Wegen verschobener OPs – «Wegen Corona kann ich meinen Adamsapfel nicht wegoperieren lassen»
Aktualisiert

Wegen verschobener OPs«Wegen Corona kann ich meinen Adamsapfel nicht wegoperieren lassen»

Wegen der Corona-Pandemie wurden medizinische Behandlungen verschoben – auch OPs und Eingriffe von trans Menschen. Wieso das für Betroffene gravierende Folgen haben kann, erzählt eine Betroffene.

von
Gabriela Graber
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Zwei geschlechtsangleichende Operationen von Teja M. konnten bis heute nicht stattfinden. 

Zwei geschlechtsangleichende Operationen von Teja M. konnten bis heute nicht stattfinden.

Privat
Unter anderem muss sie deshalb noch mit ihrem Adamsapfel leben. 

Unter anderem muss sie deshalb noch mit ihrem Adamsapfel leben.

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Anfang 2020 traf sie schon erste Abklärungen für die OPs. Als die Pandemie dann begann, war von den Kliniken her plötzlich Funkstille. 

Anfang 2020 traf sie schon erste Abklärungen für die OPs. Als die Pandemie dann begann, war von den Kliniken her plötzlich Funkstille.

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Darum gehts

  • Wegen der Überlastung der Spitäler wurden zwei geschlechtsangleichende OPs von Teja M. (33) verschoben.

  • Ständig hat sie Angst, dass ihr Adamsapfel sie als trans outet.

  • Teja ist in ihrer Not nicht alleine: Der heute erschienene Abschlussbericht 2021 des Schweizer LGBTIQ+ Panels zeigt, dass 14 Prozent der geschlechtlichen Minderheiten sich während der Pandemie nicht behandeln oder operieren lassen konnten.

«Zwei meiner Operationen konnten wegen der Pandemie bis heute nicht stattfinden. Darum muss ich immer noch mit meinem Adampsapfel leben», so Teja M. (33) aus Baden. Für diese OP, die sogenannte Trachealrasur, und für eine Nasenkorrektur, habe die trans Frau schon Anfang 2020 erste Abklärungen getroffen. Als dann die Pandemie begann, sei von den Kliniken her plötzlich Funkstille gewesen. Sie habe angerufen, Mails geschrieben, doch die Antwort sei immer dieselbe gewesen: Ihre Akte sei wegen der aktuellen Lage nach hinten gerutscht, man könne ihr nicht helfen. «Ich verstehe, dass die Pandemie viel wichtiger ist als meine Nase. Doch die Priorität meiner OP schien gleich Null – und das tat weh.»

Rollkragenpullover, Schals oder Halsbänder

Tejas Leidensdruck habe zugenommen, als die Pandemie-Monate dahinzogen. «Meine Transition habe ich Ende 2019 begonnen. Zu Beginn fühlte ich mich, als wären an mir 1000 Baustellen, die alle bearbeitet werden müssten», so Teja. Mittlerweile habe sie einen langen und schweren Weg hinter sich und werde eindeutig als Frau gelesen. «Doch die Angst, wegen meines riesigen Adamsapfels geoutet zu werden, ist immer da.» Sie trage daher stets Rollkragenpullover, Schals oder Halsbänder. Im Ausgang nehme sie zusätzliche Bänder mit – für den Fall, dass eines kaputt gehen könnte. «Ich fühle mich sehr eingeschränkt.», erzählt Teja.

Über viele Monate hinweg habe Teja immer wieder in der Klinik angerufen, Druck gemacht und sei dann doch wieder vertröstet worden. «Jetzt gehe ich jedoch davon aus, dass es bald klappt. Mein Arzt hat erneut ein Schreiben an meine Krankenkasse geschickt – nun liegt es an der Krankenkasse, eine Kostengutsprache zu erteilen.» Ihr bleibe nichts anderes übrig, als zu warten. Abgesehen von dem psychischen Stress, den ihr Adamsapfel in ihr auslöse, gehe es ihr gut. «Zum Glück standen während dieser Zeit – und überhaupt während meiner Transition – meine Familie und Freund*innen alle hinter mir. Darüber bin ich extrem dankbar.»

«Es gibt trans Menschen, die bis zum Suizid übergehen»

Teja ist nicht allein in ihrem Leiden. Das zeigt der am Freitag publizierte Abschlussbericht 2021 des Schweizer LGBTIQ+ Panels, das jährlich die Situation von LGBTIQ+-Menschen in der Schweiz erfasst. «14 Prozent der geschlechtlichen Minderheiten, also trans, non-binäre und intergeschlechtliche Menschen, konnten sich während der Pandemie nicht behandeln oder operieren lassen», so Tabea Hässler, die den Bericht zusammen mit Léïla Eisner verfasste. Das sei fatal, denn bei diesen Eingriffen oder Behandlungen handle es sich nicht um Schönheits-OPs, sondern um Veränderungen, die einen grossen Einfluss auf die mentale Gesundheit der Betroffenen hätten. «Es gibt trans Menschen die sich überhaupt nicht mit ihrem Körper identifizieren können, was einen starken negativen Einfluss auf ihr Wohlbefinden haben kann. Zusammen mit anderen Faktoren, kann dies im schlimmsten Fall bis zum Suizid übergehen», so Hässler.

Auch aus anderen Gründen habe die Queer-Community stark unter der Pandemie gelitten. «Safe Spaces, also Orte, an denen sich LGBTIQ-Personen treffen können, sind weggefallen. Gerade für Leute in der verletzlichen Coming-Out-Phase ist es essentiell, dass sie Unterstützung von Gleichgesinnten erhalten», erklärt Hässler. Weiter seien während der Pandemie viele jüngere Queer-Menschen erneut bei der Familie eingezogen oder sie seien zuhause festgesteckt. «Wenn die Familie homo- oder trans- oder biphob ist, leiden die betroffenen Menschen sehr», so Hässler.

Sie plädiert dringend dafür, Anlaufstellen und Online-Angebote zu schaffen. «Ganz besonders für den Fall, dass es wieder zum Lockdown kommt.» Daneben sei Sensibilisierungsarbeit nötig, etwa, indem man bewusster mit Pronomen umgehe und diese erfrage, anstelle sie anzunehmen. Weiter hofft Hässler, dass zunehmend anerkannt wird, dass der Wunsch nach einer Geschlechtsangleichung real und nicht eine flüchtige Laune sei. «Oft ist ein schwieriger, leidvoller Prozess damit verbunden. Letztlich ist es unsere Aufgabe als Gesellschaft, diese verletzlichen Menschen zu schützen.»

LGBTIQ: Hast du Fragen oder Probleme?

Hier findest du Hilfe:

LGBT+ Helpline, Tel. 0800 133 133

Du-bist-du.ch, Beratung und Information

Lilli.ch, Information und Verzeichnis von Beratungsstellen

Milchjugend, Übersicht von Jugendgruppen

Elternberatung, Tel. 058 261 61 61

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Hast du oder hat jemand, den du kennst, Suizidgedanken? Oder hast du jemanden durch Suizid verloren?

Hier findest du Hilfe:

Pro Mente Sana, Tel. 0848 800 858

Seelsorge.net, Angebot der reformierten und katholischen Kirchen

Muslimische Seelsorge, Tel. 043 205 21 29

Angehörige.ch, Beratung und Anlaufstellen

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

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