10.09.2020 02:57

Nach der Lehre«Wegen Corona habe ich nach der Lehre keine Stelle bekommen»

Viele Lehrabgänger hatten vor der Krise die Aussicht, im Lehrbetrieb weiterzuarbeiten. Aufgrund der Krise geht das vielerorts nicht mehr. Vier Arbeitssuchende erzählen.

von
Daniel Graf
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Die Corona-Krise trifft die Unternehmen, die deshalb oft ihre Lehrlinge nicht weiterbeschäftigen können. 

Die Corona-Krise trifft die Unternehmen, die deshalb oft ihre Lehrlinge nicht weiterbeschäftigen können.

iStockphoto 
Vier betroffene Lehrabgänger erzählen, wie hart die Jobsuche für sie derzeit ist: Die 21-jährige Céline Devittori hat die Lehre im Detailhandel gemacht. 

Vier betroffene Lehrabgänger erzählen, wie hart die Jobsuche für sie derzeit ist: Die 21-jährige Céline Devittori hat die Lehre im Detailhandel gemacht.

«Im Juni wurde uns Lehrlingen mitgeteilt, dass wir aufgrund von Corona nicht weiterbeschäftigt werden», sagt der 20-jährige Logistiker EFZ Angel Luis Rua Thierrin.

«Im Juni wurde uns Lehrlingen mitgeteilt, dass wir aufgrund von Corona nicht weiterbeschäftigt werden», sagt der 20-jährige Logistiker EFZ Angel Luis Rua Thierrin.

Darum gehts

  • Die Corona-Krise trifft die Wirtschaft hart, die Arbeitslosigkeit steigt.
  • Insbesondere die Jugendarbeitslosigkeit ist seit März explodiert.
  • Ein Grund dafür sind Lehrabgänger, die keine Stelle finden.
  • Vier von ihnen erzählen, wie die Krise sie ihren Job kostete.

Die Jugendarbeitslosigkeit ist im August erneut angestiegen. Mehr als 20’000 Menschen zwischen 15 und 24 Jahren hatten Ende August keinen Job. Viele von ihnen haben dieses Jahr die Lehre abgeschlossen und damit gerechnet, im Anschluss eine Festanstellung im Ausbildungsbetrieb zu erhalten. Weil die Unternehmen aber unter der Corona-Krise leiden und sparen müssen, fiel diese Option für viele weg. Vier Betroffene erzählen, wie hart es derzeit ist, als Lehrabgänger eine Stelle zu finden.

Céline Devittori, 21

Céline Devittori wurde die Möglichkeit auf eine Festanstellung im Detailhandel wegen Corona gestrichen. 

Céline Devittori wurde die Möglichkeit auf eine Festanstellung im Detailhandel wegen Corona gestrichen.

Privat

«Während meiner zweijährigen Detailhandelslehre in der Textilbranche war klar, dass ich nach der Lehre eine Festanstellung bekommen würde. Dann kam die Krise, unser Geschäft musste zwei Monate schliessen, und der Konzern entliess 600 Mitarbeiter. Ich machte einen guten Abschluss, die Möglichkeit auf eine Festanstellung wurde aber ebenfalls gestrichen. Seither habe ich 20 bis 30 Bewerbungen geschrieben, meist kommt es aber nicht einmal zu einem Vorstellungsgespräch. Auch das RAV ist überfordert, ich habe noch kein Geld bekommen, und die 80 Prozent, die ich erhalten würde, würden auch nicht ausreichen, um meine Rechnungen zu bezahlen. Ich verliere langsam die Hoffnung und würde mir wünschen, dass ich wenigstens einmal Probe arbeiten gehen könnte, um zu beweisen, dass ich gut bin in meinem Job. Dass ich auch beim Branchenverband nach offenen Stellen hätte fragen können, wusste ich bisher nicht.»

Angel Luis Rua Thierrin, 20

«Im Juni wurde uns Lehrlingen mitgeteilt, dass wir aufgrund von Corona nicht weiterbeschäftigt werden», sagt Angel Luis Rua Thierrin.

«Im Juni wurde uns Lehrlingen mitgeteilt, dass wir aufgrund von Corona nicht weiterbeschäftigt werden», sagt Angel Luis Rua Thierrin.

Privat

«Ich habe meine Lehre als Logistiker EFZ mit der Abschlussnote 5 bestanden. Im Juni wurde allen Lehrlingen mitgeteilt, dass wir aufgrund von Corona und finanziellen Engpässen nicht weiterbeschäftigt werden. Für mich war das nicht so schlimm, da ich mich nach einem Staplerunfall im April sowieso neu orientieren wollte. Aber für einen Kollegen, der die Lehre mit mir gemacht hatte, war das schon mühsam. Nun schaue ich mich nach Praktika oder einer Weiterbildung um, am liebsten würde ich in die Informatik oder die Medien gehen. Mit der Berufsberaterin, die mich jetzt unterstützt, bin ich sehr zufrieden. Allerdings hat es am Anfang sehr lange gedauert, bis die Beratung zustande gekommen ist. Da gäbe es sicher noch Verbesserungspotenzial.»

Aurora Vidili, 19

Für Aurora Vidili ist seit Mai klar, dass sie nicht im Lehrbetrieb weiterarbeiten kann. 

Für Aurora Vidili ist seit Mai klar, dass sie nicht im Lehrbetrieb weiterarbeiten kann.

Privat

«Ich habe das KV in der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (MEM) absolviert. Bereits im Frühling wurde die Mitarbeitersuche in meinem Betrieb aufgrund der schwierigen Lage in der Corona-Krise eingestellt. Seit Mai ist klar, dass ich nicht im Lehrbetrieb weiterarbeiten kann, deshalb bin ich seither auf Stellensuche. Ich schreibe nun intensiv Bewerbungen und bin bei verschiedenen Temporärbüros angemeldet, leider bisher ohne Erfolg. Viele Unternehmen in der MEM-Branche haben mit der Corona-Krise zu kämpfen. Bisher habe ich mir noch keine Unterstützung geholt, doch wenn es noch länger nicht klappen sollte mit einer neuen Stelle, würde ich mich wohl bei der Berufsberatung nach einer Weiterbildungsmöglichkeit erkundigen.»

Eduard Odai, 21

Eduard Odai ist seit Ende 2019 auf Stellensuche und hat schon über 100 Bewerbungen geschrieben. 

Eduard Odai ist seit Ende 2019 auf Stellensuche und hat schon über 100 Bewerbungen geschrieben.

Privat

«Ich habe eine KV-Lehre im Gesundheitsbereich und danach 2019 die RS absolviert. Seit dann bin ich auf Stellensuche und habe schon über 100 Bewerbungen geschrieben. Wenn ich überhaupt zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen werde, ist die Antwort meist die gleiche: Weil ich noch so jung bin und kaum Arbeitserfahrung habe, nehmen sie jemand anderen. Die Konkurrenz ist im KV natürlich sehr gross, und aufgrund der Corona-Krise gibt es nicht so viele Stellen wie in anderen Jahren. Die vielen Absagen sind natürlich frustrierend. Eigentlich wollte ich die höhere Fachhochschule absolvieren, doch dafür muss ich mindestens 50 Prozent arbeiten. Wenn es bis im Oktober nicht klappt, kann ich erst im Oktober 2021 eine höhere Fachschule beginnen.»

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