17.11.2017 10:05

Prämien-Schulden

«Wegen der Krankenkasse leben wir in Armut»

Über 30'000 Personen zahlen ihre Krankenkassenprämien nicht mehr. Betroffene erzählen von den Gründen und Folgen.

von
dk
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Seit 2014 hat sich die Zahl der säumigen Prämienzahler mehr als vervierfacht. Waren es 2014 noch 7300 Fälle, befinden sich momentan 29800 Personen auf der schwarzen Liste.

Seit 2014 hat sich die Zahl der säumigen Prämienzahler mehr als vervierfacht. Waren es 2014 noch 7300 Fälle, befinden sich momentan 29800 Personen auf der schwarzen Liste.

Keystone/Martin Ruetschi
Auch nächstes Jahr steigen die Prämien um durchschnittlich 4 Prozent an. Viele Versicherte schlittern aufgrund der steigenden Kosten in die Schuldenfalle.

Auch nächstes Jahr steigen die Prämien um durchschnittlich 4 Prozent an. Viele Versicherte schlittern aufgrund der steigenden Kosten in die Schuldenfalle.

Keystone/Heike Pietsch
M. T.s Krankenkasse bezahlte ihr plötzlich die dringend benötigten Medikamente gegen Depressionen nicht mehr – weil ihr Leiden nicht lebensgefährlich sei. Ein «kalter Entzug» war die Folge. «Den Krankenkassen ist es völlig egal, wie es uns geht, die kümmern sich nur um den Profit», sagt T. konsterniert.

M. T.s Krankenkasse bezahlte ihr plötzlich die dringend benötigten Medikamente gegen Depressionen nicht mehr – weil ihr Leiden nicht lebensgefährlich sei. Ein «kalter Entzug» war die Folge. «Den Krankenkassen ist es völlig egal, wie es uns geht, die kümmern sich nur um den Profit», sagt T. konsterniert.

zvg.

Neun Kantone führen eine schwarze Liste mit Personen, die ihre Krankenkassenprämien nicht mehr bezahlen. Seit 2014 hat sich die Zahl der säumigen Prämienzahler mehr als vervierfacht, wie die «Aargauer Zeitung» schreibt. Waren es 2014 noch 7300 Fälle, befinden sich momentan 29'800 Personen auf der schwarzen Liste. Auch nächstes Jahr steigen die Prämien um durchschnittlich 4 Prozent an. Viele Versicherte schlittern aufgrund der steigenden Kosten in die Schuldenfalle.

Wer einmal auf der schwarzen Liste steht, dem gewähren die Krankenkassen nur noch eine Notversorgung. Es werden also weder Medikamente noch ärztliche Versorgungsleistungen gezahlt, wenn die Situation nicht lebensbedrohlich ist. Betroffene haben 20 Minuten ihre Geschichte erzählt.

T. S.* (28), Rechtsangestellter: «Ich meide Arztbesuche»

Auch T. S. würde eine staatliche Krankenkasse mit direkter Abrechnung über den Lohn befürworten. S. bezeichnet sich selber als «notorischen Spät- oder Nichtzahler» der Krankenkassenprämien. Der studierte Rechtsangestellte wurde mit 26 von der Teuerung der Prämien, des Handy-Abos und der Steuern auf dem falschen Fuss erwischt und wurde betrieben. Obwohl er 100 Prozent berufstätig sei und weder Auto noch ÖV-Abonnement habe, komme er nicht zum Sparen. «Das ist sehr beschämend und zermürbend», sagt S. «Wer geht schon gerne bei der Familie betteln.» Ärztliche Konsultationen meide er daher grundsätzlich, Erkältungen, Infektionen oder Platzwunden kuriere er zu Hause aus. «Diese jährlichen Prämienaufschläge sind für mich darum nicht nachzuvollziehen», sagt S.

L. K.* (21), KV-Angestellte: «Ich habe Lebensmittel gekauft, anstatt Prämien zu zahlen»

«Ich finde es einen Witz, dass Lehrlinge nicht niedrigere Prämien haben», sagt K. Während der Lehre verdiente sie rund 1000 Franken, da sie allerdings schon von zu Hause ausgezogen war, reichte das Geld hinten und vorne nicht. «Ich habe die Krankenkasse vernachlässigt und dafür meine Miete bezahlt und Lebensmittel gekauft.» Sie will ihre Prämien eigentlich nicht schuldig bleiben, aber anders gehe es momentan nicht. «Bei mir liegt es nicht am Nichtwollen, sondern am Nichtkönnen», sagt sie.

M. T.* (56), Raumpflegerin: «Ich durchlebte einen kalten Entzug»

M. T.s Krankenkasse bezahlte ihr plötzlich die dringend benötigten Medikamente gegen Depressionen nicht mehr – weil ihr Leiden nicht lebensgefährlich sei. Ein «kalter Entzug» war die Folge. «Den Krankenkassen ist es völlig egal, wie es uns geht, die kümmern sich nur um den Profit», sagt T. konsterniert. Nachdem die Krankenkassenprämien 2016 für die Familie um mehrere Hundert Franken zunahmen, der Sohn volljährig wurde und darum die Prämienverbilligung und das Kindergeld für sie wegfiel, fing der Albtraum für M. T. an. «Wir sind wegen der Krankenkasse in die Schulden geschlittert», berichtet sie. Jahrelang habe sie brav ihre Steuern und Prämien bezahlt, aber sobald man in der Schweiz in Schwierigkeiten gerate, werde man alleingelassen. «Vor ein paar Jahren gehörten wir noch zum Mittelstand, jetzt leben wir in Armut», sagt T. Daher sei sie auch für die Einführung einer Einheitskasse.

P. V.* (33), Logistiker: «Wegen den Prämien ist unsere Familie verschuldet»

«Ohne Krankenkassenprämien wären wir nicht in den Schulden», sagt V., Vater eines dreijährigen Sohnes. In diesem Jahr konnte er das Geld für die Prämien praktisch nie aufbringen. Neben der teuren Miete und Steuern bliebe der Kleinfamilie am Monatsende nicht viel Geld übrig. «Ich fühle mich schlecht, aber man gewöhnt sich bekanntlich an alles», sagt V. Wenn der Bund die Prämienverbilligungen noch weiter kürze, werde es für ihn noch weniger möglich, die Prämien je wieder zu bezahlen. «Die Politik sollte dringend für eine Prämienreduktion sorgen», meint V.

*Namen der Redaktion bekannt

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