfallverhütung folgende Massnahmen, um unaufmerksamkeits- und ablenkungsbedingte Unfälle zu reduzieren:

  1. Globales Telefonierverbot (inkl. Freisprechanlage).
  2. Präventionsorientierte Gestaltung von Polizeikontrollen zur Nutzung von Mobiltelefon am Steuer; Kontrolldichte erhöhen und Kontrollen medial begleiten.
  3. Einführung einer Passagierrestriktion für junge Neulenkende in der Probephase bezüglich dem Mitführen von Passagieren im Jugend- und jungen Erwachsenenalter.
  4. Adäquate Thematisierung von Unaufmerksamkeit und Ablenkung im Rahmen der Fahrausbildung.
  5. Sensibilisierung von Arbeitgebern zur Vermeidung geschäftlicher Telefonate am Steuer.
  6. Breite Kommunikationskampagnen zum Thema Unaufmerksamkeit und Ablenkung am Steuer.
  7. Bekanntmachung der Rechtssituation im Bereich der Ablenkung am Steuer in der Schweiz.
  8. Sensibilisierung junger PW-Passagiere auf den Einfluss, den sie auf das Unfallrisiko nehmen können.
  9. Anbringen von eingefrästen Rüttelstreifen (rumble strips) auf gefährlichen Strassenabschnitten.
  10. Reduktion der Wahrscheinlichkeit von Kollisionen und schweren Verletzungen durch Gestaltung der Strassenumgebung.
  11. Anbringen von Leitschranken und Anpralldämpfern bei nicht entfernbaren Gefahrenstellen.
  12. Optimierung der Mensch-Maschine-Schnittstelle im Fahrzeug (maximale Bedienungsfreundlichkeit mit minimaler Ablenkungsgefahr).
  13. Übernahme der EU-Vorgaben bez. Ablenkungswarnsystemen, Notfall-Spurhalteassistenten und Notbremsassistenten für verschiedene Motorfahrzeugtypen.
  14. Förderung von Fahrerassistenzsystemen zur Minderung der Ablenkung am Steuer oder deren Folgen (insbesondere Ablenkungswarner, Notbrems- und Notfall-Spurhalteassistenten) durch kommunikative Aktivitäten, Beratungen und/oder Anreizsysteme.
  15. Förderung von technischen Lösungen, um die Handynutzung am Steuer zu reduzieren oder zu verhindern (z. B. Smartphone-Apps).
  16. Ergänzung der Fördermassnahmen für Ablenkungswarnsysteme oder andere Fahrerassistenzsysteme mit Sensibilisierungsmassnahmen zur Prävention von unerwünschten Nebeneffekten (z. B. Übervertrauen, Missbrauch).

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254 Kommentare
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Abwählerin

21.07.2020, 09:44

Bedenklich, was die SP mit ACS alles an Überwachung und Bevormundung unternimmt, damit auch der Letzte Bürger das Denken aufgibt. In so einer Gesellschaft will ich nicht leben wollen, wo wegen 0.001% die 99.009% massivst schulmeisterlich bevormundet werden. Daher sind diese Schreihälse einfach nicht zu wählen, bzw. schleunigst abzuwählen.

NEX

21.07.2020, 08:47

Diese "abschreckende Wirkung" der Kontrollen wirkt ja auch in anderen Bereichen so gut gell? Bei den Drogen und den Rasen wird genauso auf "abschreckene Wirkung" der Kontrollen plädiert und deshalb nimmt kein Mensch auf dieser Welt mehr Drogen und fährt zu schnell gell? Diese "abschreckende Wirkung" scheint ja suuuper zu funktionieren...

Techniker

21.07.2020, 07:50

Schuld ist auch der ganze Bildschirm und damit Menue Wahnsinn in den neuen Autos. Statt 5 Knöpfe die mit dem Tastsinn bedienbar sind, Touch Funktionen + Menue Strukturen ohne Ende. Das geht nicht ohne hinschauen (auch mit 1 Knopf Bedienung), damit Blick von der Strasse und gleichzeitig hohem Zeitbedarf für Erfassung + Bedienung.