Lockdown: «Wegen Corona wollen alle ein Tier adoptieren»
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Lockdown«Wegen Corona wollen alle ein Tier adoptieren»

Wegen des Coronavirus verbringen viele Leute mehr Zeit zuhause. Nun werden Tierschutzorganisationen und Tierheime mit Adoptionsanfragen überrannt.

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dk
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Tierschutzorganisationen und Tierheime werden momentan mit Adoptionsanfragen überrannt. «Wegen Corona wollen alle ein Tier adoptieren», sagt Esther Geisser, Präsidentin der Tierschutzorganisation Network for Animal Protection (NetAP)

Tierschutzorganisationen und Tierheime werden momentan mit Adoptionsanfragen überrannt. «Wegen Corona wollen alle ein Tier adoptieren», sagt Esther Geisser, Präsidentin der Tierschutzorganisation Network for Animal Protection (NetAP)

Keystone/Gaetan Bally
«Normalerweise würde ich mich über einen solchen Ansturm freuen», sagt Geisser. Jetzt jedoch wollten viele Tiere aus den falschen Gründen adoptieren.

«Normalerweise würde ich mich über einen solchen Ansturm freuen», sagt Geisser. Jetzt jedoch wollten viele Tiere aus den falschen Gründen adoptieren.

Keystone/Georgios Kefalas
«Entweder weil sie sich einsam fühlen, weil ihnen langweilig ist – oder weil sie das Gefühl haben, bei einer allfälligen Ausgangssperre dürfen sie nur noch mit dem Hund nach draussen – wie etwa in Spanien.»

«Entweder weil sie sich einsam fühlen, weil ihnen langweilig ist – oder weil sie das Gefühl haben, bei einer allfälligen Ausgangssperre dürfen sie nur noch mit dem Hund nach draussen – wie etwa in Spanien.»

Keystone/Ennio Leanza

Tierschutzorganisationen wie das Network for Animal Protection (NetAP) und Tierheime verzeichnen einen Boom bei den Adoptionsanfragen. «Seitdem sich das Leben für viele nur noch innerhalb der eigenen vier Wände abspielt, erhalten wir signifikant mehr Anfragen. Wegen Corona wollen alle ein Tier adoptieren», sagt Esther Geisser, Präsidentin von NetAP. Zurückzuführen sei dies unter anderem auf den vom Bundesrat beschlossenen Lockdown. Die Beweggründe für den plötzlichen Anstieg betrachtet sie aber kritisch.

«Normalerweise würde ich mich über einen solchen Ansturm freuen», sagt Geisser. Jetzt jedoch wollten viele Tiere aus den falschen Gründen adoptieren. «Entweder weil sie sich einsam fühlen, weil ihnen langweilig ist – oder weil sie das Gefühl haben, bei einer allfälligen Ausgangssperre dürfen sie nur noch mit dem Hund nach draussen – wie etwa in Spanien.»

Geisser warnt deshalb zukünftige Tierhalter, sich eine Adoption gründlich zu überlegen. «Spätestens wenn sich die Lage normalisiert und die Leute in die Sommerferien wollen, hat das Tier oft keinen Platz mehr im eigenen Leben. Das ist eine sehr gefährliche Entwicklung – und leiden tut dann das Tier.»

«Leute haben das Gefühl, sie müssen ein Tier adoptieren»

Auch im Zürcher Tierheim Strubeli wollen viel mehr Personen Tiere adoptieren als normalerweise, sagt Co-Leiterin Stefanie Fontana. «Wir haben extrem gemerkt, dass die Leute jetzt mehr Zeit haben und das Gefühl haben, sie müssen ein Tier adoptieren.»

Einige davon würden den Hund nur in Betracht ziehen, damit sie einen Grund zum spazieren hätten und von den Nachbarn nicht schräg angeschaut würden, sagt Fontana. Es gebe auch Anfragen, ob man ein Tier auch nur vorübergehend aufnehmen könne. «Gerade für Hunde ist es aber schlimm, wenn sie aus einem Haushalt herausgerissen werden und wieder zurück ins Tierheim kommen.»

Länger im Tierheim

Anfragen von Tierfreunden, die vorübergehend einen Hund bei sich aufnehmen wollten, habe es viele gegeben, sagt auch Jana Bauer vom Tierheim Pfötli. «Bei den Anfragen für einen Pflegeplatz wurde häufig genannt, dass man jetzt Zuhause sei und viel Zeit hätte.»

Jedoch könne man aufgrund der Schliessung des Tierheims für den Publikumsverkehr derzeit auch keine Tiere vermitteln. «Dies hat zur Folge, dass die Tiere länger im Tierheim bleiben und auf ein neues Zuhause warten müssen», sagt Bauer. «Umso mehr sind wir in dieser Zeit auf die finanzielle Unterstützung von Tierfreunden angewiesen.»

Adoption auf Zeit «nicht zu empfehlen»

Es sei positiv zu bewerten, dass Menschen auch in schwierigen Zeiten Tiere, die auf ein neues Zuhause warten nicht vergessen und ein Tier zu sich nehmen möchten, sagt Helene Sandmeier vom Schweizer Tierschutz STS. «Allerdings darf eine Tier-Adoption nie eine Spontanentscheidung sein.»

Auch ein Tier auf Zeit zu adoptieren mag gut gemeint sein, sagt Sandmeier. Eine gute Idee sei es deshalb aber nicht. «Zuerst raus aus dem Tierheim zu fremden Menschen, in eine neue, unbekannte Umgebung – und dann zurück ins Tierheim. Damit tut man dem Tier in aller Regel keinen Gefallen», sagt Sandmeier. Tiere seien keine Sachen. «Es geht nicht an, wenn man Zeit und vielleicht auch etwas Langeweile hat, sich ein Haustier zu holen – um es dann, wenn der Alltag wieder einkehrt, ‹nach Gebrauch› wieder zurückzugeben.»

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